4 Minuten Lesezeit 30 März 2020
Ein Containerschiff fährt dunklen Gewitterwolken entgegen

Wie Sie eine Lieferkette schmieden, die schwere Erschütterungen aushält

Von

Glenn Steinberg

EY Global and EY Americas Supply Chain Leader

Helping companies transform, create value and optimize business performance. Thirsty for knowledge. Ski enthusiast. Husband and father of two Michigan Wolverines.

4 Minuten Lesezeit 30 März 2020

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Um die Disruptionen zu überstehen, die COVID-19 verursacht, müssen Lieferketten widerstandsfähig sein. Der Schlüssel dazu sind agile, vernetzte Ökosysteme.

Angesichts der Gefahren, die COVID-19 für die menschliche Gesundheit darstellt, machen Unternehmen auf der ganzen Welt das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter zur Top-Priorität, indem sie diese beispielsweise dazu ermutigen, weniger zu reisen oder sich in Quarantäne zu begeben, um die Epidemie zu bewältigen.

Mangel an Personal zwingt Unternehmen in Schlüsselindustrien dazu, ihre geschäftlichen Aktivitäten herunterzufahren. Die Folge davon ist eine ernsthafte Bedrohung der globalen Lieferketten.

Bei 94 % der Fortune-1000-Unternehmen kommt es infolge von COVID-19 zu einer Disruption der Lieferketten. Doch diese Störung ist im Vergleich zu den gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen des Virus wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs. Bereits im Februar warnte das Forschungsunternehmen Oxford Economics, dass durch eine Pandemie, zu der die Weltgesundheitsorganisation WHO den COVID-19-Ausbruch inzwischen erklärt hat, die globale Wirtschaft um mehr als 1 Billion US-Dollar schrumpfen könne.  

Disruptionen werden zur Normalität

So beunruhigend COVID-19 auch ist – Epidemien sind nur eine Form der vielen Erschütterungen, die Lieferketten unvorbereitet treffen und die Leistungsfähigkeit von Unternehmen beeinträchtigen können.

In den vergangenen zehn Jahren wurden Lieferketten beispielsweise durch Naturkatastrophen wie das Erdbeben in Tōhoku 2011 unterbrochen, das die Automobilproduktion in Japan zum Erliegen brachte. Auch Terroranschläge und Unruhen wie die Massenproteste in Chile 2019, die zu einem Produktionseinbruch in den Kupferminen des Landes führten, stellten die Widerstandsfähigkeit von Lieferketten auf die Probe. Weitere Bedrohungen ergaben sich für Lieferketten in der jüngsten Vergangenheit aus groß angelegten Cyberangriffen, Handelsschranken und Engpässen in der Versorgung mit essenziellen Rohstoffen.

Unterbrechungen von Lieferketten sind ein konstantes Risiko für Unternehmen, insbesondere in unserem hochgradig globalisierten Zeitalter, in der Unternehmen in der Regel lange, komplexe und schwer überschaubare Lieferketten nutzen. Diese Strukturen sind vollkommen ungeeignet, um mit der zunehmenden Zahl ungeplanter Unterbrechungen fertig zu werden.

Lieferketten neu gestalten

Wie also können Unternehmen die Widerstandsfähigkeit ihrer Lieferketten erhöhen? Dazu ist ein grundlegender Richtungsschwenk erforderlich: Sie müssen starre, linearen Ketten durch agile, vernetzte Ökosysteme ersetzen, indem sie sich auf fünf elementare Bereiche konzentrieren:

  1. Evaluierung und Strategien: Unterziehen Sie ihre Lieferkette einer End-to-End-Risikobewertung. So können Sie herausfinden, wie belastbar sie ist, kritische Szenarien identifizieren und mögliche Reaktionen entwerfen.

  2. Ausbau von Kompetenzen: Investieren Sie in entscheidende Stellschrauben entlang der Lieferkette. Dazu gehören Transparenz und Monitoring, Modelle für alternative Arbeitsabläufe, flexible Netze, agile Planungsmethoden und Strategien, um alternative Zulieferquellen zu erschließen.

  3. Intelligentes Monitoring: Installieren Sie ein Monitoringsystem, das Risikofaktoren erkennt und beobachtet, und ein Frühwarnsystem, das rasche und frühzeitige Reaktionen auf Erschütterungen ermöglicht. Führen Sie neue Risikobewertungsprozesse für Produkte ein und behalten Sie im Auge, ob sich Nachfrage und Angebot ändern. Führen Sie regelmäßig Risiko- und Kontrollbewertungen durch, auch von systemischen Risiken, Gefahren für Einrichtungen und Gebäude sowie Gefahren durch Cyberattacken.

  4. Betriebsabläufe: Erstellen Sie einen Notfallplan für das Eintreten disruptiver Ereignisse, der Regeln für Betriebsabläufe und Reaktionen auf definierte Störungen in der Lieferkette wie Naturkatastrophen oder Terroranschläge enthält. Stellen Sie sicher, dass es eine klare Zuweisung von Verantwortlichkeiten und Befugnisse gibt und dass die Kontaktdaten aller Mitarbeiter und externer Stakeholder zugänglich sind.

  5. Krisenmanagement: Entwerfen Sie einen Rahmen für das Management weitreichender Ereignisse, bei denen bisherige, standardisierte Reaktionen nicht ausreichen werden. Dazu gehören Anweisungen, die Vorgehensweisen und Arbeitsabläufe regeln.

Niemand kann den vollen Umfang sozialer und wirtschaftlicher Folgen der COVID-19-Epidemie vorhersagen – oder irgendeiner anderen globalen Krise. Aber sie hat Unternehmen daran erinnert, dass das Risiko eines unerwarteten disruptiven Ereignisses stets vorhanden ist und sie proaktiv planen müssen, um ihre Kunden und die Menschen um sie herum während einer Krise weiterhin versorgen zu können.

Unternehmen können jetzt Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass ihre Lieferketten auch dann noch effizient funktionieren, wenn unvorhergesehene globale Ereignisse an ihnen ziehen und zerren. Dabei geht es nicht einfach darum, Umsätze abzusichern; die Belastbarkeit der Lieferketten ist entscheidende Voraussetzung für die Gesundheit und des Wohlergehen von Menschen auf der ganzen Welt.

Fazit

Herkömmliche Lieferkettenstrukturen sind kostenoptimiert und nicht darauf ausgelegt, die wachsende Zahl unerwarteter Erschütterungen abzufedern. Um widerstandsfähige Lieferketten aufzubauen, sollten sich Unternehmen darauf konzentrieren, Kompetenzen zu entwickeln, mit denen sie sich auf künftige Erschütterungen vorbereiten, diese früh erkennen und darauf reagieren können.

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Glenn Steinberg

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