Futuristische U-Bahnstation mit LED-Beleuchtung und bewegtem Zug, modernes urbanes Verkehrsmotiv

Versicherungsmakler in Europa: Wie die Konsolidierung Werte schafft

Der kontinentaleuropäische Maklermarkt befindet sich im Umbruch. Marktführer müssen Skalierung, Integration und Wachstum neu denken.


Überblick:
  • Makler spielen weiter eine Rolle, insbesondere in der gewerblichen und spezialisierten Sach- und Haftpflichtversicherung, mit marktbedingten Unterschieden.
  • Die Konsolidierung verlagert sich von Multiple Arbitrage hin zu Integration, skalierbaren Betriebsmodellen, Daten, KI und einem stärkeren Carrier-Management.
  • Führende Akteure, die Spezialisierung, Technologie und grenzüberschreitende Modelle mit langfristiger Wertschöpfung verbinden, gestalten den Markt.

In Europa bleibt der Vertrieb über Versicherungsmakler eine der zentralen Schnittstellen zwischen Risikoträgern und Kunden. In vielen Märkten haben Makler einen erheblichen Anteil am Vertrieb im Bereich Nicht-Leben, insbesondere bei gewerblichen und industriellen Sach- und Haftpflichtversicherungen, inne. Da Kunden in einem zunehmend komplexen Risikoumfeld verstärkt unabhängige Beratung nachfragen, ist ihr Aufgabenbereich gewachsen. Allerdings werden die bislang stark fragmentierten lokalen und regionalen Anbieter zunehmend durch nationale und in einigen Märkten auch internationale Plattformen verdrängt.

Diese Entwicklung schafft ein für den europäischen Maklermarkt prägendes Spannungsfeld. Einerseits ist das Maklermodell strukturell attraktiv: Als Asset-Light-Modell bindet es nur geringfügig Kapital, erzielt einen hohen Anteil wiederkehrender Erträge und hat sich über mehrere Krisen hinweg als resilient erwiesen. Führende gewerbliche Makler verbinden wiederkehrende Provisionseinnahmen mit soliden Margen und organischem Wachstum im hohen einstelligen Bereich, getragen von engen Kundenbeziehungen sowie einem umfassenden Verständnis von Risikoprofilen und Deckungslücken. Andererseits verlieren die Werttreiber der ersten Konsolidierungswelle – Multiple Arbitrage, Provisionsharmonisierung und inflationsgetriebenes Prämienwachstum – zunehmend an Dynamik. Investoren und Führungsteams werden heute weniger am Transaktionsvolumen gemessen, sondern stärker an der Integrationsdisziplin, Reife ihrer Betriebsmodelle und Fähigkeit, nachhaltiges organisches Wachstum zu generieren.

Europa nimmt dabei eine besondere Position zwischen zwei Polen ein: dem stark konsolidierten US‑Maklermarkt und der heterogeneren Asien‑Pazifik‑Region, in der der Versicherungsvertrieb über Banken (Bancassurance) weiterhin klar dominiert und die Marktpräsenz von Maklern stark variiert. Während einzelne europäische Märkte bereits klare Anzeichen einer sogenannten Plattformisierung erkennen lassen und großes Interesse bei Private-Equity-Investoren wecken, befinden sich andere noch in einem frühen Stadium professionell organisierter Roll‑up‑Maßnahmen.

Vor diesem Hintergrund analysiert dieser Artikel die Faktoren, die die Konsolidierung im Versicherungsmaklermarkt auf dem europäischen Kontinent derzeit vorantreiben, und welche Strategien voraussichtlich die nächste Dekade prägen werden. Er beschreibt die zentralen Konsolidierungsmuster und Konsolidierer‑Archetypen, erläutert die Rolle von Maklern in unterschiedlichen Märkten und vergleicht die Wettbewerbsdynamiken in sechs Ländern.

Drei Fachkräfte diskutieren Strategie mit Laptop und Dokumenten im Büro
1

Kapitel 1

Makler in Kontinentaleuropa – Konsolidierungsmuster und Archetypen

Drei Konsolidierer-Archetypen gestalten den europäischen Maklermarkt um, beschleunigen Fusionen und Übernahmen und machen Skalierbarkeit, Integrationsreife und Professionalisierung zu Erfolgsfaktoren.

Betrachtet man Kontinentaleuropa insgesamt, ist kein einheitliches Konsolidierungsmuster zu erkennen. Stattdessen haben sich einige wiederkehrende Konsolidierungspfade herausgebildet, die maßgeblich durch die strategischen Zielsetzungen und Betriebsmodelle der unterschiedlichen Arten beziehungsweise Archetypen von Konsolidierern geprägt sind.

Trotz nationaler Unterschiede lassen sich im europäischen Maklermarkt mehrere Konsolidierungsmuster beobachten, die durchweg von drei Arten von Konsolidierern vorangetrieben werden:

  1. Private-Equity-finanzierte Roll-up-Plattformen sind bislang die zentralen Treiber der Transaktionsaktivität. Sie starteten häufig mit dem Erwerb größerer Ankerunternehmen und verlagerten ihren Fokus anschließend auf kleinere Portfolios sowie Mikro-M&A-Transaktionen. Ziel dieser Akteure ist es, rasch über Segmente und Regionen hinweg zu skalieren, zentrale Funktionen zu bündeln und Prozesse zu standardisieren. Die frühe Wertschöpfung basierte dabei vor allem auf Multiple Arbitrage, der Harmonisierung von Courtage und moderaten Kostensynergien. In einigen Märkten entstehen zusätzliche Konsolidierungsfelder, etwa in Form von Maklerpools, Vertrieben, Einzelmakler-Konsolidierern oder Netzwerken für Ausschließlichkeitsvermittler, die bislang jedoch eine geringere Bedeutung haben und nicht Gegenstand dieser Analyse sind.

  2. Etablierte Industrieversicherungsmakler verfolgen in der Regel einen selektiveren Akquisitionsansatz. Sie konzentrieren sich auf den Ausbau spezifischer Fachkompetenzen oder die gezielte Stärkung regionaler Marktpositionen und integrieren Zukäufe meist über längere Zeiträume. Dabei legen sie besonderen Wert auf kulturelle Übereinstimmung sowie die Bindung kundenrelevanter Expertise und übernehmen häufig die eigentümer- oder familiengeführte Organisationsstruktur. Für diese Akteure ist Konsolidierung in erster Linie ein Mittel, um Know-how zu vertiefen, Reichweite auszubauen und die eigene Wettbewerbsposition in ausgewählten Nischen zu stärken.

  3. Portfoliokäufer und Nachfolgeplattformen richten sich vor allem an sehr kleine Maklerunternehmen, die vor einem altersbedingten Eigentümerwechsel stehen. Sie bieten strukturierte Lösungen für eine Beendigung, Veräußerung oder Portfolioübertragung an und integrieren in der Regel nur in begrenztem Umfang. Ihr Fokus liegt weniger auf aggressivem Wachstum als vielmehr auf stabilen Zahlungsströmen. Entsprechend beschränkt sich die Integration meist auf administrative Prozesse und Systeme, während lokale Kundenbeziehungen und Identitäten bewusst erhalten werden.

Über alle Archetypen hinweg nimmt die Konsolidierung verstärkt internationalen Charakter an: Grenzüberschreitend tätige Investoren und Maklergruppen übertragen ihre bewährten Vorgehensmodelle auf verschiedene Märkte. Mit zunehmender Skalierung der Plattformen und Reifung der Märkte entwickeln sich einzelne Akteure dabei teils vom einen Archetyp zum anderen weiter (beispielsweise vom reinen Portfoliokäufer hin zu einem aktiveren Roll-up-Strategen). Vor diesem Hintergrund gewinnen Klarheit über die strategische Zielsetzung, die Ausgestaltung des Betriebsmodells sowie die Integrationsphilosophie zunehmend an Bedeutung.


Im Gegensatz zu den USA und dem Vereinigten Königreich, wo die Konsolidierung bereits deutlich weiter fortgeschritten ist, bleibt Kontinentaleuropa stärker fragmentiert und heterogen. Doch wohin die Reise gehen soll, ist eindeutig: Skalierbarkeit, Integrationsreife und Professionalisierung werden zu entscheidenden Differenzierungsmerkmalen.


Im Kern dieser Dynamiken steht eine einfache Tatsache: Versicherungsmakler nehmen im kontinentaleuropäischen Markt für Sach- und Haftpflichtversicherungen (Nicht-Leben) eine zentrale Rolle ein – insbesondere im Gewerbe- und Industrieversicherungsgeschäft.

Multikulturelles Team diskutiert Ideen in einem modernen Besprechungsraum
2

Kapitel 2

Warum Makler für den europäischen Versicherungsmarkt wichtig sind

Mit komplexeren Sach- und Haftpflichtrisiken steigt die Bedeutung von Maklern im kontinentaleuropäischen Versicherungsmarkt. Je nach Markt variiert, wie stark dies die Konsolidierung antreibt.

In ganz Europa bilden Versicherungsmakler weiterhin das Rückgrat des Vertriebs von Sach- und Haftpflichtversicherungen (Property and Casualty, im Weiteren kurz „P&C“) – insbesondere im Gewerbe- und Industrieversicherungsgeschäft mit seinen heterogenen Risiken und hohem Beratungsbedarf. Sie erfreuen sich stetig zunehmender Relevanz, da kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ebenso wie Großunternehmen mit einem zunehmend breiten Spektrum an Risiken konfrontiert sind – von Cybervorfällen und Unterbrechungen der Lieferketten bis hin zu klimabedingten Risiken. Dies führt zu einer steigenden Nachfrage nach Vermittlern, die sich mit Multi-Carrier-Märkten auskennen und maßgeschneiderte Lösungen verhandeln sowie Deckungskonzepte jenseits standardisierter Produkte strukturieren können.

Obwohl dieser Trend grundsätzlich überall zu beobachten ist, variiert die Relevanz von Maklern weiterhin je nach Markt:

  • Belgien zählt zu den maklerzentriertesten P&C-Märkten in Europa, in denen Versicherungsmakler den überwiegenden Teil des P&C-Geschäfts für Privat- und Gewerbekunden abwickeln.
  • In Frankreich sieht es ganz anders aus. Ausschließlichkeitsvermittler, eigene Vertriebsorganisationen der Versicherer und Bancassurance dominieren in vielen Bereichen des P&C-Privatkundengeschäfts, während Makler beim Abschluss von Policen im Speciality- und Wholesale-Geschäft sowie bei komplexen gewerblichen Policen eine zentrale Rolle spielen.
  • In Deutschland herrscht ein ausgewogeneres Verhältnis, jedoch wächst die Relevanz von Maklern angesichts der verstärkten Komplexität gewerblicher Risiken und der Professionalisierung der Sparte durch Private-Equity-finanzierte Plattformen.
  • Italien blickt auf eine lange Ausschließlichkeitstradition zurück, aber durch Kooperationsmodelle beeinflussen Makler rund ein Drittel des P&C-Geschäfts, mit wachsender Dynamik im KMU- und Specialty-Segment.
  • In den Niederlanden ist das Geschäft stark vermittlerbasiert: Zwar dominieren Versicherungsmakler und Managing General Agents (MGAs) den Vertrieb, doch gleichzeitig bleibt die Marktstruktur hoch fragmentiert. Steigende digitale Anforderungen, regulatorische Veränderungen und Nachfolgeproblematiken beschleunigen die Konsolidierung und schaffen Chancen für skalierte Plattformen.
  • In Spanien zeigt sich ein ähnliches Bild: Selbst in einem weiterhin stark fragmentierten Markt entfällt auf Makler etwa ein Drittel der P&C-Prämien.

Über diese Märkte hinweg sind die grundlegenden Treiber der Maklerrelevanz weitgehend identisch. Sach- und Haftpflichtrisiken werden komplexer, Kunden suchen unabhängige Beratung und transparente Vergleiche über mehrere Versicherer hinweg, und die Digitalisierung sorgt für höhere Erwartungen an den Service, während sie in fachlich anspruchsvollen Segmenten gleichzeitig die Bedeutung persönlicher Beratung verstärkt. Der Vertrieb über Makler zeigt sich daher in den meisten wichtigen Märkten stabil oder kann Marktanteile hinzugewinnen, insbesondere in den gewerblichen und Spezialversicherungssparten, in denen die Direktversicherungs- und Bancassurance-Kanäle strukturell nur eine begrenzte Rolle spielen.

Richten wir den Blick speziell auf die P&C-Sparte, so lässt sich die Konsolidierung deutlicher erkennen und erklären. In dieser Sparte haben Makler einen klaren Vorsprung an der Kundenschnittstelle und beeinflussen die Platzierungsstrategie in einer Weise, die Versicherer nicht replizieren können – hier findet der Großteil ihrer wirtschaftlichen Wertschöpfung statt. Zugleich weist P&C den höchsten Fragmentierungsgrad und damit die stärkste Konsolidierungsdynamik auf. Kurz gesagt: Maklern kommt, wenn man das Versicherungsumfeld insgesamt betrachtet, unterschiedliche Bedeutung zu. Doch strategisch gesehen dreht sich die europäische Konsolidierung im Kern ums P&C-Geschäft.

Mitarbeiter verfolgen Präsentation am Whiteboard im Büro meeting
3

Kapitel 3

Eine pragmatische Einordnung der europäischen Makler

Der Markt bleibt fragmentiert, sodass die Konsolidierung in Europa ganz unterschiedlich voranschreitet. Eine einfache Aufteilung in drei Segmente hilft beim Verständnis.

Um die Konsolidierungsdynamik besser zu verstehen, erleichtert eine Aufteilung in drei Marktsegmente die Betrachtung:

  1. Makler im Privatkunden- und Kleinstgewerbegeschäft (Retail und Micro-SME) am unteren Ende des Marktes
  2. Makler im Mittelstands- und Spezialgeschäft (Mid-Market und Specialist) als zentrales Kernsegment
  3. Industrieversicherungs- beziehungsweise Großkundenmakler am oberen Ende des Marktes

Insgesamt lassen sich mit diesen Segmenten die ökonomischen Grundzusammenhänge des Geschäftsmodells und das Wettbewerbsverhalten der meisten Vermittler abbilden. Sie schaffen somit einen klaren Bezugsrahmen, um zu analysieren, wo üblicherweise Skaleneffekte realisiert werden und Wertschöpfungshebel verankert sind.

In mehreren Märkten – insbesondere in Deutschland – existieren neben diesen drei Kernsegmenten weitere Arten von Vermittlern, darunter Maklerpools, Vertriebsorganisationen, Inhouse‑ und Online‑Makler. Vergleichbare Long‑Tail‑Strukturen finden sich auch in Italien, Spanien, Frankreich und Belgien. Auch wenn diese ergänzenden Segmente operativ betrachtet relevant sind, ändern sie nichts an der Logik, der die Konsolidierung rein strategisch betrachtet folgt. In den meisten Fällen stellen sie spezielle Ausprägungen der drei oben genannten Segmente dar und lassen sich letztlich denselben zugrunde liegenden Treiber zuordnen.

Innerhalb dieser Struktur variieren Fragmentierungsgrad und Konsolidierungsintensität deutlich: Bei Maklern im Privatkunden- und Kleinstgewerbegeschäft herrscht weiterhin ein hoher Fragmentierungsgrad. Viele inhabergeführte Unternehmen stehen vor drängenden Nachfolgefragen, was ideale Voraussetzungen für Portfoliokäufer und Mikro‑M&A‑Transaktionen schafft. Bei Maklern im Mittelstands- und Spezialgeschäft bieten sich attraktive Margenprofile in erkennbaren Nischen. Sie sind sowohl für strategische Käufer als auch für Private-Equity-Plattformen von großem Interesse. Industrieversicherungsmakler bilden ein vergleichsweise konzentriertes Segment, in dem Konsolidierung vor allem durch selektive strategische Akquisitionen, kompetenzorientierte Zusammenschlüsse und die Integration sogenannter Captive Broker in größere Gruppen vorangetrieben wird.

Team analysiert Diagramme während einer Präsentation im modernen Büro
4

Kapitel 4

Wettbewerbsdynamik in sechs zentralen Märkten

Von maklergeprägten Märkten wie Belgien und den Niederlanden bis zu versichererzentrierten Strukturen in Frankreich: Sechs Märkte zeigen, welche Kräfte den Versicherungsvertrieb neu definieren.

Diese strukturelle Dynamik entfaltet sich in Europa sehr unterschiedlich. Um aufzuzeigen, wie sich Konsolidierungsdynamik, Kanalmix und skalierte Plattformmodelle in der Praxis unterscheiden, konzentriert sich diese Analyse auf sechs repräsentative Märkte.

Belgien: Maklerzentriert und an einem Wendepunkt

Belgien zählt zu den am stärksten maklergeprägten Märkten Europas: Weit mehr als die Hälfte aller Versicherungsprämien im Bereich Nicht-Leben werden über Makler vermittelt. In dem schon immer stark fragmentierten Markt nimmt die Konsolidierung inzwischen klar an Fahrt auf. Unterschiedliche Plattformen – familiengeführt, Private‑Equity‑finanziert oder international angebunden – setzen Roll‑up‑Strategien um, während viele kleinere Makler unter zunehmendem regulatorischen Druck beziehungsweise vor drängenden Nachfolgeproblemen stehen. Trotz eines geschätzten Rückgangs der Maklerzahl um rund 40 Prozent im vergangenen Jahrzehnt sind weiterhin mehr als 5.000 Vermittler im Markt aktiv.

Ein konsolidierungsreifer Markt
40 %
40 %
weniger Makler in Belgien als vor 10 Jahren (geschätzt)

Frankreich: Selektive Konsolidierung in einem weiterhin versichererzentrierten Umfeld

In Frankreich sieht es ganz anders aus. Gebundene Vermittler, eigene Vertriebsorganisationen der Versicherer und Bancassurance prägen weite Teile des P&C‑Privatkundengeschäfts, während Makler beim Abschluss von Policen im Specialty- und Wholesale-Geschäft sowie bei komplexen gewerblichen Policen eine zentrale Rolle spielen. Auf dem Maklermarkt herrscht rege M&A‑Aktivität: Mehrere große Gruppen expandieren, während Wholesale-Makler zunehmend mit Rückversicherern zusammenarbeiten. Die Konsolidierung wird vor allem durch regulatorische Komplexität, Digitalisierung und Margendruck getrieben. Gleichzeitig besteht bei regionalen und auf Nischen spezialisierten Vermittlern weiterhin erhebliches Professionalisierungspotenzial. Insgesamt bleibt das Ökosystem strukturbedingt dynamisch – getragen von großen nationalen Gruppen ebenso wie von einer Vielzahl kleinerer regionaler Konsolidierer.

Deutschland: Fragmentierte Skalierung und PE‑finanzierte Roll‑ups

Deutschland bleibt mit einer großen Zahl von Vermittlern über alle Segmente hinweg einer der fragmentiertesten Versicherungsmaklermärkte Europas. Unabhängige Makler haben an Bedeutung gewonnen, und die Konsolidierung hat an Fahrt aufgenommen – primär getragen von Private‑Equity‑finanzierten Plattformen sowie einer begrenzten Zahl strategischer Käufer. Mehrere Gruppen haben bereits substanzielle Portfolios aufgebaut, die sich über Privatkunden‑, KMU‑ und Spezialsegmente erstrecken, während das Industrieversicherungsgeschäft weiterhin von nationalen und internationalen Akteuren umkämpft ist. Einige deutsche Plattformen haben zudem ihr Angebot auf die betriebliche Altersversorgung ausgeweitet, um ihr Leistungsportfolio abzurunden und für eine breiter gestreute Abdeckung von Großkunden zu sorgen. Insgesamt lässt sich Deutschland als Markt in der Mitte des Konsolidierungszyklus einordnen: Zwar wurden bereits relevante Skaleneffekte realisiert, zugleich besteht insbesondere angesichts der großen Anzahl von Retail‑ und Mid‑Market‑Makler – unterhalb einer EBITDA‑Schwelle von rund einer Million Euro und am stärksten geprägt von der Fragmentierungs- und Nachfolgeproblematik – weiterhin erhebliches Konsolidierungspotenzial.

Italien: Historisch durch Agenturen geprägt, aber Makler bauen ihren Anteil an der Wertschöpfungskette aus

Der italienische P&C-Vertrieb wird seit jeher von Ausschließlichkeitsorganisationen der Versicherer dominiert, aber inzwischen haben sich Makler als zweitwichtigster Vertriebskanal im Bereich Nicht-Leben etabliert. Einschließlich des in Kooperation mit Agenturen platzierten Geschäfts vermitteln Makler heute etwa ein Drittel der Prämien. Der Markt ist stark fragmentiert und zunehmend attraktiv für internationale Investoren, die vor allem in den KMU- und Großkundensegmenten Buy-and-Build-Strategien verfolgen. Jüngste Transaktionen verdeutlichen das wachsende Interesse sowohl an Retail-Portfolios als auch am Spezialgeschäft. Zudem gilt der italienische P&C-Markt aufgrund historischer Faktoren weiterhin als strukturbedingt unterversorgt, was in den kommenden Jahren zusätzlichen Spielraum für maklerbasiertes Wachstum eröffnet.

Niederlande: Vermittlerzentriert mit deutlicher MGA-Relevanz

Die Niederlande zählen zu den am stärksten vermittlerbasierten Versicherungsmärkten Europas. Makler und Managing General Agents (MGAs) vertreiben zusammen den Großteil der Produkte im Bereich Nicht-Leben. Trotz dieser strukturellen Bedeutung ist der Markt weiterhin fragmentiert: Die 15 größten Intermediäre vereinen rund 75 Prozent der Maklerumsätze, gleichzeitig ist aber eine große Gruppe von etwa 4.200 kleineren regionalen Anbietern weiter im Markt aktiv. Die Konsolidierung nimmt spürbar zu, getragen von Private-Equity-Plattformen und internationalen Maklern, die gezielt spezialisierte oder auf Digitalisierung fokussierte Vermittler übernehmen. MGAs spielen aufgrund ihrer delegierten Zeichnungsbefugnisse insbesondere im Nischen- und KMU-Segment eine bedeutende Rolle; strategisch verankert bleibt die Konsolidierung jedoch weiterhin bei den klassischen Maklern. Denn steigende Erwartungen an die Digitalisierung, regulatorische Entwicklungen (einschließlich Rentenreform) und Nachfolgeprobleme bei kleineren Häusern treiben die Professionalisierung weiter voran und schaffen attraktive Möglichkeiten für bereits skalierte Plattformen.

Eine fragmentierte Landschaft
75 %
75 %
der Maklereinnahmen entfallen auf die 15 größten Vermittler in den Niederlanden.

Spanien: Konsolidierung im Anfangsstadium mit einer Vielzahl kleiner Makler

Spanien vereint eine bedeutende Rolle der Makler – auf sie entfallen rund ein Drittel der Prämien im P&C-Geschäft – mit einer großen Zahl von mehr als 4.000 überwiegend kleinen Vermittlern. Während die größten Maklergruppen bereits einen Großteil der Maklererlöse auf sich vereinen, gibt es weiterhin auch viele kleine Unternehmen. Die Konsolidierung steht noch am Anfang, allerdings wachsen einige wenige Private-Equity-finanzierte Plattformen schnell und finden im nationalen Vergleich Erwähnung. Zugleich hat sich Spanien zu einem der aktivsten M&A-Märkte für Versicherungsmakler in Europa entwickelt. Dabei erweisen sich digitale Kompetenzen zunehmend als zentrales Differenzierungsmerkmal gegenüber großen Plattformen und direkten Vertriebskanälen.

Ein durch Maklerrelevanz geprägter Markt
1/3
1/3
der spanischen P&C-Prämien werden über Makler vermittelt.
Diverse Gruppe arbeitet gemeinsam an Ideen in moderner Büroumgebung
5

Kapitel 5

Nächste Prioritäten für Konsolidierer europäischer Makler

Skalierung allein reicht nicht mehr aus. Sieben Maßnahmen helfen, Betriebsmodelle zu vereinheitlichen, die Verhandlungsposition gegenüber Versicherern zu stärken und grenzüberschreitend zu wachsen.

Angesichts schwindender Preisgestaltungsspielräume und zunehmender Komplexität brauchen Verantwortliche ein strukturiertes Wertschöpfungskonzept, das auf den folgenden sieben Maßnahmen fußt:

  1. Organisches Wachstum als steuerbare Ressource begreifen
    Statt organisches Wachstum als passives Ergebnis reiner Skaleneffekte zu betrachten, sollten Verantwortliche klar definieren, in welchen Segmenten sie konkurrieren wollen, welche Kundengruppen priorisiert werden und wie Wachstum systematisch erzeugt werden kann. Vor dem Hintergrund sinkender inflationsbedingter Erlöszuwächse und des steigenden Drucks auf die Courtage gehört dazu eine Professionalisierung der Marktbearbeitung und der gezielte Einsatz von Daten zur aktiven Portfoliosteuerung.

  2. Ein skalierbares Betriebsmodell aufbauen
    Führungsverantwortliche sollten der Vereinheitlichung von Daten, der Standardisierung zentraler Prozesse und der plattformweiten Verankerung einheitlicher Geschäftsabläufe Priorität einräumen. Ohne diese Basis bleibt es schwer, Wachstumsinitiativen umzusetzen und Wertschöpfungshebel zu aktivieren, um verlässlich skalieren zu können.

  3. Digitale Technologien und KI selektiv einsetzen – konsequent eingebettet in eine solide Daten-Governance
    Führungsteams sollten Investitionen in die Digitalisierung auf wirkungsstarke Anwendungsfälle konzentrieren – etwa Selektion, Dokumentenverarbeitung und Portfoliosteuerung – und gleichzeitig sicherstellen, dass Datenqualität und -Governance die notwendige Reife zur nachhaltigen Unterstützung dieser Initiativen aufweisen. Frühzeitige KI‑Mehrwerte entstehen nur dann, wenn entsprechende Anwendungen konsequent in disziplinierte Betriebsmodelle integriert werden.

  4. Das Carrier Management über reine Skaleneffekte hinaus stärken
    Führungsverantwortliche sollten datenbasierte Kompetenzen im Carrier Management entwickeln. Dadurch können Plattformen die Qualität, Rentabilität und strategische Ausrichtung ihrer Portfolios nachvollziehbar belegen, anstatt sich in erster Linie auf ihre Größe als Verhandlungsargument zu stützen.

  5. Entscheiden, wo Spezialisierung echten Mehrwert schafft
    Führungsverantwortliche sollten klare Entscheidungen zur vertikalen Spezialisierung treffen – sei es über Nischenmakler, MGAs oder eine selektive Ausweitung entlang der nachgelagerten Wertschöpfungskette – und dabei sicherstellen, dass diese Schritte die Differenzierung und Margenausweitung stärken. Spezialisierung entfaltet ihren Wert jedoch nur dann, wenn sie vollständig in das übergeordnete Betriebsmodell integriert ist.

  6. Exit Readiness frühzeitiger und systematischer verankern
    Führungsteams sollten die Vorbereitung auf einen Exit als kontinuierlichen Prozess verstehen, nicht als Aufgabe, die erst in einer späten Transaktionsphase relevant wird. Dazu gehören die Integration von Betriebsabläufen, die Bereinigung von Finanzdaten, die Harmonisierung von Compliance-Rahmen und die frühzeitige Abbildung von Synergien und geschäftlichen Verbesserungen in den Leistungskennzahlen deutlich im Vorfeld einer Transaktion.

  7. Grenzüberschreitende Modelle mit klaren Abgrenzungen gestalten
    Bei paneuropäischen Plattformen sollte unter Berücksichtigung regulatorischer, vergütungsspezifischer und kundenbezogener Unterschiede bewusst festgelegt werden, welche Funktionen zentralisiert werden und welche lokal verankert bleiben. Nachhaltige Expansion erfordert ein kohärentes Zielbetriebsmodell, nicht planloses grenzüberschreitendes Wachstum.

Von Skalierung zu disziplinierter Wertschöpfung

Die Konsolidierung im europäischen Versicherungsmaklermarkt tritt in eine entscheidende Phase ein. Das zugrunde liegende Maklermodell bleibt hochattraktiv, der Vertrieb verlagert sich weiter in Richtung unabhängiger Beratung und die große Anzahl eher kleiner Unternehmen bietet erhebliches M&A-Potenzial. Doch die Spielregeln ändern sich. Multiple Arbitrage, pauschale Provisionsharmonisierung und inflationsgetriebenes Prämienwachstum reichen nicht mehr aus. Konsolidierer, die das Transaktionsvolumen über Integrationsdisziplin, operative Exzellenz und nachhaltiges organisches Wachstum stellen, laufen Gefahr, komplexe und anfällige Plattformen aufzubauen.

Erfolgreiche Akteure verstehen Konsolidierung als einen durchgängigen, zusammenhängenden Wertschöpfungsprozess, nicht als Abfolge isolierter Transaktionen. Sie definieren klare strategische Rollen für ihre Plattformen, investieren frühzeitig in skalierbare Technologie- und Datengrundlagen, professionalisieren Vertrieb und Carrier Management und gehen jede Akquisition mit einem detaillierten Integrations- und Wertschöpfungskonzept an. Für Investoren und Führungsteams ist die Devise klar: Konsolidierung nicht länger dem Zufall überlassen, sondern Akquisitionen, Integration und Wachstum von Anfang an mit einem durchdachten Konzept steuern.

Fazit

Die Konsolidierung im kontinentaleuropäischen Versicherungsmaklermarkt nimmt an Fahrt auf, da P&C-Risiken immer komplexer werden und die kundenseitige Nachfrage nach unabhängiger Beratung wächst. Die traditionell fragmentierte Maklerlandschaft entwickelt sich dabei hin zu größeren Gruppen- und Plattformmodellen, die in spezialisierte Fach-, Daten- und Servicekompetenz investieren können. Während in der Frühphase der Konsolidierung häufig Multiple Arbitrage und Provisionsharmonisierung zentrale Hebel waren, verlieren sie nun zunehmend an Bedeutung. Die Gewinner der nächsten Phase werden Konsolidierer sein, die Integration diszipliniert vorantreiben, skalierbare Betriebsmodelle aufbauen und nachhaltiges organisches Wachstum erzeugen.


Mehr zum Thema

KI-Strategie: die fünf Dimensionen für skalierbare Wertschöpfung

Erfahren Sie, wie Versicherer mit integrierter KI-Strategie und klarem Zielbild den Schritt von Pilotprojekten zur skalierbaren Wertschöpfung schaffen

5 Prioritäten für Versicherer: Wie aus Unsicherheit Chancen entstehen

Volatilität, neue Kapitalströme und KI setzen Versicherer unter Handlungsdruck. Fünf Prioritäten für 2026 – von Wachstum bis Workforce. Jetzt lesen!

Wie wird mit Agentic AI aus einem Kostenblock ein Effizienztreiber?

Agentic AI verschlankt das Schadenmanagement: bis zu 50 Prozent schnellere Abläufe, sinkende Kosten und zufriedene Kunden. Jetzt mehr erfahren!