Wie smart muss man fürs Smart Grid sein?

Von

Carsten Buhl

Leiter Energy Trading Generation und Heating | Deutschland, Schweiz, Österreich

Ist seit 20 Jahren in der energiewirtschaftlichen Beratung engagiert. Beruft sich dabei auf Affinität zu digitalen Geschäftsmodellen und sein Innovationsstreben. Reist auch privat häufig gen Norden.

6 Minuten Lesezeit 25 Oktober 2019

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Die Digitalisierung der Energiebeschaffung kommt rasant. Doch nur wenige Energieversorger haben bereits eine Strategie für den Wandel.

2022 wird ein Techniker das letzte deutsche Kernkraftwerk abschalten. Gleichzeitig greifen die Beschlüsse der Kohlekommission: Deutschland wird viel weniger Kohle verfeuern, dafür aber die Leistung seiner Gaskraftwerke hochfahren. Der Stromfluss wird durch dezentrale Erzeugung immer häufiger bidirektional. Für die Energieversorgungsunternehmen (EVU) bedeutet das einen Wandel an der Wurzel ihres Wirtschaftens.

Dieser Wandel findet in einem Umfeld statt, das sich rasant aufsplittert und digitalisiert. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und EY haben darüber mit Entscheidern aus 90 Handels- und Beschaffungsorganisationen gesprochen. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz resultieren aus dieser Umfrage drei zentrale Dinge: 

  1. Wachstum erwarten die Beschaffer in ausgewählten Geschäftsfeldern trotz des hohen Margendrucks. Sie konzentrieren sich stärker auf ihr Kerngeschäft als Dienstleister des eigenen Vertriebs und wollen das externe Leistungsportfolio bereinigen.
  2. Die Digitalisierung der Beschaffung verläuft in Teilen anders als gedacht – und dazu weitgehend ungeplant. Nur wenige EVU verfügen über eine belastbare Digitalisierungs-Roadmap.
  3. Größtes Hindernis auf den neuen Wegen zur Energiebeschaffung ist nicht das Beherrschen der Technologien, vielmehr fehlen spezialisierte Mitarbeiter und strategische Einheiten sowie Manager, die Zielbilder und Business Cases für den digitalen Wandel aktiv vorantreiben, statt lediglich zu reagieren. 

Wo der Wandel Wachstum verspricht

Mehr als die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass die Energiebeschaffer aufgrund des Margendrucks ihr externes Leistungsportfolio reduzieren werden. Mit dem Abbau oder einem Outsourcing der Beschaffungseinheiten rechnen die Marktteilnehmer nicht, denn dafür ist dieses Know-how im eigenen Unternehmen zu wichtig. Zu den Kernfunktionen der Beschaffung zählen die Befragten vor allem das Management, den Handel und das Risikomanagement, weniger die IT oder den Vertrieb. 

Ein Wachstum von

45

Prozent erwarten Energiemanager durch den Wandel für manche Bereiche.

Diese Fokussierung bedeutet keinesfalls, dass die Energiemanager für die Zukunft schwarzsehen – für zwei Drittel der bestehenden Geschäftsfelder rechnen sie mit Bruttogewinnen. Wirkliches Wachstum versprechen dabei nur zwei Bereiche: zum einen langfristige Stromlieferverträge, mit denen beide Seiten die Risiken eines volatilen Marktes abfedern (z. B. ein Power Purchase Agreement, PPA). Zum anderen vor allem das Management dezentraler B2B-Plattformen für selbst produzierende Geschäftspartner ( „Prosumer“). Hier erwarten die Befragten ein Wachstum von 45 Prozent. 

Der Übergang zum schnellen Energiemarkt mit dezentralen Assets wird für die EVU erfolgreich verlaufen, die sich digitalisieren.

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, setzen vier von fünf EVU deshalb darauf, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Fast zwei Drittel wollen außerdem auf Kooperationen setzen. Stärker ist als strategischer Trend einzig der allgemeine Trend zur Einführung digitaler Technologien (86 Prozent). Wie wichtig die zunehmend dezentrale Energieerzeugung schon heute ist, zeigt sich an einem Schwenk weg vom traditionellen Vertrieb hin zu dezentralen Assets wie Wind- und Solaranlagen, Batteriespeichern und flexiblen Industrieverbrauchern. Der Übergang in diesen schnellen, stark fragmentierten Energiemarkt wird vor allem für die EVU erfolgreich verlaufen, die sich zügig und geplant digitalisieren. 

Wo die Beschaffung keinen digitalen Handlungsbedarf sieht

Für 90 Prozent der Befragten ist die Digitalisierung der wichtigste Trend der kommenden Jahre. Doch was verstehen Energiebeschaffer darunter? Die EY-Studie gibt auch Einsichten, was für die Befragten nicht dazu gehört:

  • Agiles Arbeiten fällt für den Großteil der Befragten nicht unter den Digitalisierungsbegriff.
  • Auch Blockchain steht nur selten auf der Agenda. Lediglich ein Viertel der Befragten sieht dafür konkrete Anwendungsfälle.
  • Zuletzt gibt es auch an den Börsen innovative Neuerungen, z. B. Wetterderivate und PPAs, die sich nach Meinung der Survey-Teilnehmer bis 2022 noch nicht durchsetzen werden. Vorrangig, weil die IT-Systeme der Beschaffer nicht flexibel genug sind.

Dazu besteht ein Markttrend, der nichts mit Digitalisierung zu tun hat, aber auch als äußerst wichtig angesehen wird: Obwohl der grobe, regulatorische Rahmen längst steht, schauen zwei Drittel der EVU weiter sehr genau auf die Verfeinerung der Großhandelsregulierung, wie etwa die Anpassung der REMIT-Meldetabellen (EU-Verordnung 1227/2011: Regulation on Wholesale Energy Market Integrity an Transparency).

Wo bis 2022 digitalisiert werden soll

Die Umfrage zeigt, dass EVU unterschiedlich mit der Digitalisierung umgehen. Größere Unternehmen verlagern ihre IT in die Cloud, während kleine Unternehmen noch viele Sicherheitsbedenken haben. So oder so werden die nächsten drei Jahre entscheidend sein.

Wie schnell sich die Markt- und Marktfolgeprozesse der Beschaffung digitalisieren, zeigt die Frage nach den Automatisierungspotenzialen. Noch setzt nur eine Minderheit digitale Schlüsseltechnologien wie Analytics, RPA oder Künstliche Intelligenz (KI) in der Energiebeschaffung ein. Dies wird sich bis zum Jahr 2022 ändern: Nahezu alle Technologien werden bei der Mehrheit der befragten Unternehmen entweder vollständig oder als Pilot implementiert sein.

Diese rasanten Schritte werden notwendig sein, wenn die Viertelstunde bei der Bewirtschaftung von Kurzfristportfolios im Strom Standard ist: Wer innerhalb dieser Zeitspanne nicht liefern kann, bleibt außen vor. Insgesamt entwickelt sich die Strombeschaffung sogar in Richtung „Realtime“: Bis 2022 wird der Anteil an EVU, die auf Angebot und Nachfrage sofort reagieren, von 7 auf 46 Prozent steigen. Unter diesen Voraussetzungen noch manuell schalten zu müssen, wäre ein erheblicher Nachteil. 

Die große Mehrheit der befragten Unternehmen verfügt über keine belastbare Roadmap für eine Digitalisierung der Beschaffung.

Das Wissen ist da – die Strategie fehlt

Das extreme Tempo des Wandels ist allen Befragten bewusst – dennoch scheint kaum jemand einen Plan zur Umsetzung parat zu haben. Die große Mehrheit der befragten Unternehmen verfügt über keine belastbare Roadmap für eine Digitalisierung der Beschaffung. Weniger als ein Fünftel plant, die Digitalstrategie neu oder weiterzuentwickeln. Zudem wiegen sich Beschaffer in der trügerischen Sicherheit, dass die digitalen Tech-Riesen aus den USA nicht in ihren angestammten Markt eindringen würden. Täuschen sich die zwei Drittel der Befragten in diesem Punkt, wäre das ein schwerwiegender Irrtum.

Weniger als

20

Prozent der EVU planen die Neu- oder Weiterentwicklung ihrer Digitalstrategie.

Die weitgehend abwartend-reaktive Umsetzung der Digitalisierung könnte damit zusammenhängen, dass diese nahezu überall Chefsache bleibt. Die IT-Verantwortlichen sind nur in zwei Fünfteln der Fälle zuständig. Nutzerzentriertes Denken herrscht ebenfalls nicht durchgängig vor: Weniger als ein Drittel der Befragten nimmt die Wünsche der Kunden auf, wenn sie die weitere Digitalisierung des EVU planen. Dieser Top-down-Ansatz birgt die Gefahr, dass die Beschaffungseinheiten zu Getriebenen neuer Trends werden, anstatt den Wandel aktiv in die Hand zu nehmen. Kein Wunder, dass das größte Hemmnis im Strategiebereich ein „fehlender Business Case“ für die Digitalisierung ist – es fehlt häufig schlicht an Ideen. Mehr noch mangelt es allerdings an gut ausgebildeten Leuten und IT-Ressourcen.

Dabei ist ein klarer Plan für die nächsten Schritte in einem solchen Umfeld wichtig. Dafür sollten EVU Digitalisierungsmanager benennen. Auf diese Weise wird es ihnen auch eher gelingen, „end to end“ zu denken – also vom Kundenbedürfnis über die eigene IT bis hin zur fertigen Produktlösung. Hier können eine gelebte Kooperationskultur und agile Arbeitsweisen helfen, die von vielen Befragten bislang als kaum relevant für den digitalen Wandel angesehen werden. Ein steigendes Maß an Verantwortung fördert zudem das unternehmerische Denken bis auf die Arbeitsebene.

Um dies zu erreichen, ist es nicht notwendig, unzählige Digital-Fachleute zu rekrutieren – von ihnen gibt es ohnehin zu wenige am Markt. Vielmehr sollte ein aktives Digitalisierungsmanagement darauf achten, Schlüsselpositionen mit Experten zu besetzen. Die Teams dahinter sollten möglichst breit und divers aufgestellt sein – zahlreiche Studien belegen die Überlegenheit solcher Abteilungen. Der erfolgreiche Übergang in ein neues Maschinenzeitalter wird von denen abhängen, welche die Maschinen bedienen: den Menschen.

Fazit

Der Energiewirtschaft steht ein gewaltiger Umbruch bevor, zum Teil steckt sie schon mittendrin: erneuerbare Energien, dezentrale Stromerzeugung sowie ein neu ausgerichtetes Netz-Management fordern die etablierten Player heraus. Gemeinsam mit dem BDEW hat EY Entscheider aus Handels- und Beschaffungsorganisationen befragt. Wichtigste Erkenntnis: In der Energiewirtschaft besteht vor allem mit Blick auf die Digitalisierung noch Aufholbedarf.

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Carsten Buhl

Leiter Energy Trading Generation und Heating | Deutschland, Schweiz, Österreich

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