Der europäische Verteidigungssektor tritt in eine neue Phase ein. Über den vielfach beschriebenen Anstieg der Ausgaben hinaus zeigt sich ein struktureller Wandel: Die industrielle Basis verbreitert sich durch den Eintritt nicht-traditioneller Akteure. Technologieunternehmen wie ICEYE und Quantum Systems, Industrieunternehmen wie Alstom und Continental sowie Investoren wie Porsche SE und strategische Käufer wie Safran prägen das europäische Verteidigungsökosystem zunehmend und bringen zusätzliche Fähigkeiten, Kapital und neue Betriebsmodelle ein.
Technologien, Produktionskapazitäten und Kapital, die historisch in zivilen Märkten eingesetzt wurden, werden verstärkt für Verteidigungsanwendungen adaptiert. Dadurch verschwimmen klassische Branchengrenzen innerhalb der europäischen Industriebasis. In Deutschland wird diese Entwicklung besonders sichtbar: Teile des Automobil- und Maschinenbausektors stehen unter strukturellem Druck, während die Nachfrage im Defence-Bereich weiter steigt.
Dabei handelt es sich nicht nur um eine zyklische Reaktion auf geopolitische Entwicklungen, sondern um das Entstehen eines breiter diversifizierten und innovationsgetriebenen Ökosystems. In diesem gewinnen Dual-Use-Technologien eine zunehmend zentrale Rolle für die Entwicklung verteidigungsrelevanter Fähigkeiten.
Marktdynamik als Treiber des Wandels
Aktuelle Daten unterstreichen die Dynamik: Die Verteidigungsinvestitionen der EU erreichten 2024 mit 106 Milliarden Euro einen Rekordwert und machten 31 Prozent der gesamten Verteidigungsausgaben aus – der höchste jemals von der Europäischen Verteidigungsagentur erfasste Anteil. Parallel dazu hat die Europäische Kommission mit dem ReArm Europe Plan / Readiness 2030 finanzielle Hebel skizziert, die darauf abzielen, mehr als 800 Milliarden Euro an Verteidigungsausgaben und angrenzenden Investitionen zu mobilisieren.
Privates Kapital verstärkt diese Entwicklung. Laut Dealroom und dem NATO Innovation Fund erreichte das Venture-Capital-Volumen europäischer Start-ups in der Defence-, Security- und Resilience-Industrie im Jahr 2025 mit 8,7 Milliarden US-Dollar einen Höchstwert – ein Anstieg um 55 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Insbesondere das Late-Stage-Funding weitete sich deutlich aus und lag bei rund 4,7 Milliarden US-Dollar.
Über Venture Capital hinaus verbreitert sich die Kapitalbasis insgesamt. Den genannten Quellen zufolge nehmen Fremdkapital und Fördermittel parallel zum VC-Markt zu – ein Indikator für ein reifer werdendes Finanzierungsökosystem. Gleichzeitig erreichte die M&A-Aktivität in der europäischen Verteidigungs- und Dual-Use-Industrie 2025 einen historischen Höchststand und lag viermal so hoch wie vier Jahre zuvor. Treiber sind unter anderem neue Defence-Akteure, die Start-ups übernehmen, um ihr Angebot und ihre geografische Reichweite auszubauen.
Künstliche Intelligenz stand hinter 44 Prozent des Finanzierungsvolumens und unterstreicht die wachsende Bedeutung von Software, Daten und Autonomie im Sektor. Gleichzeitig weist die Europäische Kommission darauf hin, dass seit Februar 2022 in Europa mehr als 230 Defence-Tech-Start-ups gegründet wurden – viele davon mit Wurzeln im zivilen Deep-Tech-Bereich, deren Fähigkeiten nun für Verteidigungsanwendungen angepasst werden.