4 Minuten Lesezeit 24 Oktober 2019
Woman speaking at business meeting in the office

Wie der Mittelstand mehr Frauen in Führungspositionen gewinnen kann

Von

Michael Marbler

Leiter des Marktsegments Mittelstand | Deutschland, Österreich, Schweiz

Ist Prüfer und Berater aus Überzeugung, der seit über 20 Jahren den deutschen Mittelstand betreut. Er lebt mit seiner Familie in Stuttgart und ist passionierter Skifahrer.

Co-Autoren
4 Minuten Lesezeit 24 Oktober 2019

Die Zahl der Top-Managerinnen im deutschen Mittelstand hat zwar zugenommen – aber nur leicht, wie das EY-Mittelstandsbarometer 2019 zeigt.

Dass die Karrierechancen für Frauen im Mittelstand besser stehen als in börsennotierten Unternehmen, ist die gute Nachricht: 17,1 Prozent der Mitglieder in mittelständischen Geschäftsführungen sind weiblich. Im DAX bestehen die Führungsgremien dagegen nur zu 15 Prozent aus Frauen, im MDAX sind es lediglich acht Prozent und im SDAX sogar nur fünf Prozent. Die Kehrseite ist jedoch: Der Zuwachs an Frauen in Führungspositionen des deutschen Mittelstands beträgt gegenüber dem Vorjahr nur 0,8 Prozentpunkte. Das zeigen die Ergebnisse unseres aktuellen Mittelstandbarometers.

Zuwachsrate

0,8

Prozentpunkte höher als im Vorjahr liegt der Anteil an Frauen in Führungspositionen des Mittelstands.

Zwei Drittel von insgesamt mehr als 1.500 befragten mittelständischen Unternehmen haben mindestens eine Frau im Vorstand oder in der Geschäftsführung. Nach wie vor fällt es jedoch vielen Mittelständlern schwer, qualifizierte Frauen für sich zu gewinnen: 45 Prozent von ihnen berichten von Schwierigkeiten, weibliche Fachkräfte ins Unternehmen zu holen.

Familiengründung als Karrierehürde

Eine der Hauptursachen für den immer noch geringen Anteil von Frauen in Führungspositionen liegt an der mäßig bis gar nicht gelingenden Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Eine Erfahrung, die auch Nina Hugendubel, geschäftsführende Gesellschafterin der Hugendubel-Buchhandlungen, gemacht hat: „Leider ist es in der Realität immer noch so, dass viele Frauen glauben, dass sie den beiden Rollen in Familie und Beruf nicht gerecht werden können“, sagt die Geschäftsführerin. 

Wenn es um die Gleichstellung von Frauen und Männern geht, müssen nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Paare umdenken.
Sigrid Bauschert
CEO Management Circle

Die Lösung liegt für die Managerin dabei vorrangig bei den Paaren selbst: „Wenn die Beziehung gleichberechtigt ist und die Aufgaben klar verteilt sind, lassen sich Familie und Beruf sehr wohl miteinander vereinen. Allerdings müssen sich alle Beteiligten für dieses Modell entscheiden und sich sehr gut organisieren.“ Denn trotz aller gesellschaftlichen und politischen Bemühungen sind die tradierten Rollenbilder häufig noch nicht überwunden. Fehlt es an einer Kinderbetreuung, weil beispielsweise keine Kita-Plätze zur Verfügung stehen, übernehmen in der Regel die Mütter diese Aufgabe – vor allem dann, wenn der Mann das höhere Einkommen bezieht. Und dies ist häufig immer noch der Fall.

„Wenn es um die Gleichstellung von Frauen und Männern geht, müssen nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Paare umdenken“, sagt die Unternehmensberaterin Sigrid Bauschert von Management Circle dazu. „Die Verantwortung liegt auf beiden Seiten.“

Viele Ideen für mehr Gleichstellung

Doch was können die Unternehmen tun, um Frauen die Vereinbarkeit von Karriere und Familie zu erleichtern? 16 Prozent der Mittelständler möchten mit Modellen für flexible Arbeitszeiten die Frauenförderung aktiv voranbringen, elf Prozent wollen Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern in gleicher Position verringern und zehn Prozent bieten Trainings zur Karriereförderung speziell für Frauen an. In vielen mittelständischen Unternehmen besteht heute eine Kultur der flachen Hierarchien, was es Frauen erleichtern kann, Familie und Beruf miteinander zu verbinden.

Keine Unterschiede zwischen West und Ost – aber große zwischen den Branchen

Zwischen West- und Ostdeutschland besteht so gut wie kein Unterschied im Hinblick auf den Anteil von Frauen in Führungsetagen: Im Osten beträgt er 18, im Westen 17 Prozent. Große Abweichungen zeigen sich hingegen in den verschiedenen Branchen. Am höchsten ist der Anteil von Frauen im Top-Management in der Transport- und Verkehrsbranche sowie bei Finanz- und anderen Dienstleistungen. Hier ist das Spitzenpersonal der von uns befragten Unternehmen zu 21 Prozent weiblich.

Transport, Verkehr, Finanzen

21 %

der Plätze im Top-Management werden in diesen Branchen von Frauen besetzt.

In den klassischen Industriebranchen ist der Anteil der Frauen in Führungspositionen dagegen am geringsten: Im Maschinenbau beträgt er lediglich zwölf Prozent. Unternehmen der Metallerzeugung und -bearbeitung sowie die Baubranche liegen mit einem Anteil von 14 Prozent nur leicht darüber.

Mädchen können auch Maschinen

Ein wesentlicher Grund für den bislang noch unterdurchschnittlich geringen Anteil von Frauen im Management der klassischen Industrien liegt darin, dass es nach wie vor versäumt wird, Mädchen und junge Frauen bereits in der Schule und während des Studiums dafür zu begeistern. Damit fehlen auch die notwendigen Vorbilder, die dem weiblichen Führungsnachwuchs Mut und Orientierung geben können.

Die jungen Mädchen, die sich jetzt für uns entscheiden, sind wahnsinnig engagiert und haben das Zeug dazu, Führungsaufgaben zu übernehmen.
Hans Fischer
Geschäftsführer fischer group

Aber das kann und soll anders werden: „Die metallverarbeitende Branche ist traditionell wirklich ein eher männlich dominiertes Spielfeld“, sagt Geschäftsführer Hans Fischer von der fischer group dazu. „Mit unserem Girl’s Day wird sich das aber langfristig ändern. Denn die jungen Mädchen, die sich jetzt für uns entscheiden, sind wahnsinnig engagiert und haben das Zeug dazu, Führungsaufgaben zu übernehmen.“

Bei der Gleichstellung von Frauen und Männern ist der deutsche Mittelstand auf einem erfolgversprechenden Weg – und auf diesem auch bereits weiter als viele börsennotierte Unternehmen. Viele Schritte sind noch zu gehen, aber die Türen zum Eintritt in das Top-Management mittelständischer Unternehmer öffnen sich für Frauen stetig immer weiter.

Mehr zu den Trends und Perspektiven des deutschen Mittelstands finden Sie im aktuellen Mittelstandsbarometer 2019

Fazit

Die Türen zu den Chefetagen im Mittelstand öffnen sich für Frauen kontinuierlich weiter. Doch nach wie vor gibt es Hürden auf dem Weg zur Gleichstellung. Und diese sollten von den Unternehmen, der Politik, Gesellschaft und auch in den Familien und Partnerschaften gemeinsam überwunden werden. Das zeigen die Ergebnisse unseres Mittelstandsbarometers 2019, für das wir mehr als 1.500 Unternehmerinnen und Unternehmer befragt haben.

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Michael Marbler

Leiter des Marktsegments Mittelstand | Deutschland, Österreich, Schweiz

Ist Prüfer und Berater aus Überzeugung, der seit über 20 Jahren den deutschen Mittelstand betreut. Er lebt mit seiner Familie in Stuttgart und ist passionierter Skifahrer.

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