- Bilanz des ersten Quartals: Zahl der IPOs mit 230 um 23 Prozent niedriger als im Vorjahr, Volumen dennoch um 36 Prozent gestiegen
- IPO-Aktivität in China deutlich über Vorjahresniveau; in Europa Rückgang der IPOs um 18 Prozent, aber Zuwachs von 48 Prozent beim Volumen, Zahl der IPOs in den USA sinkt um 55 Prozent
- Guter Start in Deutschland: drei Börsengänge – zwei davon aus der Verteidigungsindustrie
- Ausblick: Verteidigungsindustrie, Infrastruktur und künstliche Intelligenz treiben IPO-Aktivität im Jahr 2026
Nach einem vielversprechenden Start ins Jahr 2026 führten neue geopolitische Spannungen und der weltweite Anstieg der Energiepreise zu einem deutlichen Rückgang auf dem IPO-Markt: Die Zahl der Börsengänge schrumpfte gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 23 Prozent und lag mit 230 auf dem niedrigsten Stand seit sechs Jahren. Zuletzt waren im zweiten Quartal des COVID-Jahres 2020 mit 195 IPOs weniger Börsengänge registriert worden als im abgelaufenen Quartal.
Obwohl deutlich weniger Unternehmen den Sprung aufs Parkett wagten, stieg das Emissionsvolumen deutlich: um 36 Prozent auf 40,6 Milliarden US-Dollar. Während die Zahl der Börsengänge mit einem Emissionsvolumen oberhalb von 500 Millionen US-Dollar von 14 auf 22 stieg, gab es deutlich weniger kleinere IPOs: Die Zahl der Börsengänge mit einem Wert von weniger als 100 Millionen US-Dollar sank von 237 auf 146.
Der weltweit größte Börsengang des ersten Quartals fand in Europa statt: Der tschechische Munitionshersteller CSG erzielte bei seiner Erstnotiz an der Amsterdamer Euronext erzielte ein Platzierungsvolumen von 4,5 Milliarden US-Dollar.
Auch in Deutschland prägte das deutlich gestiegene Investoreninteresse Unternehmen aus der Verteidigungsindustrie das IPO-Geschehen: Von den drei Unternehmen, die in Deutschland im ersten Quartal an die Börse gingen, lassen sich zwei – Vincorion mit einem Volumen von 345 Millionen Euro sowie Gabler mit 133 Millionen Euro – dem Rüstungssektor zuordnen. Zusätzlich absolvierte der österreichische Kupfer-Spezialist Asta Energy den Börsengang an der Frankfurter Börse und erzielte dabei ein Emissionsvolumen von 191 Millionen Euro. Zudem ist die Hamburger Arenit Industrie SE im Rahmen einer Privatplatzierung an den schwedischen Nasdaq First North Premier Growth Market gegangen.
Das sind Ergebnisse des aktuellen IPO-Barometers des Prüfungs- und Beratungsunternehmens EY.
Dr. Martin Steinbach, Partner und Leiter des Bereichs IPO and Listing Services bei EY. „Die neue Zuspitzung der Krise im Nahen Osten hat sich weltweit stark auf die IPO-Märkte ausgewirkt, die Zahl der IPOs ist auf ein sechs-Jahres-Tief gesunken. Wir erleben stark steigende Energiepreise, eine erhöhte Volatilität an den Kapitalmärkten und zeitweise starke Rückgänge an den Aktienmärkten. Parallel dazu sind auch wieder handelspolitische Unsicherheiten stärker in den Fokus gerückt. Allerdings gibt es keinen vollständigen Stopp aller Aktivitäten, sondern eher eine starke Konzentration der Investorennachfrage auf ausgewählte Sektoren und etablierte Unternehmen, die bereits vor dem Börsengang eine kritische Größe, robuste Geschäftsmodelle und eine überzeugende Erfolgsbilanz vorweisen können.“
Trotz des herausfordernden Umfelds zeigen sich die globalen IPO-Märkte insgesamt bemerkenswert widerstandsfähig, findet Steinbach: „Zwar wurden einzelne Transaktionen verschoben oder hatten Schwierigkeiten bei Preisfindung, jedoch profitieren Verteidigungs-, Luftfahrt- und Infrastrukturwerte vom geopolitischen Umfeld, so dass man in diesen Bereichen fast schon von einem IPO-Boom sprechen kann.“
Weniger Breite, mehr Tiefe im IPO-Markt
Was sich schon in den Vorjahren in Zeiten erhöhter Volatilität angedeutet hat, wird nun noch deutlicher, so Steinbach: „In einem Umfeld erhöhter Unsicherheit bevorzugen Investoren Emittenten mit starker Ertragskraft, klarer Marktpositionierung und belastbaren Wachstumsperspektiven. Damit öffnet sich die Schere zwischen IPO-fähigen Unternehmen und solchen mit schwächerem Profil weiter. Das heißt für die kommenden Monate: Weniger Transaktionen insgesamt, dafür einzelne sehr große und stark beachtete Börsengänge.“
Vor allem in Europa erwartet Steinbach, dass weitere Börsengänge aus dem Verteidigungs- und Infrastrukturbereich folgen. „Die verstärkten Anstrengungen der NATO-Staaten, ihre Verteidigungsausgaben in Richtung des 5-Prozent-Ziels des BIP zu erhöhen, wovon ein Teil auf kritische Infrastruktur entfällt, sorgen für gute Perspektiven für die Unternehmen der Verteidigungsindustrie“, sagt Steinbach.
Neben Aerospace & Defense bleibe auch Künstliche Intelligenz mit den erwarteten Blockbuster IPOs aus den USA ein zentraler Treiber des IPO-Marktes, so Steinnach – allerdings verschiebe sich der Fokus zunehmend weg von reinen Visionen hin zu konkreten, skalierbaren Anwendungen, insbesondere im Bereich KI Infrastruktur, Rechenzentren, Halbleiter und industrielle Anwendungen.“
Internationale Märkte im Jahresvergleich
- In China (einschließlich Hongkong) wurden 68 Neuemissionen (Vorjahr: 50) gezählt mit einem Gesamtwert von 16,7 Mrd. US-Dollar – ein Plus von 181 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und der größte Anstieg unter allen relevanten Börsenplätzen.
- Der US-Markt lag bei der Zahl der Deals (27; minus 55 Prozent) im Minus; das Emissionsvolumen lag mit 10,2 Milliarden US-Dollar 13 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum.
- In Europa gingen zwar weniger Unternehmen an die Börse als im ersten Quartal 2025 (28; minus 18 Prozent). Dank des Mega-IPOs von CSG stieg aber das Platzierungsvolumen deutlich: um 48 Prozent auf 6,4 Milliarden US-Dollar.
- Beim Blick auf die Branchen dominierten Advanced Manufacturing (42 IPOs, 11,3 Milliarden US-Dollar) und Technology (38 IPOs, 8,8 Milliarden US-Dollar).
- Im Ranking der größten Börsengänge des ersten Quartals folgen auf CSG das US-Energieinfrastrukturunternehmen Forgent Power Solutions mit einem Emissionsvolumen von 1,7 Milliarden US-Dollar und dahinter der chinesische Fleischproduzent Muyuan Foods mit 1,4 Milliarden US-Dollar.