Wie kann der Grüne Deal nachhaltiges Wachstum weltweit neu definieren?

Von

Maarten Dubois

EY Belgium Climate Change and Sustainability Director

Sustainability Advocate. Helping governments to accelerate circular economy. Hockey player and coach. Proud dad of three kids.

4 Minuten Lesezeit 13 Januar 2020

Die Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) wird der EU helfen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und die Welt zum Besseren zu verändern.

Der Grüne Deal der EU ist einer der ehrgeizigsten Pläne der neuen Europäischen Kommission (EK). Dieses Maßnahmenpaket hat weitreichende Auswirkungen – nicht nur für europäische Verbraucher und Unternehmen, sondern auch für Anbieter und Märkte weltweit. Durch eine erfolgreiche Umsetzung könnte Europa maßgeblich mitbestimmen, wie die Welt künftig ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum erzielt.

So kann der Grüne Deal der EU helfen, nachhaltiges Wachstum weltweit neu zu definieren:

  • Die Stärken einer langfristigen Denkweise aufzeigen
    Wenn die EU ihr Ziel erreicht, Europa bis 2050 zu einem klimaneutralen Kontinent zu machen, würde sie damit dem Rest der Welt zeigen, was möglich ist, wenn politische Entscheidungsträger mutig handeln und weitreichende gesetzliche Maßnahmen ergreifen.
  • Die Entwicklung neuer Technologien vorantreiben
    Durch Investitionen in disruptive Innovationen werden die EU-Mitgliedstaaten in der Lage sein, saubere Technologien zu entwickeln, die sowohl eine nachhaltige Produktion als auch nachhaltigen Konsum ermöglichen. Europa hat hier bereits einen guten Ruf – es war beispielsweise maßgeblich an der Entwicklung erneuerbarer Energien beteiligt, die heute weltweit genutzt werden.
  • Eine neue, grüne Wirtschaft aufbauen
    Die EU ist eine große und wohlhabende Wirtschaft mit rund 513 Millionen Einwohnern und 27 Millionen Unternehmen in den derzeit 27 Mitgliedstaaten. Wenn europäische Verbraucher und Unternehmen ihre Kaufkraft für die Wahl umweltfreundlicherer Produkte nutzen, können sie Industriezweige auf anderen Kontinenten beeinflussen, indem sie wirksam die Einführung nachhaltigerer Herstellungsverfahren einfordern.

Im Rahmen ihres Grünen Deals strebt die EU an, weltweit führend in der Kreislaufwirtschaft und bei umweltfreundlichen Technologien zu werden. Diese Strategie bietet der EU einige wichtige Möglichkeiten, die Welt zum Besseren zu verändern und Europa gleichzeitig wettbewerbsfähiger zu machen. Europa ist bereits dabei, seine „grünen“ Ambitionen zu erreichen; laut unserer Umfrage zur Attraktivität Europas 2019 (pdf) sind die Bereiche CleanTech sowie Energie und Versorgung auf den Plätzen zwei und drei der Wirtschaftssektoren, die das Wachstum Europas in den kommenden Jahren vorantreiben werden.

Ein neues Wirtschaftsmodell

Die Verwendung des Wortes „Wirtschaft“ ist wesentlich, wenn es um die Idee hinter der Kreislaufwirtschaft geht. Diese soll die Art und Weise, wie wir Güter produzieren und konsumieren, vollkommen neu gestalten. Ziel ist es, Materialverbrauch, -gewinnung und -verlust einzudämmen und gleichzeitig Wachstum zu generieren. Scheitern wir, wird uns eine nachhaltige Wirtschaft in Europa niemals gelingen – und Veränderungen im Rest der Welt ebenso wenig.

Kreislaufwirtschaft ist natürlich ein langfristiges Projekt, das nur durch anhaltende Bemühungen erreicht werden kann. Um sie zu verwirklichen, müssen wir heute handeln. Bei der nachhaltigen Nutzung von Ressourcen hat die EU zu Recht auf ressourcenintensive und hoch wirksame Sektoren wie Bauwesen, Elektronik, Kunststoffe und Textilien gezielt. Ein weiterer Schwerpunkt sind Mikro- und Einwegkunststoffe, die den Berg von Plastikmüll ansteigen lassen. Für eine echte Kreislaufwirtschaft kann die nachhaltige Ressourcennutzung jedoch nicht nur in bestimmten Sektoren Priorität haben. Sie sollte in jeder Branche und in jedem Sektor verankert sein.

Chemisches Recycling

Glücklicherweise erlauben uns neue Technologien und andere Innovationen das vorherrschende „Take, Make, Dispose“-Modell der Wegwerfwirtschaft, das so umweltschädlich und nachteilig für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen ist, infrage zu stellen. Der Markt verfügt heute über Werkzeuge und Techniken, mit denen wir Materialien recyceln und Waren reparieren und aufbereiten können. Wir können Verpackungen auf pflanzlicher Basis als Alternative zu Kunststoff verwenden, dessen Ausgangsmaterial fossile Brennstoffe sind. Chemisches Recycling hat das Potenzial zum ökologischen Game Changer der Zukunft: Durch die Verarbeitung derzeit schwer recycelbarer Kunststoffe können Geschäftseinnahmen in Milliardenhöhe generiert werden.

Reduzieren, Wiederverwenden, Recyceln

Den größten Mehrwert durch nachhaltiges Wirtschaften werden künftig diejenigen europäischen Unternehmen erzielen, die ihre Geschäftsmodelle getreu dem Prinzip „Reduzieren, Wiederverwenden, Recyceln“ neu gestalten. Das können sie tun, indem sie von primär auf Produktion ausgerichteten Geschäftsmodellen zu servicebasierten übergehen. Ein offensichtliches Beispiel hierfür ist das Modell, bei dem Verbraucher eine monatliche Nutzungsgebühr für ein Fahrzeug zahlen, statt sich ein eigenes Auto zu kaufen. Weitere Beispiele gibt es in den Bereichen Kleidung, Heizen und Beleuchtung.

"as a Service"-Modelle einführen

Abgesehen von den ökologischen Vorteilen, die sich aus der Reduktion von Abfall und Energieverbrauch ergeben, nutzen Servicemodelle sowohl Unternehmen als auch Verbrauchern. Während Produkte vergänglich sind – die Menschen kaufen sie, konsumieren sie und beziehen sie beim nächsten Mal womöglich von einem Konkurrenten –, sind Dienstleistungen von Dauer. So können Unternehmen ihr Angebot personalisieren, ihre Kunden besser ansprechen und an sich binden.

Wenn die EU das Konzept des nachhaltigen Wachstums neu definieren und dazu beitragen will, Geschäftsabläufe im Rest der Welt zu verändern, muss sie europäische Unternehmen dazu ermutigen, disruptiv zu sein, sie also dabei unterstützen, in die Art von radikalen technologischen Innovationen zu investieren, die die heute üblichen Geschäfts- und Verbraucherpraktiken völlig umkrempeln werden. Die Förderung der Entwicklung digitaler Werkzeuge und Technologien muss eine Speerspitze der EU-Politik für die Kreislaufwirtschaft und disruptive Innovationen sein. Hochtechnologische, umweltfreundliche Lösungen werden europäische Unternehmen in neue Märkte expandieren lassen und ihnen in der heutigen, hochgradig kompetitiven Welt neue Marktanteile bescheren.

Fazit

Im Rahmen ihres Grünen Deals strebt die EU eine weltweit führende Rolle in der Kreislaufwirtschaft und bei umweltfreundlichen Technologien an. Diese Strategie bietet ihr einige wichtige Möglichkeiten, die Welt zum Besseren zu verändern und Europa gleichzeitig wettbewerbsfähiger zu machen. 

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Maarten Dubois

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