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Warum die Zukunft des Finanzwesens in der Wertschöpfung liegt

Die Rolle des CFO konzentriert sich zunehmend auf langfristige Werte und die Schaffung nachhaltiger und profitabler Geschäftsmodelle.


Überblick

  • Die Rolle des Chief Financial Officer (CFO) in Unternehmen ist im Wandel begriffen und entwickelt sich hin zum Chief Value Officer (CVO).
  • CFOs müssen sowohl finanzielle als auch nichtfinanzielle Unternehmenswerte steigern und dafür nachhaltige Geschäftsmodelle fördern.
  • Die unterschiedlichen Stakeholder erwarten zunehmend ESG-Kriterien in der Berichterstattung und nachhaltige Finanzierungsoptionen.

In einer Geschäftswelt, die zunehmend von Automatisierung und künstlicher Intelligenz (KI) geprägt ist, wandelt sich die Rolle des Chief Financial Officer (CFO) deutlich. Er kann sich nicht länger ausschließlich auf die finanzielle Performance, eine effiziente Buchführung, die Rechnungslegung, Analytik und Finanzberichterstattung konzentrieren, sondern muss sich zunehmend zu einem Chief Value Officer (CVO) entwickeln. Dieses neue Rollenbild spiegelt sich auch in einer verstärkten Fokussierung auf die Steigerung des Gesamtwerts des Unternehmens in finanzieller wie auch in nichtfinanzieller Hinsicht wider. Ganz konkret soll der CFO widerstandsfähige und nachhaltige, aber dennoch profitable Geschäftsmodelle vorantreiben, die die langfristige Wertschöpfung (Long-Term Value oder kurz LTV) schützen und steigern.

Der veränderte Fokus des CFO

Wir erleben derzeit den bislang tiefgreifendsten Wandel der Finanzfunktion in den Bereichen Rechnungswesen und Analytik. Das klassische Bild des Finanzexperten ist das des vertrauenswürdigen Partners, der externe wie auch interne Stakeholder insbesondere in den Bereichen der finanziellen und nichtfinanziellen Berichterstattung unterstützt. Dies wird auch künftig ein wichtiger Verantwortungsbereich der Finanzfunktion bleiben, aber der Vormarsch von KI dürfte den erforderlichen Zeitaufwand für die Rechnungslegung und Berichterstattung deutlich senken. Damit gewinnen der CFO und sein Team Zeit, um sich verstärkt der Nachhaltigkeit zu widmen. Da Nachhaltigkeit und Wertschöpfung untrennbar miteinander verbunden sind und der CFO eine Schlüsselrolle bei der finanziellen Wertschöpfung spielt, ist die ganzheitliche Betrachtung der Wertschöpfung für ihn der logische nächste Schritt. Diese erweiterte Perspektive umfasst alle Dimensionen von finanziellen und natürlichen Ressourcen bis hin zu sozialen und gesellschaftlichen Fragen. Im Mittelpunkt der künftigen Finanzfunktion steht die Förderung von Geschäftsmodellen mit höherer Resilienz und damit die langfristige Wertschöpfung für das Unternehmen.

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Wir erwarten eine deutliche Verlagerung des Fokus der CFOs auf die Wertschöpfung und die Förderung nachhaltiger, aber dennoch profitabler Geschäftsmodelle, die den LTV schützen und letztlich steigern (Prozentangaben sind grobe Schätzungen)

Wir beobachten zwei maßgebliche Trends, die den Wandel hin zu einer umfassenden Sichtweise der Wertschöpfung vorantreiben und damit den Long-Term Value stärken:

  • Automatisierung durch KI, Daten und Analytik: Die Menge an Daten, die Unternehmen zur Verfügung stehen, wächst exponentiell. CFOs müssen in der Lage sein, diese Daten zu analysieren und zu nutzen, um wertvolle Erkenntnisse für die Unternehmensführung daraus zu ziehen und die steigenden ESG-Berichterstattungsanforderungen zu erfüllen. Verbesserte technische Möglichkeiten, insbesondere der Einsatz von KI, werden die Automatisierung vieler Aufgaben innerhalb der Finanzfunktion vorantreiben.
Was im Bereich ESG führende Unternehmen denken
61 %
meinen, KI biete eine große Chance für die langfristige Wertschöpfung, von der Schaffung neuer Geschäftsmodelle und Einnahmequellen bis hin zu neuen Arbeitsweisen.
Was im Bereich ESG führende Unternehmen denken
64 %
meinen, die zentrale Herausforderung von GenAI bestünde darin, Transformation und Wachstum voranzutreiben und zugleich sicherzustellen, dass ethische und gesellschaftliche Implikationen das Vertrauen in ihre Unternehmen nicht untergraben.
  • Nachhaltigkeit wird von verschiedenen Stakeholder-Gruppen vorangetrieben: Die Prioritäten von Aufsichtsbehörden, Investoren, Kunden und Mitarbeitenden haben sich geändert. Insbesondere neue und anstehende ESG-bezogene Regulierungsmaßnahmen wie die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und die EU-Taxonomie-Verordnung in Europa oder die Regeln zur Verbesserung und Standardisierung von klimabezogenen Angaben für Investoren (Enhancement and Standardization of Climate-Related Disclosures for Investors) in den USA geben Impulse für nachhaltigkeitsbezogene Veränderungen in der Berichterstattung und den Managementabläufen. Daher verlagert sich der Schwerpunkt zunehmend weg von der kurzfristigen Rentabilität, hin zur langfristigen Wertschöpfung mit besonderer Betonung der Aspekte Umwelt, Soziales und Governance. Eine Umfrage von EY zeigt, dass mehr als zwei Drittel der Investoren ESG-Investitionen bevorzugen, selbst wenn diese die kurzfristige Rentabilität beeinträchtigen. Hier zeigt sich ein grundlegender Paradigmenwechsel in den Erwartungen der Stakeholder: Unternehmen mit nachhaltigen Geschäftspraktiken gelten am Markt als erfolgreicher und sind daher für Investoren attraktiver.
Was Investoren denken
78 %
der Investoren verlangen, dass sich Unternehmen mit relevanten Nachhaltigkeitsthemen befassen, auch wenn dies kurzfristig die Gewinne schmälert.
Was Unternehmen denken
55 %
der Finanzverantwortlichen sind der Meinung, dass ihr Unternehmen sich mit relevanten Nachhaltigkeitsthemen befassen sollte, auch wenn dies kurzfristig die Gewinne schmälert.

Vom CFO zum CVO

In der Vergangenheit haben viele Unternehmen in ihrem CFO in erster Linie einen reinen „Zahlenverwalter“ gesehen, der sich auf eine effiziente Buchführung und die finanzielle Performance konzentriert. Durch das aktuelle schwierige wirtschaftliche Umfeld hat sich dieser Fokus jedoch verschoben. Er liegt nun auf der finanziellen Belastbarkeit und einer der Regulation entsprechenden ESG-Berichterstattung mit dem CFO in der Rolle des „Unternehmenshüters“. In naher Zukunft wird der Schwerpunkt auf Entscheidungsprozessen liegen, die an die Nachhaltigkeitsziele und profitablen Geschäftsmodelle angepasst sind, die die langfristige Wertschöpfung schützen. Der CFO wird mehr und mehr zu einem „Wertschützer“, der die Nachhaltigkeitstransformation vorantreibt, indem er nachhaltige und profitable Geschäftsmodelle ermöglicht.

In etwas fernerer Zukunft – und das ist die Vision von EY – soll der CFO eine Vorreiterfunktion in der langfristigen ESG-bezogenen Wertschöpfung übernehmen. Dazu soll er die Finanz- und ESG-Berichterstattung in einer integrierten „Wertberichterstattung“ zusammenführen, die nicht nur den wirtschaftlichen Wert des Unternehmens berücksichtigt, sondern auch seinen sozialen und ökologischen Beitrag. Obwohl es beispielsweise mit der „integrierten GuV“ bereits Instrumente gibt, um externe ESG-Effekte im Unternehmen gewinnbringend umzusetzen, fehlt noch immer ein ganzheitliches Konzept zur Ermittlung und Monetarisierung des „True Long-Term Value“. Zu den künftigen Zielen gehört auch die Entwicklung eines „Long-Term Value Reporting“ oder integrierter Bilanzen.

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Der Wandel vom CFO zum CVO ist geprägt von langfristiger Wertschöpfung auf der Grundlage nachhaltiger und profitabler Geschäftsmodelle

Wie Nachhaltigkeit die Finanzfunktion verändert

Das nachstehende Diagramm zeigt die Auswirkungen von Nachhaltigkeitsaspekten auf die Finanzfunktion. Dabei differenziert die x-Achse zwischen internen und externen Auswirkungen und die y-Achse zwischen operativen und strategischen Auswirkungen.

Quadrant 1: Aus externer strategischer Sicht hat sich die Zielgruppe des CFO weiterentwickelt, da sich die Berichterstattung nicht mehr nur an Akteure im Finanzmarkt richtet, sondern auch an eine breite Gruppe von sonstigen Stakeholdern wie Kunden und Lieferanten, Mitarbeitenden, Nichtregierungsorganisationen und die breite Öffentlichkeit. Der CVO der Zukunft muss über die finanzielle und nichtfinanzielle Performance berichten, um das Vertrauen aller Stakeholder zu erlangen und zu bewahren. Insbesondere ist er auch für die Beziehungen zur Investoren-Community zuständig und muss Antworten auf den Druck der Investoren bezüglich ESG-Performance und nachhaltiger Finanzierungsoptionen finden. Dazu gehört die Thematisierung von Nachhaltigkeit im Rahmen von CFO-Roadshows und die Berücksichtigung von ESG in der Equity Story zur Kapitalbeschaffung.

Quadrant 2: Aus interner strategischer Sicht muss die Finanzfunktion – und letztlich der CVO – für die Finanzierung des Wandels hin zu mehr Nachhaltigkeit sorgen. Der Business Case der Nachhaltigkeit ist dabei von zentraler Bedeutung, da mit ihm die mittel- bis langfristige Wertschöpfung aus der Nachhaltigkeitstransformation nachgewiesen werden kann. ESG- und nichtfinanzielle Kennzahlen müssen in den Planungsprozess eingebettet werden, beispielsweise in die strategische Planung, die mittelfristige Planung und die Finanzplanung und Prognose, einschließlich der Managementbewertungen. So wird Nachhaltigkeit zum integralen Bestandteil von Performance-Management und Entscheidungsprozessen.

Quadrant 3: Aus interner operativer Sicht haben all diese neuen Anforderungen Auswirkungen auf das Betriebsmodell der Finanzfunktion. Gleichzeitig hat sich aufgrund der Anforderungen an die Zuverlässigkeit der ESG-Berichterstattung gezeigt, dass die Finanzfunktion die Verantwortung für die Schaffung der richtigen Rahmenbedingungen übernehmen muss. Dies wirkt sich auf die Transaktions-, Berichts- und Entscheidungsprozesse ebenso aus wie auf das Betriebsmodell, das künftig zusätzliche Aspekte wie Technologie (z. B. intelligente Plattform für Nachhaltigkeit) und Beschäftigte (Einstellung und Ausbildung neuer Talente) berücksichtigen muss.

Quadrant 4: Um ESG-konform zu werden und zu bleiben, muss die Finanzfunktion regulatorische Anforderungen erfüllen, im Dialog mit Aufsichtsbehörden bleiben und sich proaktiv an das sich ändernde regulatorische Umfeld wie die CSRD, die EU-Taxonomie-Verordnung, das CO2-Grenzausgleichssystem (CBAM) und viele andere anpassen.

Die Zukunft der Finanzfunktion ist nachhaltig

Die Rolle des CVO bleibt vorerst eine Vision. Doch im Einklang mit der grundlegenden Umstellung auf nachhaltige Geschäftsmodelle wird der Wandel vom Chief Financial Officer zum Chief Value Officer Schritt für Schritt voranschreiten. CFOs spielen schon heute eine entscheidende Rolle: Sie wahren die finanzielle Stabilität und schaffen nachhaltige Werte für alle Stakeholder. Indem sie die langfristige Wertschöpfung priorisieren, ermöglichen es die CFOs von heute (und CVOs von morgen) ihren Unternehmen, die Erwartungen der Investoren zu erfüllen und einen langfristigen Shareholder Value zu sichern, der die positiven wie auch die negativen sozialen und ökologischen Auswirkungen der Unternehmenstätigkeit mit einbezieht und so genauer der echten Wertschöpfung des Unternehmens entspricht.

Fazit

Die Rolle des CFO wandelt sich. CFOs sind zunehmend dafür verantwortlich, den Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit zu unterstützen und zu finanzieren, indem sie belastbare und nachhaltige, aber dennoch profitable Geschäftsmodelle ermöglichen und vorantreiben, die die langfristige Wertschöpfung schützen und letztlich steigern. CFOs müssen Nachhaltigkeit zum Hauptthema der Equity Story ihrer Unternehmen machen, um den Unternehmenswert zu steigern – nicht nur für die Anteilseigner, sondern für alle Stakeholder.

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