- Industrieumsatz wächst im zweiten Quartal 2026 um 4,7 Prozent – zweites Wachstumsquartal in Folge
- Beschäftigungsabbau beschleunigt sich: 2,7 Prozent weniger Industriejobs als im Vorjahr – binnen eines Jahres rund 144.000 Stellen verloren
- Seit 2019 sind rund 379.150 Industriearbeitsplätze weggefallen – ein Rückgang um 7,0 Prozent
- Autoindustrie besonders betroffen: Umsatz gegenüber Vorjahr nahezu stabil (minus 0,1 Prozent), Beschäftigung sinkt um 5,8 Prozent
Die deutsche Industrie hat ihren Umsatz im zweiten Quartal 2026 weiter stabilisiert: Nach einem Plus von 1,7 Prozent im Auftaktquartal legte der Industrieumsatz von April bis Juni sogar um 4,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu; in absoluten Zahlen erwirtschaftete die Industrie 556,4 Milliarden Euro. Das Rekordniveau des Jahres 2023, als der Umsatz im zweiten Quartal bei 557,4 Milliarden Euro lag, wird damit aber noch immer knapp verfehlt – um 0,2 Prozent.
Bei der Beschäftigung hält der Negativtrend zudem unvermindert an und hat sich sogar verschärft: Zum Ende des zweiten Quartals lag die Zahl der Beschäftigten in der Industrie um 2,7 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Binnen eines Jahres gingen damit rund 144.000 Industriearbeitsplätze verloren. Seit dem Vor-Corona-Jahr 2019 summiert sich der Beschäftigungsabbau auf rund 379.150 Stellen – ein Rückgang um 7,0 Prozent. Anders ausgedrückt: Etwa jeder vierzehnte Industriearbeitsplatz in Deutschland ist seit 2019 verschwunden.
Besonders stark unter Druck ist die Automobilindustrie. Immerhin: Der Umsatz sank im zweiten Quartal nur noch leicht um 0,1 Prozent – der Rückgang ist damit nahezu gestoppt. Die Zahl der Beschäftigten schrumpfte dagegen um 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal – damit ist innerhalb eines Jahres fast jeder siebzehnte Arbeitsplatz in der deutschen Autoindustrie weggefallen. Seit 2019 gingen in der Branche rund 142.400 Jobs verloren, ein Rückgang um rund 16 Prozent.
Die einzelnen Industriebranchen entwickelten sich im zweiten Quartal sehr unterschiedlich. Die Metallbranche konnte ihren Umsatz – auch aufgrund gestiegener Rohstoffpreise – deutlich um 16 Prozent steigern. Am anderen Ende der Skala lag die Textilindustrie mit einem Umsatzrückgang von sechs Prozent, gefolgt von der Papierindustrie mit einem Minus von gut zwei Prozent und dem Maschinenbau mit einem Minus von 0,5 Prozent. Die Autoindustrie stabilisierte sich mit einem leichten Minus von 0,1 Prozent nahezu. Bei der Beschäftigung lagen sämtliche analysierten Industriebranchen unter dem Vorjahresniveau.
Das sind Ergebnisse des aktuellen EY-Industriebarometers, das die Umsatz- und Beschäftigungsentwicklung der deutschen Industrie sowie einzelner Schlüsselbranchen analysiert. Basis der Analyse sind Rohdaten, die vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht werden.
„Die deutsche Industrie ist beim Umsatz nicht mehr im freien Fall. Nach zwei Wachstumsquartalen in Folge kann man von einer Stabilisierung auf niedrigem Niveau sprechen“, sagt Jan Brorhilker, Managing Partner des Geschäftsbereichs Assurance von EY in Deutschland. „Aber diese Stabilisierung ist fragil und ungleich verteilt. Einige Branchen profitieren von einer stabileren Nachfrage aus Europa, andere stehen weiter massiv unter Druck. Von einem breit angelegten Aufschwung ist die Industrie noch weit entfernt.“
Zudem gehe der Beschäftigungsabbau ungebremst weiter, so Brorhilker: „Beim Thema Jobs gibt es keinerlei Entwarnung – im Gegenteil. Viele Unternehmen haben ihren Restrukturierungskurs noch lange nicht abgeschlossen. Angesichts hoher Arbeitskosten, einer schwachen Produktivitätsentwicklung und zunehmenden internationalen Wettbewerbs planen viele Unternehmen, den Stellenabbau in Deutschland sogar weiter zu verschärfen. Selbst wenn sich die Umsätze stabilisieren, werden wir in der Industrie weitere Jobverluste sehen.“
Autoindustrie bleibt das Sorgenkind
Besonders problematisch sei die anhaltende Schwäche der Automobilindustrie, sagt Brorhilker: „Die Autoindustrie ist für den Industriestandort Deutschland nach wie vor von zentraler Bedeutung. Wenn diese Branche schwächelt, trifft das nicht nur die Hersteller, sondern auch zahlreiche Zulieferer und viele weitere Industriebranchen. Die anhaltend schwache Entwicklung der Autoindustrie kann sich daher wie ein Bremsklotz für die gesamte deutsche Industrie auswirken.“
Der Stellenabbau in der Autobranche sei dabei besonders einschneidend: „Dass seit 2019 jeder sechste Arbeitsplatz in der deutschen Autoindustrie weggefallen ist, zeigt, wie massiv der Strukturwandel ist. Die Branche steht gleichzeitig unter Kostendruck, Transformationsdruck und einem massiv wachsenden Wettbewerbsdruck – insbesondere durch chinesische Anbieter.“
Eurozone liefert die wichtigsten Wachstumsimpulse
Positive Impulse kamen im zweiten Quartal vor allem aus dem näheren Ausland. Insgesamt stieg der Auslandsumsatz der deutschen Industrie um 4,0 Prozent auf rund 296 Milliarden Euro – dabei entwickelten sich die großen Exportmärkte allerdings unterschiedlich stark: Der Umsatz mit Kunden aus der Eurozone legte um 5,6 Prozent zu und war damit der wichtigste Wachstumstreiber. Das Geschäft mit dem übrigen, außereuropäischen Ausland wuchs mit plus 2,9 Prozent ebenfalls, blieb aber schwächer – hier bremsen eine verhaltenere Nachfrage sowie handelspolitische Belastungen, unter anderem durch US-Zölle.
„Aus Europa kommen derzeit deutlich stärkere Wachstumsimpulse als aus vielen außereuropäischen Märkten“, beobachtet Brorhilker. „Das ist eine wichtige Entlastung – reicht aber nicht aus, um die strukturellen Probleme des Standorts zu lösen. Die deutsche Industrie muss kurzfristig Kosten senken und Kapazitäten an die schwache Nachfrage anpassen; gleichzeitig muss sie massiv in ihre Wettbewerbsfähigkeit investieren. Genau diese Gleichzeitigkeit macht die Lage so schwierig.“
Druck auf die Industrie bleibt hoch
Für die kommenden Monate rechnet Brorhilker nicht mit einer schnellen Erholung: „Der Druck auf die deutsche Industrie wird eher größer als kleiner. Die konjunkturelle Lage bleibt schwach, geopolitische Spannungen halten an, eine drohende Energiekrise bleibt ein ernstzunehmendes Risiko, und die Konkurrenz durch chinesische Wettbewerber nimmt massiv zu. Zwei Quartale mit leichtem Wachstum sind ein Anfang, aber noch kein Befreiungsschlag. Und leider gilt nach wie vor: Ohne eine spürbare Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und eine deutliche konjunkturelle Aufhellung wird der Arbeitsplatzabbau weitergehen.“
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