Sustainable Finance (SF) ist nicht verschwunden. Aber es hat an Aufmerksamkeit verloren. Während Künstliche Intelligenz (KI) in den Vorstandsetagen der Banken zur dominierenden Wachstumsstory geworden ist, sucht Sustainable Finance nach einem neuen Narrativ. Die eigentliche Chance liegt dort, wo KI und Transition Finance (TF) zusammengeführt werden.
Sustainable Finance ist nicht weg. Es klingt nur leiser.
Noch vor wenigen Jahren war Sustainable Finance eines der großen Zukunftsthemen des Bankensektors. Kaum eine Strategiediskussion kam ohne ESG, Klimarisiken, Taxonomie, Offenlegung oder nachhaltige Finanzierungsprodukte aus. Banken bauten Governance-Strukturen auf, entwickelten ESG-Frameworks, passten Kreditprozesse an und investierten in Daten, Reporting und regulatorische Umsetzungsprogramme.
Heute scheint sich der Ton verändert zu haben.
In vielen Vorstandsetagen dominiert nicht mehr Sustainable Finance, sondern Künstliche Intelligenz. GenAI, Automatisierung, Produktivität, digitale Kundenschnittstellen und neue datenbasierte Geschäftsmodelle prägen die Diskussion. ESG wirkt dagegen vielerorts wie ein Thema der letzten Strategieperiode: wichtig, aber weniger elektrisierend; notwendig, aber nicht mehr richtungsweisend.
Wer daraus schließt, Sustainable Finance habe an Bedeutung verloren, macht es sich jedoch zu einfach.
Denn an den grundlegenden Herausforderungen hat sich wenig geändert. Unternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle transformieren. Volkswirtschaften müssen Energieversorgung, Infrastruktur und industrielle Wertschöpfung modernisieren. Lieferketten müssen resilienter werden. Gebäude, Mobilität, Produktion und digitale Infrastruktur benötigen Kapital. Klimarisiken, Naturgefahren und geopolitische Unsicherheit verschwinden nicht, nur weil die Aufmerksamkeit der Märkte weiterwandert.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Sustainable Finance verschwindet.Die entscheidende Frage lautet: Hat Sustainable Finance seine Wachstumsstory als Narrativ verloren?
Das ESG-Narrativ war notwendig. Aber es war defensiv.
Die erste Phase von Sustainable Finance war stark regulatorisch geprägt. Im Mittelpunkt standen Taxonomie, Offenlegung, ESG-Daten, Klimarisiken, Governance und die Vermeidung von Greenwashing. Diese Entwicklung war notwendig. Sustainable Finance bezeichnet nach der Europäischen Kommission die Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten bei Investitionsentscheidungen im Finanzsektor, um langfristigere Investitionen in nachhaltige wirtschaftliche Aktivitäten und Projekte zu ermöglichen.
Auch die politische Zielsetzung war klar: Sustainable Finance soll private Investitionen in den Übergang zu einer klimaneutralen, klimaresilienten, ressourceneffizienten und fairen Wirtschaft lenken.Damit wurde wichtiger Rahmen geschaffen. Ohne Transparenz, Standards und Regulierung hätte sich der Markt kaum in vergleichbarer Geschwindigkeit professionalisiert. Banken brauchten klare Leitplanken. Investoren brauchten Vergleichbarkeit. Unternehmen brauchten Orientierung. Aufsichtsbehörden brauchten Daten.
Doch genau diese Erzählung hatte eine Schwäche: Sie war überwiegend defensiv.
Sustainable Finance wurde häufig mit Argumenten begründet, die aus Sicht von Banken zwar relevant, aber selten inspirierend sind: regulatorische Konformität, Risikoreduzierung, Schutz vor Reputationsschäden, bessere Datenqualität, Vermeidung von Greenwashing.
Das sind gute Gründe zu handeln.
Aber es sind keine überzeugenden Gründe zu wachsen.
Marktteilnehmer investieren selten mit Leidenschaft in Themen, deren primärer Nutzen darin besteht, zukünftige Risiken zu vermeiden. Wachstumsnarrative entstehen dort, wo neue Märkte sichtbar werden, Ertragspotenziale glaubwürdig beschrieben werden können und ein Thema nicht nur Pflicht, sondern Möglichkeit bedeutet.
Genau an diesem Punkt hat Sustainable Finance an Strahlkraft verloren. Nicht weil die Transformation weniger relevant wäre. Sondern weil das bisherige ESG-Narrativ zu stark nach Regulierung, Reporting und Risikomanagement klang.
Warum KI die Aufmerksamkeit gewinnt
Künstliche Intelligenz erzählt eine andere Geschichte.
KI wird nicht primär als regulatorische Verpflichtung wahrgenommen. KI wird als Hebel für Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum verstanden. Die ersten Anwendungsfälle in Banken waren stark effizienzgetrieben: Dokumentenanalyse, Wissensmanagement, Softwareentwicklung, Kundenservice, interne Prozesse. Inzwischen verschiebt sich die Diskussion. Viele Institute fragen nicht mehr nur, wie KI Kosten senken kann. Sie fragen, wie KI neue Erträge ermöglicht.
Darin liegt der kommunikative Vorteil der KI-Debatte.
KI klingt nach Zukunft. Nach Geschwindigkeit. Nach neuen Geschäftsmodellen. Nach besserer Kundeninteraktion. Nach Wachstum.
EY verweist in einer Veröffentlichung zu Finanzdienstleistungs-CEOs darauf, dass KI-Investitionen im Finanzsektor zunehmend von Pilotprojekten zur Skalierung übergehen und von CEOs mit Erwartungen an Umsatz-, Profitabilitäts- und Produktivitätswachstum verbunden werden. Eine EY-Parthenon-Veröffentlichung zu GenAI im Banking beschreibt zudem, dass Banken GenAI-Anwendungen vermehrt produktiv einsetzen und insbesondere Front-Office-Anwendungsfälle wie Kundenservice, Vertrieb und Marketing an Bedeutung gewinnen.
Das ist mehr als Technologiebegeisterung. Es ist eine Wachstumsstory.
Und Wachstumsstorys gewinnen in Unternehmen fast immer den Wettbewerb um Aufmerksamkeit.
Der Denkfehler: KI ersetzt Sustainable Finance nicht
Aus der Verschiebung der Aufmerksamkeit entsteht schnell eine falsche Gegenüberstellung: hier KI, dort Sustainable Finance. Hier Wachstum, dort Regulierung. Hier Zukunft, dort Pflichtprogramm.
Diese Gegenüberstellung greift zu kurz.
Denn während Banken über KI sprechen, entstehen parallel massive Finanzierungsbedarfe durch die wirtschaftliche Transformation. Energieinfrastruktur muss finanziert werden, Stromnetze ausgebaut und Gebäude modernisiert. Industrieunternehmen müssen Produktionsverfahren anpassen. Mittelständler müssen Energieeffizienz, Digitalisierung und Resilienz finanzieren. Kommunen, Unternehmen und Investoren stehen vor langfristigen Kapitalbedarfen.
Das ist nicht nur Nachhaltigkeitspolitik.
Das ist Realwirtschaft.
Und Realwirtschaft braucht Finanzierung.