Wie können Regulierungen mit den rasanten technologischen Entwicklungen Schritt halten?

Von

Kara Cauter

EY EMEIA Capital Markets Advisory Partner

Capital markets regulatory leader. Technology led transformation of compliance and control. Committed advocate of women and children. Open minded and outspoken. Gourmet gardener. Runner. Wife. Mother.

5 Minuten Lesezeit 1 August 2018

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Da neue Technologien Finanzdienstleistungen vollkommen verändern, sind Aufsichtsbehörden und Unternehmen herausgefordert, die Sicherheit für Kunden zu gewährleisten, ohne jedoch Innovationen zu behindern.

Der technologische Wandel hat die Finanzdienstleistungsbranche auf allen Ebenen stark verändert. Für Kunden bedeutet diese Transformation günstigere, besser zugängliche und individuellere Angebote. Für Finanzinstitute haben digitale Tools und neue Technologien wie künstliche Intelligenz (KI), Robotik, Analytics und die Distributed-Ledger-Technologie umfassende Möglichkeiten geschaffen, ihr Risikomanagement effizienter und effektiver zu gestalten. Gleichzeitig können Kosten gesenkt und Kundenbedürfnisse besser bedient werden. Dank digitaler Plattformen ist es etablierten Unternehmen gelungen, ihre Geschäftsmodelle anzupassen und neuartige Produkte und Dienstleistungen auf den Markt zu bringen. Gleichzeitig haben diese Plattformen zahlreichen modernen, atypischen Wettbewerbern die Tür geöffnet, um den Wandel in der Branche zu beschleunigen.

Einerseits haben die neuen Technologien der Finanzbranche viele Vorteile gebracht – für Unternehmen und Kunden gleichermaßen. Andererseits werfen sie grundlegende Fragen auf, inwieweit die gesetzlichen Vorgaben an die neuen Gegebenheiten angepasst werden müssen. In einer Branche, die immer noch mit der Umsetzung der im Zuge der Finanzkrise eingeführten Regelungen beschäftigt ist, stellt der Aufstieg der FinTech-Unternehmen eine weitere Herausforderung dar. Deshalb ist es an der Zeit, dass Kreditinstitute und Regulierungsbehörden sich fragen, wie sie ein regulatorisches Umfeld schaffen können, das fit für die digitale Zukunft ist.

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Kapitel 1

Moderne Technologien können die Finanzmärkte sicherer machen

Neue Tools und Technologien für ein verbessertes Risikomanagement und Kundenerlebnis

Neue Technologien schaffen automatisch neue Risiken und lassen bestehende Risiken in neuer Form auftreten. Zudem führen sie zu einer neuen Art des Arbeitens. Systeme können versagen und die Marktstabilität gefährden. Maschinen können Entscheidungen mit unbeabsichtigten Auswirkungen treffen und dadurch Kunden und Märkten Schaden zufügen. Und die nahezu unbegrenzten Daten, die die Lebensader der digitalen Welt sind, können manipuliert, missbraucht, gestohlen oder allein durch ihre enorme Menge und Komplexität dazu beitragen, dass kriminelles Verhalten unentdeckt bleibt. Die modernen Technologien bieten gleichzeitig jedoch ganz neue Möglichkeiten, das Risikomanagement zu verbessern und die Märkte effizienter, sicherer und stabiler zu machen.

Finanzdienstleister nutzen neue Tools, um das Risikomanagement und die Compliance zu stärken und das Kundenerlebnis zu verbessern:

  • Open Banking: Programmierschnittstellen, sogenannte APIs, ermöglichen es den unterschiedlichsten Unternehmen, miteinander zu interagieren sowie auf Daten zuzugreifen und diese zu aktualisieren, um dadurch dem Kunden neue Dienstleistungen zu bieten.
  • Eine Kombination aus Algorithmen und natürlicher Sprachverarbeitung (NLP) schafft neue Formen der Finanzberatung. Diese modernen Maschinen sind zudem in der Lage, Nachrichten und andere digitale Informationen zu „lesen“, und können dadurch Strategien weiterentwickeln, Geschäfte initiieren und die Markt- und Kundenaktivität messen.
  • Distributed-Ledger-Technologien (DLT) unterstützen neue Methoden der Buchführung und Geschäftsabwicklung und begünstigen die Verbreitung neuer Zahlungsmittel.
  • Künstliche Intelligenz und andere digitale Tools erweitern die Reichweite und Wirksamkeit von Kontroll- und Überwachungsinstrumenten, die zur Aufdeckung von Betrug, Marktmissbrauch und Geldwäsche eingesetzt werden. Sie steigern zudem die Reichweite und die Qualität von Kontrollanwendungen und Überprüfungen.

Auch die Aufsichtsbehörden überlegen derzeit, wie sie die neuen Technologien für ihre Zwecke nutzen können:

  • Überwachung der Marktaktivität sowie Überprüfung der Gültigkeit und Richtigkeit der von Unternehmen eingereichten Berichte und Modelle mithilfe von maschinellem Lernen.
  • Überlegungen, wie Digitalisierung und Automatisierung die Art und Weise verändern können, wie Vorschriften festgelegt und verbreitet und ihre Einhaltung überprüft werden kann.
  • Einige Behörden planen gemeinsam mit der Regierung zentralisierte digitale Archive für Privatpersonen und Unternehmen, sogenannte digitale Ausweise, die die Übernahme von Kunden in neue Institutionen und Dienste erleichtert.
  • Die Aufsichtsbehörden bemühen sich zudem in großem Maße, neue technologiebasierte Vorhaben und deren Überwachung voranzutreiben. So schaffen viele von ihnen Innovationszentren, sogenannte regulatorische Sandkästen, in denen neue, technologiebasierte Services in einer geschützten Umgebung getestet werden, wodurch potenzielle Schäden für Märkte und Verbraucher auf ein Minimum reduziert werden.

Nicht zuletzt beschäftigen sich die Regulierungsbehörden derzeit mit neuen Produkten wie etwa Kryptowährungen. Hier geht es darum zu entscheiden, ob diese Produkte unter die bestehenden Regelungen, die für andere Finanzprodukte und -aktivitäten gelten, fallen oder ob sie als neue Anlage definiert werden müssen, für die dann auch neue Regelungen gelten.

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Kapitel 2

Es ist Zeit, alte Risikoprinzipien infrage zu stellen.

Voraussetzungen für ein transparentes, stabiles und vernetztes Risikomanagement-Ökosystem

Obwohl bereits einiges unternommen wird, um die weltweiten Finanzmärkte mithilfe neuer Technologien sicherer und effizienter zu gestalten, ist die Entwicklung noch unausgereift. Sowohl Unternehmen als auch Aufsichtsbehörden tun sich schwer, die Risiken von neuen Technologien und Geschäftsmodellen zu identifizieren und zu beschreiben.

Um die passenden regulatorischen Antworten für die digitale Zukunft der Branchen zu finden, sind alle Beteiligten aufgefordert, alte Prinzipien neu zu beleuchten, neue Fragen zu stellen und zusammenzuarbeiten. Damit ein transparentes, stabiles und vernetztes Risikomanagement-Ökosystem entstehen kann, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Kooperation im Bereich Compliance: Größe, Einheitlichkeit und Investitionen schaffen die nötigen Bedingungen für technologischen Fortschritt. Sie bedeuten Vorteile für alle Marktakteure und sorgen für ein verbessertes Risikomanagement. Knappe Ressourcen, eine begrenzte Reichweite und uneinheitliche Verfahren verhindern dagegen Investitionen durch einzelne Firmen. Um dieses Problem zu umgehen, bedarf es einer branchenweiten Zusammenarbeit.
  • Standardisierung für eine schnellere Umsetzung: Digitale Tools arbeiten mit Regeln und Algorithmen, die wiederum auf Daten basieren. Uneinheitliche und unklare Definitionen und Standards für Daten, die fast immer in Silos gespeichert oder nach unterschiedlichen Taxonomien definiert werden, verhindern die Implementierung neuer Technologien genau an der Stelle, an der sie ihre größte Wirkung entfalten könnten: bei der Bereitstellung von branchenweiten Diensten und Lösungen.
  • Rechenschaftspflicht und Transparenz neu denken, um die Verantwortung zu teilen: Den Führungskräften der Banken ist bewusst, dass sie für kleine und große Fehler ihrer Organisation zur Verantwortung gezogen werden. Es ist jedoch an der Zeit, die Parameter der Rechenschaftspflicht neu zu denken: Wenn Dritte Zugang zu Daten ausgelagerter Services erhalten und immer mehr Entscheidungen von KI gefällt oder beeinflusst werden, wer ist dann verantwortlich, wenn es zu Verstößen kommt?
  • Das Risikomanagement neu bewerten und den Fortschritt vorantreiben: Durch die neuen Technologien entstehen einerseits neue Risiken, andererseits treten bekannte Risiken in neuer Form auf. Das herkömmliche Risikomanagement basiert auf quantifizierbaren Faktoren wie Markt-, Kredit- oder Liquiditätsrisiken. Im Zeitalter der Digitalisierung müssen die Finanzmärkte diese allgemeinen Prinzipien jedoch überdenken, da Risiken heute in Sekundenbruchteilen entstehen und sich exponentiell vervielfältigen können – manchmal jenseits der Kontrolle durch Individuen, Unternehmen oder Funktionen.
  • Daten managen, statt nur zu sammeln: Die zunehmende Menge an Daten birgt für Finanzunternehmen sowohl Chancen als auch Risiken. Einerseits schätzen die Kunden die Vorteile schnellerer, individueller Dienste, die durch einen offenen Zugang zu den Daten ermöglicht werden. Andererseits steigen die Bedenken im Zusammenhang mit Datenmissbrauch, nicht zuletzt weil Cloud-Lösungen das Ökosystem um eine neue Dimension erweitern. Mit technologiegestützten Lösungen zur Überwachung, Analyse und Sicherheit von Daten lässt sich das Ausmaß dieser Risiken kontrollieren und eine bessere Risikosteuerung erzielen.

In Folgeartikeln werden wir uns genauer mit diesen Aspekten beschäftigen.

Regulierung und Innovation gleichzeitig denken

Der technologische Wandel bietet die Chance, die Finanzmärkte noch effizienter zu gestalten und bessere Ergebnisse zu erzielen. Gleichzeitig entstehen neue Herausforderungen hinsichtlich der Erreichung der regulatorischen Ziele: Vermeidung von Marktinstabilität und von Schäden für Kunden und Unternehmen. In dieser neuen Technologielandschaft sind Aufsichtsbehörden und Marktteilnehmer gleichermaßen gefordert, Wege zu finden, wie digitale Tools für ein effektives Risikomanagement und erfolgreiche Compliance genutzt werden können und sich ihre Nutzung regulieren lässt. Die Herausforderung dabei: Innovationen dürfen nicht behindert werden, da gerade sie zu einer Verbesserung der Finanzdienstleistungen beitragen sollen.

 

Dies ist der erste Teil unserer Serie zu den regulatorischen Herausforderungen einerseits und den Lösungen andererseits, die der digitale Wandel der Finanzmärkte mit sich bringt. In Zukunft folgen hier weitere Artikel, in denen einzelne Aspekte vertieft werden.

Fazit

Im Zuge der Digitalisierung der Finanzbranche müssen Aufsichtsbehörden und Unternehmen ein Gleichgewicht zwischen Regulierung und Innovation finden.

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Kara Cauter

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