Der europäische Markt für gewerbliche Immobilienfinanzierungen befindet sich im größten Umbruch seit der globalen Finanzkrise. In Deutschland und ganz Europa brandet eine Refinanzierungswelle historischer Dimension auf den Markt: Allein 2025 liefen gewerbliche Immobilienkredite im Volumen von rund 130 Milliarden Euro aus, in diesem Jahr dürfte sich die „Maturity Wall“ an notwendigen Refinanzierungen und Umschuldungen europaweit sogar auf 185 Milliarden Euro auftürmen. Banken ziehen sich aus großen Teilen des Marktes zurück oder reduzieren ihr Engagement deutlich. Die entstehende Lücke muss durch andere Finanzierungsinstrumente geschlossen werden – durch Whole Loans, Stretched Senior-Finanzierungen, Private Debt und mezzanines Kapital. Parallel sollten Kreditverträge an heutige Marktbedingungen angepasst werden. Frühzeitige Refinanzierungsstrategien mit Szenario‑ und Re‑Rating‑Analysen werden zum Erfolgsfaktor.
Zinswende, Preisrückgänge, energetische Sanierung
Die Zinswende hat seit 2022 die Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Die Finanzierungskosten stiegen in kurzer Zeit um 250 bis 300 Basispunkte. Parallel dazu gaben Immobilienwerte – je nach Segment – um 20 bis 40 Prozent nach. Infolgedessen bewegen sich viele Finanzierungen heute an der Grenze banküblicher Kennzahlen. Hinzu kommen neue Herausforderungen: Über 75 Prozent des europäischen Gebäudebestands gelten als energetisch ineffizient. Die Kombination aus Taxonomie, Sanierungsdruck und Modernisierungspflichten führt zu erheblichem Kapitalbedarf. Für Eigentümer entstehen damit zusätzliche Belastungen in einer Phase, in der bereits die Basiskredite kaum bankfähig refinanziert werden können. Überfällige CapEx-Programme werden daher häufig verschoben, was ESG-Risiken und Wertverluste weiter verstärkt („Debt Overhang“).
Banken geraten unter Druck …
Zur gleichen Zeit treffen die regulatorischen Anforderungen durch Basel IV und CRR III/IV das Bankensystem im Immobilienbereich weiterhin mit voller Wucht. Gewerbliche Projektentwicklungen werden heute als Hochrisiko Engagement mit 150 Prozent Risikogewicht eingestuft. Zudem limitiert die neue Eigenmitteluntergrenze die Vorteile interner Risikomodelle, sodass Banken künftig mindestens 72,5 Prozent des Standardansatzes bei der Berechnung der risikogewichteten Aktiva (RWA) ansetzen müssen. Für Immobilienkredite bedeutet dies faktisch eine Verdoppelung bis Verdreifachung der notwendigen Kapitalunterlegung.
… und wollen Ausfälle verhindern
Gleichzeitig möchten Banken Klassifikationen von Krediten als notleidend um jeden Preis vermeiden, da diese automatisch Wertberichtigungen, strenge Backstop Regeln und intensiven Aufsichtsdruck auslösen. Angesichts gesunkener Immobilienwerte könnte eine NPL-Einstufung erhebliche Abschreibungen in den Bilanzen der Banken erzwingen (Non‑Performing Loan bzw. ausfallgefährdeter Kredit). Statt Kredite fällig zu stellen, bevorzugen Banken daher Laufzeitverlängerungen und veränderte Konditionen („Amend & Extend“), moderate Anpassungen der Vertragsbedingungen („Extend & Control“) oder die Sicherung einer kleineren Senior Position.
Private Debt und neuer Standard
Der Rückzug der Banken hat eine Finanzierungslücke gerissen, die zunehmend durch Investmentfonds („Debt Funds“), „Private Debt“‑Plattformen und Spezialfinanzierer geschlossen wird. Diese zeichnen sich durch Schnelligkeit, Flexibilität und Bereitschaft zu höheren Beleihungswerten („LTV“) aus. Debt Funds bieten insbesondere in Situationen, in denen Amend & Extend nicht mehr ausreicht oder Banken aus Risikogründen nicht verlängern können, eine echte Refinanzierungsalternative. „Whole Loan“ Strukturen mit Beleihungsausläufen von 70 bis 80 Prozent ersetzen zunehmend die klassische Aufteilung in Senior und Mezzanine. Ergänzend gewinnen Stretched Senior Finanzierungen an Bedeutung, die das Senior Ticket durch eine risikoaffine Zusatztranche ergänzen.
Kooperationsmodelle
Ein weiterer Trend sind Kooperationsmodelle zwischen Banken und Debt-Funds, bei denen Banken eine niedrig beliehene Senior-Position halten und Debt Funds den Junior Teil übernehmen. Diese Modelle bieten Immobilienunternehmen höhere Finanzierungstickets, während Banken ihren regulatorischen Kapitaldruck reduzieren können. Parallel dazu werden synthetische Risikotransfers und „Loan on Loan“-Strukturen genutzt, um gezielt das Exposure in Kreditportfolios oder bei Einzeldarlehen zu reduzieren.
Kapitalstruktur optimieren
Eine entscheidende Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch die Kapitalstrukturoptimierung. In vielen Situationen werden Senior-Finanzierungen mit „Preferred Equity“ Investoren oder Whole-Loan-Strukturen kombiniert, um die Beleihungsquote zu senken und die Refinanzierbarkeit wiederherzustellen. Um bei nur moderat gestiegenen Mieteinnahmen die deutlich gestiegene Zinsbelastung tragen zu können, werden Anschlussfinanzierungen häufig mit deutlich reduzierten Tilgungen oder gar einem Tilgungsverzicht abgeschlossen. Hierbei sind Debt Funds in der Regel deutlich flexibler als die Banken.
ESG-Aufwand
Gleichzeitig gewinnt der ESG-bezogene Kapitalaufwand erheblich an Bedeutung. Denn energetische Sanierungen und Modernisierungen verbessern nicht nur die Objektqualität, sondern eröffnen Immobilienunternehmen über entsprechende ESG-Margen Zugang zu günstigeren Konditionen und schaffen höhere Akzeptanz bei alternativen Kreditgebern.
„Waiver & Covenant“‑Reset: Zeit gewinnen, Substanz sichern
Parallel zur Suche nach alternativen Finanzierungspartnern müssen Immobilienunternehmen ihre bestehende Finanzierungsdokumentation grundlegend aktualisieren. Viele Verträge stammen noch aus dem Niedrigzinsumfeld. Unter heutigen Marktbedingungen führen DSCR‑Stress, LTV‑Brüche, Valuation‑Resets und Cash‑Sweep‑Trigger häufig vertragstechnisch zu Kündigungsgründen („Defaults“), die Refinanzierungen erschweren und den Handlungsspielraum der Investoren deutlich einschränken. Ein zentraler Stabilisierungsschritt ist daher zunächst der Abschluss von Waiver‑Vereinbarungen (z. B. temporäre Covenant‑Holidays, verlängerte Testintervalle), regelmäßig ergänzt durch einen Covenant‑Reset (Neufestlegung von DSCR‑, ICR‑ oder LTV‑Parametern). Ziel ist es, Zeit zu gewinnen, Kredite stabil zu halten und die spätere Refinanzierung vorzubereiten – ohne eine NPL‑Klassifikation auszulösen, die prudenzielle Mindestwertberichtigungen (Backstop) und erhöhten Aufsichtsdruck nach sich ziehen würde.
Lange Vorbereitungsphase
In der praktischen Umsetzung zeigt sich: Professionelle Debt-Advisory-Prozesse sind essenziell. Immobilienunternehmen sollten ausreichend früh (idealerweise mindestens 12 Monate) vor Fälligkeit mit einer strukturierten Portfolioanalyse beginnen. Dazu gehören Einteilungen nach Refinanzierbarkeit, Szenarioanalysen (Base/Down/Severe), ESG Bewertungen und eine gezielte Marktansprache differenziert nach Banken, Debt Funds und Spezialfinanzierern.
Werkzeugkasten der Restrukturierung
Neben marktseitigen und dokumentationsbezogenen Maßnahmen spielen harte und weiche Restrukturierungsoptionen eine immer wichtigere Rolle. Sie bilden den Rahmen, in dem sich neue Kapitalstrukturen vertraglich und regulatorisch sauber abbilden lassen.
Amend & Extend
Wenn Objektqualität und Cashflows grundsätzlich stabil sind, ist A&E und A&C (Amend & Extend and Amend & Control) häufig die pragmatischste Lösung. Banken verlängern die Laufzeit moderat und passen die Kreditbedingungen an. Dieses Instrument ist regelmäßig das Mittel der ersten Wahl, um nicht notleidende Kredite zu stabilisieren.