- Umsatz deutscher Industrieunternehmen wächst im ersten Quartal 2026 um 1,7 Prozent – erstes Plus nach zehn Minus-Quartalen
- Beschäftigungsabbau hält an: 2,3 Prozent weniger Industriejobs als im Vorjahr
- Seit 2019 sind 341.500 Industriearbeitsplätze weggefallen – das ist jeder siebzehnte Industriejob
- Autoindustrie besonders betroffen: Seit 2019 ist jeder siebte Arbeitsplatz weggefallen
Der Stellenabbau in der deutschen Industrie hält unvermindert an: Zum Ende des ersten Quartals dieses Jahres lag die Zahl der Beschäftigten bei Industrieunternehmen in Deutschland um 127.300 bzw. 2,3 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Seit dem Vor-Corona-Jahr 2019 sind damit 341.500 Industriejobs in Deutschland verloren gegangen – ein Rückgang um gut sechs Prozent. Anders ausgedrückt: Seit 2019 ist in Deutschland jeder siebzehnte Industriearbeitsplatz verschwunden.
Besonders stark fällt der Stellenabbau in der Automobilindustrie aus, wo seit 2019 sogar jeder siebte Arbeitsplatz verloren gegangen ist. In den vergangenen zwölf Monaten sank die Beschäftigung in der Autobranche um 32.000, seit 2019 sogar um etwa 125.800. Damit schrumpfte die Zahl der Beschäftigten in dieser Branche im vergangenen Jahr um vier Prozent, seit 2019 sogar um 15 Prozent.
Prozentual noch stärkere Einbußen verzeichnete die Textilindustrie, in der seit 2019 rund 22 Prozent der Arbeitsplätze verloren gingen. In der Metallindustrie sank die Beschäftigung im gleichen Zeitraum um 15 Prozent. Gegen den allgemeinen Negativtrend konnten lediglich zwei Branchen Stellen aufbauen: In der Chemie- und Pharmaindustrie stieg die Beschäftigung seit 2019 um drei Prozent, in der Elektroindustrie um zwei Prozent.
Der Grund für den aktuellen Stellenabbau in der deutschen Industrie ist die schwache Umsatzentwicklung, bei der sich im ersten Quartal dieses Jahres allerdings möglicherweise eine Trendwende andeutet: Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Industrieumsatz um 1,7 Prozent – nachdem in den vorangegangenen zehn Quartalen Umsatzrückgänge verzeichnet worden waren. Zuletzt hatte die deutsche Industrie im zweiten Quartal 2023 ein Wachstum verzeichnet.
Der Hauptgrund für das Umsatzwachstum im ersten Quartal ist das sehr starke Umsatzplus der Metallbranche, die um 18 Prozent wuchs – angetrieben durch ein Exportwachstum von 28 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Ein leichtes Plus schafften auch die Autoindustrie (2,1 Prozent) und die Elektroindustrie (1,4 Prozent).
Besonders schwach haben sich im abgelaufenen Quartal hingegen die Papier- und die Textilindustrie entwickelt mit Umsatzeinbußen von sechs bzw. acht Prozent.
Das sind Ergebnisse des aktuellen EY-Industriebarometers, das die Umsatz- und Beschäftigungsentwicklung der deutschen Industrie sowie einzelner Schlüsselbranchen analysiert. Basis der Analyse sind Rohdaten, die vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht werden.
„Das leichte Umsatzplus der deutschen Industrie ist in erster Linie einer Branche – der Metallindustrie – zu verdanken. Die meisten anderen Industriebranchen bleiben hingegen im Rückwärtsgang. Und die kommenden Monate werden zeigen, ob es sich beim Wachstum einiger weniger Branchen nur um ein Strohfeuer handelt oder um eine Trendwende. Zuletzt haben Umsatzrückgänge auf breiter Front die Situation in der deutschen Industrie geprägt – nach drei Jahren mit kontinuierlichen Rückgängen geht das inzwischen an die Substanz“, sagt Jan Brorhilker, Managing Partner des Geschäftsbereichs Assurance von EY in Deutschland. Auch die von der Bundesregierung bislang ergriffenen Maßnahmen zur Stützung der deutschen Industrie zeigten bislang kaum Wirkung, so Brorhilker: „Der Industriestrompreis oder die Senkung der Körperschaftssteuer sind wichtige Schritte, die aber erst in Zukunft greifen werden und wenig zur Lösung der aktuellen Probleme beitragen.“ Zusätzliche Belastungen ergäben sich aus geopolitischen Konflikten, wachsendem Protektionismus und Handelsstreitigkeiten. „All das führt dazu, dass es derzeit an Zuversicht und Vertrauen in den Standort mangelt. Ohne Investitionen aber gibt es keinen Aufschwung – in diesem Teufelskreis steckt die Industrie derzeit fest. Eine nachhaltige Trendwende beim Umsatz wäre ein enorm wichtiges Signal und könnte branchenübergreifend wieder zu mehr Optimismus führen.“
Dass in diesem Umfeld auch die Beschäftigung weiter sinke, sei allerdings nicht zu vermeiden, so Brorhilker: „Bei den Unternehmen besteht nach mehreren Jahren mit Umsatzrückgängen inzwischen die Bereitschaft, auch radikale Einschnitte vorzunehmen, die man bislang immer vermieden hatte. Sorgen um einen künftigen Fachkräftemangel treten angesichts einer schwachen Auftragslage, schlechter Finanzzahlen und eines zunehmenden Wettbewerbsdrucks zunehmend in den Hintergrund.“
Überkapazitäten in der Industrie müssen abgebaut werden
Brorhilker rechnet daher mit weiteren Jobverlusten: „In vielen Branchen bestehen erhebliche Überkapazitäten. Unausgelastete Produktionsstätten verursachen hohe Kosten. Vor dem Hintergrund eines stagnierenden Heimatmarktes und wachsender Probleme auf wichtigen Exportmärkten stehen bei vielen Unternehmen inzwischen nicht mehr nur Sparprogramme, sondern auch die Schließung ganzer Werke zur Diskussion.“
Wenn sich die Lage nicht spürbar verbessere, bleibe in einigen Fällen nur dieser Schritt, um wirtschaftlich wieder handlungsfähig zu werden. „Eine solche Situation hat es in der deutschen Industrie sehr lange nicht gegeben“, so Brorhilker. „In Verbindung mit der steigenden Zahl von Industrieinsolvenzen droht ein spürbarer Abbau industrieller Substanz.“ Im Jahr 2025 stieg die Zahl der Insolvenzen um zwölf Prozent auf knapp 1.650.
Die Folgen des daraus resultierenden Beschäftigungsabbaus seien von Region zu Region unterschiedlich, sagt Brorhilker: „Stark industriell geprägte Regionen erleben gerade einen Strukturwandel, mit dem kaum jemand gerechnet hatte. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Perspektiven für Schul- und Hochschulabsolventen trüben sich ein, kommunale Steuereinnahmen sinken – mit weitreichenden Folgen für die gesamte regionale Wirtschaft, etwa auch für den Immobilienmarkt.“
Exporte entwickeln sich erneut besser als Inlandsnachfrage
Ein positives Signal gibt es von der Inlandsnachfrage, die zuletzt besonders stark gesunken war: Im ersten Quartal stieg sie hingegen um 1,6 Prozent, die Exporte legten insgesamt um 1,9 Prozent zu, Exporte in die Länder der Eurozone stiegen sogar um 4,3 Prozent. „Aus dem europäischen Ausland kommen deutlich stärkere Wachstumsimpulse als aus Deutschland selbst“, beobachtet Brorhilker. „Aber auch eine steigende Nachfrage in Europa kann die Probleme in den USA und China nicht dauerhaft wettmachen, die lange wichtige Wachstumsmärkte für die deutsche Industrie waren“. Brorhilker sagt: „Die Globalisierung wird aktuell zurückgedreht, wirtschaftlicher Nationalismus und Handelskriege stellen das Geschäftsmodell des Standorts Deutschland auf eine harte Probe. Auf diese Herausforderungen müssen viele Unternehmen noch eine Antwort finden“.
Hier können Sie die Studie kostenlos herunterladen.