Luftaufnahme einer beleuchteten Autobahnkreuzung mit Lichtspuren bei Nacht.

Wie sieht die Zukunft der automobilen Kreislaufwirtschaft in Europa aus?

Kreislaufwirtschaft wird zum Wettbewerbshebel in der Automobilindustrie in Europa. Akteure müssen sich jetzt strategisch positionieren.


Überblick:

  • Zirkularität wird in der europäischen Automobilindustrie zum strategischen Hebel für Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und neue Wertschöpfung.
  • Zur Etablierung einer Kreislaufwirtschaft braucht es einen ganzheitlichen Ansatz und die Überwindung industrieweiter Hürden.
  • Industrieakteure sollten jetzt handeln, um sich strategisch im entstehenden Ökosystem für eine zirkularitätsgetriebene Zukunft zu positionieren.

Die Kreislaufwirtschaft ist in der europäischen Automobilindustrie ins Zentrum strategischer Entscheidungsprozesse gerückt. Was ursprünglich als regulatorische Verpflichtung entstand, entwickelt sich zunehmend zu einer Quelle nachhaltiger Wettbewerbsvorteile. Regulatorische Vorgaben der Europäischen Union – etwa zu Rezyklatquoten, Altfahrzeugen, Batterien und Nachhaltigkeitsberichterstattung – bleiben ein zentraler Treiber der zirkulären Transformation.

Gleichzeitig nimmt jedoch die wirtschaftliche Attraktivität zirkulärer Geschäftsmodelle deutlich zu, indem Zugänge zu neuen Profitpotenzialen eröffnet werden. So wird prognostiziert, dass der europäische Markt für die automobile Kreislaufwirtschaft von rund 26 Milliarden Euro im Jahr 2024 bis 2034 auf etwa 87 Milliarden Euro wachsen wird.

Darüber hinaus stärken geschlossene Materialkreisläufe die Resilienz und Versorgungssicherheit in zunehmend volatilen Lieferketten und bieten einen zentralen Hebel zur Sicherung kritischer Materialien angesichts zunehmender Knappheit. Im kommenden Jahrzehnt wird Zirkularität die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Automobilindustrie daher nicht nur unterstützen, sie wird sie maßgeblich definieren.


EY-Parthenon’s Point of View zu „Winning Automotive Circularity“

Erfahren Sie, wie Akteure der Automobilindustrie das volle Potenzial der Kreislaufwirtschaft ausschöpfen können, um Resilienz, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.


Vier Handlungsfelder und drei Barrieren prägen die zirkuläre Transformation

Um dieses Potenzial zu realisieren, ist ein grundlegender Wandel in der Konzeption, Produktion und Monetarisierung von Fahrzeugen und Komponenten erforderlich. Es bedarf eines ganzheitlichen Ansatzes entlang des gesamten Fahrzeuglebenszyklus, der vier zentrale Handlungsfelder inkludiert:

  1. Zirkuläres Design: Entwicklung von Fahrzeugen und Komponenten für Demontage, Reparatur und Recycling
  2. Zirkuläre Bauteile: Wiederaufbereitung und Wiederverwendung von Teilen und Komponenten
  3. Zirkuläre Materialien: verstärkter Einsatz sekundärer Materialien in Fahrzeugen und Komponenten
  4. Zirkuläre Vertriebsmodelle: Übergang zu nutzungs- und lebenszyklusorientierten Vertriebsmodellen

Die zirkuläre Transformation hat bereits begonnen. Branchenweit investieren Unternehmen in zirkuläre Innovationen, bauen erste operationelle Fähigkeiten auf und etablieren initiale Partnerschaften. Dennoch bleiben die meisten Kreislaufwirtschaftsinitiativen trotz dieser Dynamik fragmentiert, im Umfang begrenzt oder kommerziell noch nicht bewiesen. Die Kluft zwischen zirkulärer Ambition und operativer Realität ist weiterhin groß.

Hauptursächlich hierfür sind drei strukturelle Barrieren:

  • Erstens erschwert ein hochkomplexes und fragmentiertes Ökosystem mit vielen, nur begrenzt koordinierten Akteuren entlang der Wertströme für Fahrzeugteile und ‑materialien eine wirksame vollständige Schließung von Kreisläufen.
  • Zweitens ist die wirtschaftliche Tragfähigkeit vieler zirkulärer Geschäftsmodelle aufgrund von einer Reihe von operativen Herausforderungen bislang nicht nachhaltig belegt. Hierzu zählen etwa der begrenzte Zugang zu Altfahrzeugen und Altfahrzeugteilen, die Komplexität von Demontage- und Triageprozessen sowie die begrenzte Verfügbarkeit qualitativ hochwertiger und transparent rückverfolgbarer Rezyklate.
  • Drittens fehlt es an klarer strategischer Verankerung und langfristiger Verpflichtung, indem Unternehmen – und die Industrie insgesamt – Kreislaufwirtschaft aktiv priorisieren, verbindlich investieren und sich auf gemeinsame Ziele und Rahmenbedingungen verständigen.

Vier Zukunftsszenarien zeigen die Pfade der zirkulären Automobilindustrie

Stand heute bleibt die Zukunft der automobilen Kreislaufwirtschaft ungewiss. Zwar nimmt das Marktmomentum zu, jedoch bestehen weiterhin Unsicherheiten darüber, wie stark sich die zugrunde liegenden Treiber der zirkulären Transformation tatsächlich auswirken werden und ob es der europäischen Automobilindustrie gelingt, die bestehenden Barrieren nachhaltig zu überwinden.

Um dieser Unsicherheit zu begegnen und aussagekräftige strategische Orientierung für Industrieakteure abzuleiten, haben wir eine zukunftsgerichtete Perspektive eingenommen und vier alternative Szenarien entwickelt, die veranschaulichen, wie sich die zirkuläre Automobillandschaft in Europa bis 2040 entfalten könnte – und was diese Zukunftsverläufe für Unternehmen heute bedeuten.


Unabhängig vom Szenario sticht eine Erkenntnis besonders hervor: Kollaboration wird entscheidend sein. Die automobile Kreislaufwirtschaft kann nicht isoliert erreicht werden, da kein Unternehmen den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs oder seiner Materialien kontrolliert. Eine echte Kreislaufwirtschaft erfordert koordinierte Maßnahmen in einem erweiterten Ökosystem – von Demontagebetrieben und Logistikdienstleistern über Materiallieferanten und Technologiepartner bis hin zu den Automobilherstellern selbst.
 

Um sich angesichts der zirkulären Transformation zukunftsfähig aufzustellen, sollten Unternehmen bereits heute drei strategische Kernaufgaben in Angriff nehmen:

  1. Ihre eigene Ambition in Bezug auf Kreislaufwirtschaft klar definieren
  2. Die angestrebte Rolle im künftigen Ökosystem festlegen
  3. Eine gezielte Partner- und Ökosystemstrategie entwickeln

Fazit

Zirkularität wird zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor für die Zukunft der europäischen Automobilindustrie. Der Ausgang dieser Transformation hängt maßgeblich von der Eigenverpflichtung und der Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure entlang der Wertschöpfungskette ab. Frühzeitiges, gemeinschaftliches Handeln ist dabei nicht nur Voraussetzung für ökologische Wirkung, sondern auch strategisch zwingend erforderlich, um Materialströme zu sichern, resiliente zirkuläre Wertschöpfungsketten aufzubauen und das volle wirtschaftliche Potenzial der Kreislaufwirtschaft zu erschließen. Für die europäische Automobilindustrie wird es essenziell sein, zirkuläre Zusammenarbeit zur obersten Priorität zu machen, um Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu sichern.

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