Digitale Radar‑ und Navigationsanzeigen in moderner Kontrollumgebung.

Multi-Domain Operations: Cloud als strategischer Hebel

Digitale Kriegstüchtigkeit entsteht durch die Cloud als Plattform für Geschwindigkeit, Vernetzung und resilienten Fähigkeitsaufbau.


Überblick:

  • Die Cloud ist in MDO ein operatives Fundament für Tempo, Datenqualität und vernetzte Führung. Echtzeit-Analytik und KI beschleunigen Entscheidungen.
  • Verteilte Architekturen erhöhen die Verfügbarkeit in gestörten Umgebungen. Standards ermöglichen Interoperabilität in Koalitionen bei klarer Datenhoheit.
  • Erfolg erfordert ganzheitlichen Fähigkeitsaufbau: Technologie, Organisation, Kultur, Innovation.

Die sicherheits- und verteidigungspolitische Lage Europas ist geprägt von dem anhaltenden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, hybriden Angriffen und einem beschleunigten Modernisierungsdruck. Digitale Verteidigungsfähigkeit wird damit zur strategischen Notwendigkeit. In Multi-Domain Operations (MDOs) wirken Land-, Luft-, See-, Weltraum- und Cyberkräfte simultan, teilen Informationen in Echtzeit und synchronisieren ihre Wirkung über digitale Führungs- und Entscheidungssysteme. Geschwindigkeit, Datenqualität und Vernetzung entscheiden zunehmend darüber, ob eine Mission erfolgreich geführt werden kann.

Cloud-Technologie ist in dieser Logik nicht „nur IT“. Richtig umgesetzt wird sie zum Rückgrat eines integrierten Fähigkeitsaufbaus: Sie vernetzt Daten und Anwendungen domänenübergreifend, skaliert Ressourcen flexibel und unterstützt datenbasierte Entscheidungen vom Gefechtsfeld bis zum Lagezentrum. Entscheidend: Welche Systeme in die Cloud überführt werden, ist Teil einer übergreifenden Transformation – technisch, organisatorisch und kulturell.

Die Cloud in Multi-Domain Operations – Transformation der Streitkräfte durch Daten, Vernetzung und Resilienz

Erfahren Sie, wie Cloud-Technologien Multi-Domain Operations konkret unterstützen – von Echtzeit-Lagebildern und resilienten Architekturen bis zur Interoperabilität in Koalitionen.

Cloud als operativer Enabler – was im Einsatz konkret besser wird

Cloud-Technologie wirkt in Multi-Domain Operations nicht „im Hintergrund“, sondern direkt entlang der operativen Wirkungskette – von der Datenerfassung bis zur Entscheidung. Richtig umgesetzt verbessert sie Tempo, Robustheit und Zusammenarbeit in Umgebungen, die durch Störungen, Ausfälle und hohe Dynamik geprägt sind. Konkret wird im Einsatz vor allem Folgendes besser:

  • Echtzeit und KI in der Wirkungskette: Große Sensordatenmengen (zum Beispiel Drohnen-Feeds, Radar) werden nahezu in Echtzeit zusammengeführt und KI-gestützt ausgewertet. Das beschleunigt belastbare Lagebilder und unterstützt Priorisierung sowie Entscheidungsfindung.
  • Resilienz und Redundanz in „contested“ Umgebungen: Verteilte Cloud-Architekturen ermöglichen automatische Umschaltungen (Failover) und erhöhen die Verfügbarkeit von Führungs- und Informationssystemen trotz Ausfällen, Störungen oder Angriffen. Hybride Ansätze helfen, Legacy-Systeme kontrolliert einzubinden.
  • Interoperabilität für Koalitionen und föderierte Strukturen: In multinationalen Einsätzen wird Interoperabilität zur Voraussetzung für ein gemeinsames Lagebild und koordinierte Wirkung. Standards und Föderationsansätze (zum Beispiel Federated Mission Networking) verbinden nationale Cloud-Umgebungen; Initiativen wie European Defence Operational Collaborative Cloud (EDOCC) unterstützen eine kooperationsfähige europäische Cloud-Logik.
  • Dezentrale Entscheidungsfindung bis an den taktischen Rand: Cloud-basierte Analyse- und Informationsdienste lassen sich bis in mobile Gefechtsstände und verlegefähige Komponenten bringen. So erhalten Einsatzkräfte relevante Informationen dort, wo Entscheidungen fallen – bei nachvollziehbarer Datenhoheit und klaren Zugriffsregeln.

Cloud-Migration als strategischer Hebel – worauf es bei der Priorisierung ankommt

Cloud-Migration ist im militärischen Kontext weit mehr als ein technischer Migrationspfad. Sie entscheidet darüber, ob Anwendungen künftig robust, vernetzt und entlang einer Edge-Fog-Cloud-Architektur betreibbar sind – und ob Daten zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort verfügbar sind. Für die Priorisierung haben sich sechs Leitkriterien bewährt:

  1. Kritikalität: Missionskritische Systeme brauchen Hochverfügbarkeit und oft hybride Betriebsmodelle.
  2. Echtzeitbedarf: Niedrige Latenztoleranz erfordert Edge-/Fog-Verarbeitung und Bandbreitenpriorisierung.
  3. Vernetzungsgrad: Je stärker integriert, desto größer der Transformationshebel – vorausgesetzt, die Kette ist cloudfähig.
  4. Datensensitivität: VS -/Geheimhaltungsanforderungen benötigen gesicherte, akkreditierte Umgebungen.
  5. Resilienz: Anwendungen müssen Unterbrechungen durch Pufferung, Synchronisation und Fallback beherrschen.
  6. Interoperabilität: NATO-/EU-Föderation verlangt Standardkonformität.

Aus diesen Kriterien entsteht eine Roadmap – unterstützt durch Applikationslandkarte, Cloud-Readiness-Analyse, ein Scoring-Modell und die Wahl passender Migrationspfade (Rehost/Refactor/Replace). Sicherheits- und Exit-Management (Portabilität, offene Standards) sollten von Beginn an mitgedacht werden.

Fähigkeitsaufbau gelingt nur ganzheitlich – vier Dimensionen

Cloud-Fähigkeiten entstehen nicht automatisch durch Technologieentscheidungen. In MDOs braucht es einen ganzheitlichen Aufbau, der Technik, Steuerung, Zusammenarbeit und Innovationsfähigkeit zusammenbringt. Nur wenn diese Dimensionen aufeinander abgestimmt sind, lässt sich die Cloud operativ wirksam, sicher und nachhaltig skalieren. Die vier zentralen Dimensionen sind:

  • Technologie: Edge-Fog-Cloud und Multi-Cloud-Föderation
    Rechenleistung muss dort verfügbar sein, wo sie operativ benötigt wird. Mehrschichtige Architekturen (Edge, Fog, zentrale Cloud) verbinden niedrige Latenz mit Skalierung. Multi-Cloud und Föderation erhöhen Souveränität und Resilienz – vorausgesetzt, Schnittstellen und Sicherheitsrichtlinien sind konsequent standardisiert. Kommunikationsvielfalt bleibt dabei essenziell: Ohne stabile Verbindung keine Cloud.
  • Organisation: Governance und gemeinsame Datenräume
    Die Cloud erfordert klare Verantwortlichkeiten, Prozesse und Steuerungslogik. Ein zentrales Cloud Enablement Office kann Architekturprinzipien, Sicherheitsvorgaben und Schnittstellen koordinieren. Schutzbedarfsorientierte Datenräume schaffen die Basis, operative, logistische und administrative Informationen kontrolliert zusammenzuführen.
  • Kultur: vom „Need to know“ zum „Need to share“
    Vernetzte Operationsführung lebt von verantwortungsvoller Informationsfreigabe. Führung muss diese Haltung vorleben und über Freigabeprozesse, Klassifizierung sowie Kompetenzaufbau absichern. Digitale Führungsfähigkeit (Cloud, Datenanalyse, Cyber) gehört systematisch in Ausbildung, Übung und Laufbahnentwicklung.
  • Innovation: Rapid Prototyping und Dual Use systematisch nutzen
    Geschützte „Digital Labs“ in militärischen Cloud-Umgebungen ermöglichen Tests und Prototypen ohne Risiko für operative Systeme. Dual-Use-Innovation wird wirksam, wenn Kooperationen mit Start-ups, Forschung und Industrie gezielt aufgebaut und durch flexible Prototyping-Modelle unterstützt werden.

Fazit

Die zentrale Botschaft: Künftige Wirksamkeit entsteht nicht allein durch Material, sondern durch Vernetzung, Geschwindigkeit und digitale Führungsfähigkeit. Die Cloud ist dafür das Fundament – aber nur, wenn Migration, Governance, Fähigkeiten und Kulturwandel gemeinsam gedacht und gesteuert werden.

Wenn Sie Beispiele, Best Practices und Handlungsempfehlungen im Detail nutzen möchten, lohnt sich der Blick in das vollständige Point of View. Es bietet eine strukturierte Orientierung, wie die Cloud in MDOs von der Zielarchitektur bis zum organisatorischen Enablement umgesetzt werden kann.

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