Zählen wir alles, was wirklich zählt?

Von

Jan-Menko Grummer

Partner, Leiter Long Term Value Programm, Assurance I Deutschland, Schweiz, Österreich

Beschäftigt sich mit der Transformation der Unternehmensberichterstattung im Bereich langfristiger Anlagestrategien. Ist davon überzeugt, dass nur so ein funktionierender Finanzmarkt möglich ist.

Co-Autoren
8 Minuten Lesezeit 24 Juli 2019

Die neuen Werte der Unternehmensberichterstattung sind immateriell: Talent, Innovation, Vertrauen und gesellschaftlicher Nutzen.

Früher war es einfach. Zahlen bildeten die Basis für die bewährte Zukunftsformel: Wer in der Vergangenheit erfolgreich war, wird es höchstwahrscheinlich auch bleiben. Doch solche vermeintlich zuverlässigen Indikatoren, die aus der Rechnungslegung der 1970er Jahre stammen, sind lange überholt. Der Markt hat sich geändert und um langfristig Erfolg zu haben, gelten inzwischen andere Maßstäbe. Das Herzstück erfolgreicher Internetunternehmen besteht aus Kundenstamm, Marktanteil und Marke – und nicht etwa nur aus materiellen Vermögenswerten, wie Immobilien und Anlagen.

Entsprechend haben sich die Kriterien für den langfristigen Unternehmenswert grundlegend geändert. Big Data, Künstliche Intelligenz, Innovationen und Personal rücken in den Fokus. Ausgerechnet diese Erfolgskriterien, die mehr als je zuvor den Long Term Value eines Unternehmens bestimmen, tauchen in den Bilanzen so gut wie nicht auf. Doch für eine zeitgemäße und vertrauensschaffende Quartals- oder Jahresberichterstattung im 21. Jahrhundert zählen finanzielle und nicht-finanzielle Aspekte gleichermaßen. Vorstände und Aufsichtsräte müssen sich mit vier zentralen Herausforderungen auseinander setzen:  

  1. Vertrauensdefizite: Die zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit in vielen Ländern führt dazu, dass das öffentliche Vertrauen in Institutionen und Unternehmen abnimmt.
  2. Investment Disconnect: Häufig fehlen Informationen über die langfristige Wertentwicklung eines Unternehmens. Viele Akteure entlang der Investitionskette orientieren sich deshalb bei Investitionsentscheidungen an kurzfristigen Finanzzielen.
  3. Big Data: Die allgemeine Verfügbarkeit großer Datenmengen eröffnet Unternehmen und ihren Stakeholdern neue Möglichkeiten der Informationsgewinnung. Dadurch verlieren Unternehmen die Kontrolle über die eigene Berichterstattung.
  4. Die Zusammensetzung der Werttreiber ändert sich: Durch Globalisierung und technologischen Wandel nimmt die Bedeutung von immateriellen Werten für den Unternehmenswert zu.  Etablierte Finanzkennzahlen geben hierüber zu wenig Auskunft, um über die tatsächliche Wertentwicklung von Unternehmen zu informieren.

Wie können Unternehmen Vertrauen zurückgewinnen?

Unternehmen müssen sich langfristig stabil positionieren und das verlorene Vertrauen der Bevölkerung, von Investoren und des Marktes flächendeckend zurückgewinnen. Dazu braucht es neue Messmethoden, die verlässliche Transparenz vermitteln. 

EY Long Term Value Grafik vierstufiger Prozess

Unsere Studie „Der neue Blick auf die Unternehmensberichterstattung“ stellt einen vierstufigen Prozess zur Kennzahlenentwicklung für Long Term Value vor. Dieser Ansatz vermittelt Investoren, wie langfristiger Unternehmenswert geschaffen und gemessen werden kann: Erstens muss der unternehmerische Kontext beschrieben werden, zweitens die Wirkungen für die Stakeholder bewertet werden, drittens die strategischen Fähigkeiten identifiziert und viertens Kennzahlen für die Messung des Long Term Value erarbeitet werden.

Meeting in Konferenzraum
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Kapitel 1

Welchen Wertzuwachs Stakeholder wirklich wollen

Unternehmen müssen die neuen Haupttreiber für Wachstum und Wohlstand in ihrer Bilanz aufführen.

Bei allem, was sich seit den 1970er Jahren verändert hat, ist eines gleich geblieben: Vertrauen ist wichtig. Dem aktuellen Edelman Trust Barometer 2019 zufolge vertraut jedoch ein Großteil der Weltbevölkerung nicht darauf, dass die Wirtschaft Wohlstand schaffen kann. Unternehmen müssen entsprechend hart daran arbeiten, öffentliches Vertrauen zurückzugewinnen. Um dies zu tun, müssen sie aber nachweisen können, wie sie einen langfristigen Wert schaffen werden – für alle Stakeholder, nicht nur für Aktionäre. 

Für Unternehmen im 21. Jahrhundert sind immaterielle Vermögenswerte wie Humankapital, Unternehmenskultur, Kundentreue und Vertrauen wichtiger denn je.
Prof. Dr. Peter Wollmert
Leiter Financial Accounting Advisory I Global

Immaterielle Vermögenswerte wie Humankapital, Unternehmenskultur, Kundentreue und Vertrauen machen zwischen 50 und 80 Prozent des Marktwerts eines Unternehmens aus – in gängigen Rechnungslegungspraktiken werden allerdings nur die Kosten erfasst, die mit immateriellen Werten zusammenhängen. Eine ähnliche Lücke klafft zwischen der aktuellen Rechnungslegung und Aktionärsrenditen. Die Gewinn- und Verlustrechnung berücksichtigt Wertänderungen nur von bestimmten Vermögenswerten und Verbindlichkeiten. Strategisches Know-how wird nicht auf der Habenseite aufgeführt. 

Es braucht konkrete Kennzahlen, um immaterielle Unternehmenswerte zu messen

Wir brauchen ein gemeinsames Verständnis der Werttreiber dieser Zahlungsströme und wir müssen in der Lage sein, die weitgehend immateriellen Eigenschaften von Unternehmen des 21. Jahrhunderts zu messen. Ein Vorschlag ist, Kennzahlen einzuführen, die immaterielle und materielle Vermögenswerte messen und vergleichen. Indem diese schwerer messbaren Faktoren aufgeführt werden, verringert sich der Investment Disconnect, also die Diskrepanz zwischen den kurzfristigen Anforderungen der Anleger und dem langfristigen Wertzuwachs des Unternehmens.

  • Unternehmen haben zwar langfristige Investmentstrategien, aber wenn es keine Messgrößen gibt, um diese auch darzustellen, konzentrieren sich Anleger auf kurzfristige Messgrößen, die sie sehen können.

In dem „Embankment Project for Inclusive Capitalism“ (EPIC) haben wir gemeinsam mit der Coalition for Inclusive Capitalism und 31 weltweiten Unternehmen mit insgesamt rund 30 Trillionen USD Vermögenswerten 18 Monate lang daran gearbeitet, neue Metriken für den Long Term Value an Finanzmärkten zu entwickeln. Erkenntnisse und konkrete Ergebnisse wurden im  EPIC festgehalten.

  • Die traditionelle Unternehmensberichterstattung konzentriert sich auf  die kurzfristige finanzielle Performance. Dadurch vermittelt sie nur ein unvollständiges Bild des langfristigen Unternehmenswerts sowie der langfristigen Erfolgsaussichten von Unternehmen.

    Kern des EPIC ist die Festlegung von Kriterien, die alle notwendigen Informationen über die Werttreiber für den langfristigen Unternehmenswert – den Long Term Value – liefern. Demnach sollen Unternehmen künftig ihre immateriellen Vermögenswerte – wie etwa geistiges Eigentum, den Wertbeitrag ihrer Beschäftigten, den Wert der Marke und den Wert ihrer Innovationstätigkeit – umfassender messen und kommunizieren. Dafür definiert das EPIC ein Open-Source-Rahmenwerk für die langfristige Wertschöpfung sowie erste konkrete Kennzahlen.

Dem EPIC zufolge haben CFOs drei Prioritäten auf der Agenda: 

  1. Die traditionelle Unternehmensberichterstattung auf „value-driven reporting“ umstellen 
  2. Künstliche Intelligenz und neue Technologien einbeziehen
  3. Finanzabteilungen ins Boot holen und den Wert nicht-finanzieller Standbeine ins Reporting aufnehmen
Arbeiter am Industrieroboter
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Kapitel 2

Künstliche Intelligenz schlau nutzen

Viele Unternehmen sind von den zur Verfügung stehenden Datenmengen noch schlicht überfordert.

Durch Big Data und Künstliche Intelligenz (KI) schaffen neue, riesigen Datenmengen nie dagewesene Möglichkeiten für Unternehmen – und für alle, die an der Entwicklung von Unternehmen interessiert sind. Die Hälfte der CFOs bestätigt laut unserer Studie, dass sie noch „mehr Zeit damit verbringen, Daten zu sammeln und zu verarbeiten, als diese zu analysieren“.

Dazu kommt die feine Gratwanderung, die gesammelten Daten innovativ zu nutzen, ohne dabei bestehende Standards und Vertrauen zu verletzen. Die Studie zeigt auch, dass Sorgen um die Datensicherheit ganz oben stehen und gleichzeitig die größte Bremse für neue Technologien sind. 

Neue Datenmengen geben Stakeholdern die Möglichkeit, sich abseits der firmeneigenen Kommunikationskanäle über das Unternehmen zu informieren. In anderen Worten: Je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto schwieriger ist es für Unternehmen, die Meinungsbildung selbst zu beeinflussen.

Die Priorität lautet daher in diesem Bereich: Technologischen Fortschritt in Automatisierung, Künstlicher Intelligenz und Blockchain ausnutzen. Wer dies unterlässt, verliert den Anschluss. 

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Kapitel 3

Neuer Fahrplan für Finance

Um sich finanzstark für die Zukunft aufzustellen, braucht es neue Talente.

79 Prozent der Entscheidungsträger im Finanzbereich sind sich klar darüber, dass es neuer Talente bedarf. Die künftigen Finanzköpfe müssen weit über den traditionellen Tellerrand hinausdenken: Sie brauchen ein strategisches Bewusstsein für neue Technologien und müssen mit Daten und erweiterten Statistiken umgehen können.

Die fünf größten Anforderungen für künftige Entscheidungsträger im Finanzbereich sind:

  1. Datensicherheit und Privatsphären noch besser schützen
  2. Sich dem Tempo des technologischen Fortschritts anpassen
  3. Rechtliche Änderungen engmaschiger prüfen
  4. Der Nachfrage nach zukunftsgerichteten Echtzeit-Informationen nachkommen
  5. Auf geänderte gesellschaftliche Normen eingehen

Die Transformation des Long Term Value wird unaufhaltsam weitergehen. Unternehmen haben es in der Hand, wann sie sich den neuen Bedingungen stellen möchten. Je länger sie warten, desto größer wird das öffentliche Vertrauensdefizit. Je weniger sie reagieren, desto größer wird der Investment Disconnect. Je länger sie zögern, desto größer werden die Datenberge, die es auszuwerten gilt  – und umso größer wird die Datensammlung der Konkurrenz.  

Früher war es einfach. Zahlen waren die Basis. Wer sich jedoch für die Zukunft rüsten will, muss anspruchsvollere Methoden zur Messung der langfristigen Wertschöpfung anwenden. Das ist die neue Basis, um erfolgreich zu bleiben.

Fazit

Traditionelle Finanzberichterstattung reicht nicht mehr aus, um den langfristigen Unternehmenswert abzubilden. Immaterielle Vermögenswerte sowie Big Data sind das neue Fundament – allerdings werden diese Faktoren weder in Quartals- noch in Jahresabschlüssen adäquat dargestellt. Unsere Studie zur Messung der langfristigen Wertschöpfung schlägt die Brücke in die Zukunft der Unternehmensberichterstattung.

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