9 Minuten Lesezeit 25 Juni 2019
Frau und Mann blicken durch Fensterscheibe

5 Wege, wie Europa wieder wachsen kann

Von

Bernhard Lorentz

Leiter Government & Public Sector | Deutschland, Schweiz, Österreich

Political Animal und professioneller Optimierer des Staates mit Leidenschaft für Wirkung. Begeisterter Berliner, wo er mit Familie lebt und Hockey spielt – nach 15 Jahren Rugby-Bundesliga

9 Minuten Lesezeit 25 Juni 2019
Digitalisierung, Forschung, Infrastruktur: Damit die EU wettbewerbsfähig bleibt, muss in Bereiche mit großer Hebelwirkung investiert werden.

Seit zehn Jahren wird in Deutschland und Europa zu wenig investiert. Selbst dort, wo es jüngst staatliche Finanzspritzen gegeben hat, beispielsweise im Bereich Technologie oder Innovation, erfolgten diese weder flächendeckend noch waren sie ausreichend. Die Frage ist: Braucht das Land einfach mehr Geld?

Die Antwort lautet: Es wäre grundfalsch, fehlende private Nachfrage nach Keynes Vorbild durch staatliche Nachfrage auszugleichen. Damit Deutschland langfristig auf die Beine kommt und sich innerhalb von Europa und auch im Wettbewerb mit den USA und China eine stabile Position sichern kann, müssen Investitionen zwei Bedingungen erfüllen: Erstens muss in sogenannte Schlüsselbereiche mit „Leverage“- Effekt, also mit einer großen Hebelwirkung, investiert werden und zweitens müssen private Investitionen eine attraktive Option werden. Mit anderen Worten: Ziel ist es, ein Klima zu schaffen, das nicht nur staatliche, sondern auch private Investitionen hervorruft – in genau den Sektoren, in denen sie entscheidend wirken können.

Investitionen und Strukturreformen sind untrennbar miteinander verbunden.

In unserer Studie „In die Zukunft Europas investieren – Der Weg zu mehr Wachstum und Wohlstand“ zeigen wir fünf Grundpfeiler, die für Investitionen relevant sind – und berechnen in drei Szenarien die Volumina alternativer Investitionsprogramme bis 2025. 

Folgende Bereiche sind in den kommenden zehn Jahren elementar für das Wirtschaftswachstum in Europa:

  • IT und Zugang zu schnellen Kommunikationssystemen sind heute entscheidend für Unternehmenswachstum und Produktivitätssteigerungen. Deshalb wird es immer wichtiger, diese Infrastruktur zu erhalten und auszubauen. Durch Digitalisierung und Vernetzung haben Unternehmen die Möglichkeit, grenzüberschreitend und international zu operieren. Dadurch lassen sich Umsätze erhöhen, Kosten senken und die Produktivität steigern.

  • Der Bereich Forschung und Entwicklung (F&E) ist ein wichtiger Treiber für das Erschließen neuer Technologien, Produkte und Ideen. Gleichzeitig ist es fast unmöglich, eine präzise Rendite für F&E-Ausgaben vorauszusagen. Dafür sind Innovationen und bahnbrechende Erfindungen zu unvorhersehbar. Erfolgreiche F&E-Kampagnen werden vor allem für diejenigen Länder eine wesentliche Rolle spielen, die verstärkt auf nachhaltige Energie setzen wollen: Um künftige CO2-Emissionsziele einhalten zu können, ist es nötig, Technologien für eine effizientere und nachhaltige Energieerzeugung zu fördern.

  • Obwohl neue Technologien für Wachstum und Innovationen wichtig sind, bleibt eine gut funktionierende Basisinfrastruktur für den reibungslosen Ablauf in allen Volkswirtschaften unverzichtbar. Ob auf dem Weg zur Arbeit oder beim Transport von Gütern – Menschen und Unternehmen brauchen diese grundlegende Infrastruktur sowohl für die Bewältigung ihres Alltags als auch für eine Verbesserung des Lebensstandards und für Produktivitätszuwächse.

    Länder, die für eine gute Basisinfrastruktur sorgen, haben meist ein hohes Investitionsniveau. Und das wiederum bewirkt ein stärkeres Wirtschaftswachstum und steigende Haushaltseinkommen.

  • Die Qualität und der Zugang zu Aus- und Weiterbildung sind eng mit der Produktivität einer Volkswirtschaft verbunden. Beide Faktoren sind Voraussetzung für gut ausgebildete und produktive Arbeitskräfte. Integratives Wachstum ist ein wichtiger Zusatz zur formalen Aus- und Weiterbildung, da unter anderem Wissen direkt im Betrieb vermittelt wird. Davon profitieren auch Teilzeitkräfte. Je mehr Menschen in irgendeiner Form beschäftigt sind, desto besser ausgebildet ist die Bevölkerung. Mehr Menschen in einem festen Arbeitsverhältnis zu halten, beugt gleichzeitig der Gefahr von Arbeitskräftemangel vor.

  • Normalerweise steht das Gesundheitswesen nicht unmittelbar für Innovationen und technologischen Fortschritt. Dabei ist es durchaus ein wichtiger Baustein wirtschaftlichen Erfolgs, denn nicht nur krankheitsbedingte Arbeitsausfälle verursachen Kosten. Auch gesundheitsbedingt schlechtere Leistungen reduzieren die Chancen auf Produktivitätswachstum.

    Die Produktivität wird außerdem indirekt negativ beeinflusst, wenn ein Familienmitglied krank ist. Ein starkes Gesundheitswesen ist daher die Basis für eine gut funktionierende Wirtschaft.

Auf Basis dieser Grundpfeiler haben wir ermittelt, wo welche Länder Leistungslücken aufweisen. Das Gesamtergebnis zeigt:

  • Die Schweiz und Schweden sind Spitzenreiter (Plätze 1 und 2)
  • Auch die Niederlande (3), Dänemark (4), Finnland (5), Österreich (5), Großbritannien (7), Frankreich (8), Deutschland (9) und Belgien (9) weisen gute Ergebnisse auf.
  • Einige Länder wie Bulgarien, Kroatien, Zypern, Griechenland, Litauen, Polen und Rumänien liegen in fast allen Bereichen abgeschlagen zurück. Diese Länder benötigen erhebliche Verbesserungen und flächendeckende Investitionen, um ihren Rückstand aufzuholen.
  • Auch Länder mit besseren Ergebnissen haben Schwächen – Deutschland z.B. im Bereich Digitalisierung und Vernetzung.
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Wieviel Geld wird benötigt? Investitionsszenarien bis 2025

Unsere Prognosen bis 2025 basieren auf dem Gesamtinvestitionsvolumen für alternative Investitionsprogramme – absolut und als Anteil des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Analyse zeigt, dass Investitionen in alle fünf Grundbereiche wichtig sind. Der Fokus sollte allerdings auf Digitalisierung und Vernetzung sowie Bildung und Gesundheitswesen liegen.

  • Dieses Szenario geht davon aus, dass die aktuelle Investitionsrate von rund 20 Prozent des BIP bis 2025 beibehalten wird. 

  • Anhand des Beispiels Deutschland nimmt man an, dass die höchste Investitionsrate von vor 2008 (23 Prozent des BIP) bis 2025 beibehalten wird. 

  • Dieses Szenario zeigt die Auswirkungen eines Aufholprogramms, um die Investitionsflaute nach der Krise von 2008 auszugleichen. Die jährliche Investitionsrate müsste auf 25 Prozent angehoben werden. 

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Die EU-weite Perspektive

Um diese Zahlen besser einordnen zu können, stellen wir sie in den EU-weiten Kontext. Der deutsche Anteil macht dabei etwa 20 Prozent der für die EU geschätzten zusätzlichen Investitionsausgaben aus. In dem umfangreichsten Szenario würden die maximalen zusätzlichen Investitionen (bis 2025) knapp 1,4 Billionen Euro betragen, was höchstens 6 bis 6,5 Prozent des EU-BIP entspricht.

Die Kernaussagen unserer Studie sind: 

  • Nur wenige Staaten in Europa erfüllen bislang die Voraussetzungen für intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum. Das gilt insbesondere auch für Deutschland.
  • In den meisten Staaten, die die Voraussetzungen für intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum nicht erfüllen, wurde seit Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise auch deutlich weniger investiert.
  • Um diese Lücken wieder zu schließen, sind in den nächsten Jahren sehr hohe Zuwächse an Investitionen in relevanten Bereichen erforderlich.
  • Zusätzliche Investitionen müssen auf jene Bereiche konzentriert werden, in denen ein Land die größten Mängel aufweist, wie beispielsweise Infrastruktur.
  • Investitionen sind kein Allheilmittel für die Verbesserung der Leistung und für die Förderung von Wachstum. Vielmehr müssen die Investitionen eingebettet und durch geeignete Rahmenbedingungen hervorgerufen werden. Sind diese Rahmenbedingungen nicht vorhanden, muss sich die öffentliche Ordnung auf die Einleitung von Strukturreformen genauso konzentrieren wie auf die Erhöhung der Investitionsvolumen.

Fazit

Europas Politiker stehen vor der Herausforderung, Investitionen attraktiv zu machen und richtig einzusetzen. Unsere Studie „In die Zukunft Europas investieren – Der Weg zu mehr Wachstum und Wohlstand“ präsentiert fünf Grundsäulen, in die sich Investitionen lohnen – und zeigt auf, wieviel Anschubhilfe vom Staat und Privatpersonen bis 2025 benötigt wird.

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Bernhard Lorentz

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