3 Minuten Lesezeit 4 Februar 2019
bus driver charging electric bus

Wie Zahlungsmethoden die Mobilitätsdienste der Zukunft ermöglichen

Von

Kai-Christian Claus

Global Payments Leader, Geschäftsführer EY Innovalue | Deutschland, Schweiz, Österreich

Unterstützt als strategischer Berater die führenden Unternehmen in der globalen Payments-Industrie. Ist Enthusiast mit viel Leidenschaft und Energie.

3 Minuten Lesezeit 4 Februar 2019

Entwicklungen, die derzeit die Zukunft der Mobilität bestimmen, wirken sich auch auf Zahlungsdienstleister aus, die bislang wenig mit der Automobilindustrie verknüpft waren.

Eher traditionelle Unternehmen der Automobilindustrie unterziehen ihre Geschäfts- und Betriebsmodelle derzeit radikalen Veränderungen. Grund hierfür sind vor allem drei Entwicklungen in der Branche:

  1. Das steigende Umweltbewusstsein treibt den Übergang vom Verbrennungsmotor zum Elektroauto voran.
  2. Urbanisierung und sozioökonomischer Wandel führen dazu, dass Verbraucher kein eigenes Fahrzeug mehr besitzen, sondern sich ein Fahrzeug mit anderen teilen.
  3. Mit der Digitalisierung übernimmt die künstliche Intelligenz das Steuer und ersetzt den Menschen im Fahrersitz.

Diese Trends bestimmen die Mobilität der Zukunft. Von Menschen gesteuerte, mit fossilen Brennstoff betriebene Fahrzeuge können im großen Stil durch gemeinsam genutzte und selbst fahrende Autos mit Wasserstoff- oder Elektroantrieb ersetzt werden. Dieser Wandel wirft vor allem für Automobilhersteller und Zulieferbetriebe viele Fragen auf. Unternehmen, denen dabei eher wenig Beachtung geschenkt wird, sind die Zahlungsdienstleister – eine Branche, die bislang wenige Berührungspunkte mit der Automobilindustrie hatte.

Transaktionen im Bereich Mobilität nehmen zu und werden komplexer

Bislang begegneten sich die Aktivitäten von Zahlungsdienstleistern und Automobilbranche eigentlich nur an zwei Punkten:

  • zum einen, wenn ein Kunde ein Fahrzeug kaufte und dieses in der Regel per Überweisung oder eine andere Form der Großzahlung, per Leasingvertrag oder Kredit bezahlte,
  • zum anderen beim Tanken oder in der Werkstatt, wo entweder die Kreditkarte oder Bargeld zum Einsatz kam. In beiden Fällen funktioniert der Zahlungsverkehr seit Langem problemlos, was dazu geführt hat, dass die Automobilbranche beim Thema Innovation im Zahlungsverkehr bislang keine große Rolle spielte.

Diese klassischen Anlässe zum Bezahlen scheinen nun jedoch durch neuere und komplexere ersetzt zu werden:

  • selbstfahrende Autos, die automatisch Maut oder Parkgebühren entrichten
  • Nutzungsgebühren und Zahlungen beim Carsharing
  • Kosten für das Laden von Elektroautos und das Einspeisen von Strom ins intelligente Netz

Vor noch nicht allzu langer Zeit stellte der Kauf eines Autos für viele Menschen die zweitgrößte Investition ihres Lebens dar. Die Veränderungen in der Mobilität führen nun dazu, dass diese großen Investitionen ersetzt werden durch viele wesentliche kleinere, aber komplexere Transaktionen. Bezahlsysteme zu entwickeln, die genau diesen neuen Transaktionen Rechnung tragen, wird nicht einfach sein.

Mithilfe von Zahlungstechnologien lassen sich die großen Herausforderungen meistern

Bei der Entwicklung von Bezahlvorgängen für neue Formen der Mobilität müssen einige Hürden zu meistern sein. Diese sind für die Zahlungsdienstleister zwar nicht neu, sie müssen jedoch im Kontext der Mobilität überdacht werden:

  • Nutzerfreundlichkeit: Das neue Mobilitätsverhalten bedeutet, dass Verbraucher für Dienste vieler verschiedener Anbieter zahlen – und zwar immer häufiger und meist online. Da kann es schnell mühsam werden, wenn jede einzelne Zahlung separat getätigt werden muss. Bezahlvorgänge tragen diesen veränderten Bedingungen jedoch bereits Rechnung, zum Beispiel in Form von E-Wallets – elektronischen Geldbörsen – oder sogenannten Pass-through Wallets im Onlinehandel. Dadurch wird das Bezahlen verschiedener Anbieter für den Verbraucher deutlich einfacher, da er seine Zahlungsdaten nicht jedes Mal neu eingeben muss.
  • Vielseitige Märkte: Der Mobilitätsmarkt der Zukunft wird vielseitig sein. Durch die Vielzahl der Anbieter, unterschiedliche Bezahlverfahren sowie vielfältige Kundenkontaktpunkte werden Bezahlsysteme komplexer. Eine Lösung verspricht hier die Übertragung sogenannter Master-Merchant-Services aus dem Onlinehandel. Diese können in vielseitigen Märkten dazu genutzt werden, das Bezahlen für so unterschiedliche Dinge wie Park- oder Mautgebühren und das Laden von E-Autos auf homogene Weise zu verbinden.
  • Authentifizierung: Fragen bezüglich der Authentifizierung von Zahlungen sind bislang nicht vollständig beantwortet. Dies liegt auch an den immer strengeren regulatorischen Vorgaben in Europa (wie die Zwei-Faktor-Authentifizierung). Die Einführung des Zahlens per Sprachbefehl sowie die Verwendung biometrischer Daten könnten dieses Problem innerhalb der Automobilbranche jedoch lösen.
  • Kosten: Durch den zunehmenden Wettbewerb ist das Thema Kosten seit einigen Jahren etwas in den Hintergrund getreten. Zudem ist die Höhe der Gebühren in vielen Ländern mittlerweile gedeckelt. Dennoch Kosten zu reduzieren ist weiter ein wichtiges Ziel, vor allem, wenn es um kleine Summen geht. Neue Bezahlmethoden wie Echtzeitzahlungen (sogenannte Instant Payments), Zahlungsauslösedienste (auch Payment Initiation Services genannt) oder die Blockchain-Technologie können dazu beitragen, die Kosten niedrig zu halten.

Etablierte Unternehmen der Automobilbranche übernehmen die Führung

Wem es gelingt, diese Herausforderungen erfolgreich zu meistern, der hat die Chance, das große Potenzial dieser neuen Bezahldienste im Mobilitätssektor zu nutzen. Einige Akteure haben sich bereits in Stellung gebracht und gehen die Probleme an. Die prominentesten von ihnen sind bislang die traditionellen Automobilhersteller. Sie haben bereits einen eigenen Geschäftsbereich für Bezahldienste eingerichtet. Einige Automobilzulieferer sind bereits in das Rennen um Bezahlmethoden eingestiegen. Diese Entwicklung überrascht keineswegs, sind sie doch die natürlichen Aggregatoren, wenn es darum geht, Skaleneffekte zu erzielen.

Neben diesen klassischen Akteuren betreten jedoch auch immer mehr neue Player diesen noch unerschlossenen Markt. Zu den neuen Marktteilnehmern gehören Navigationsunternehmen, Anbieter von Unternehmenssoftware und sogar Stromversorger. Auch wenn diese Unternehmen eine umfassende Lösung erst noch entwickeln müssen, gibt es bereits erste erfolgversprechende Versuche für spezielle Einsatzgebiete. So hat sich ein globaler Zahlungsdienstleister mit einem internationalen Öl- und Gasunternehmen zusammengetan, um das mobile Bezahlen an der Zapfsäule zu erleichtern.

Interessanterweise scheinen die klassischen Zahlungsdienstleister die Mobilität als Markt der Zukunft erst noch entdecken zu müssen. Eine erwähnenswerte Ausnahme in der Bankenbranche bildet die Kooperation zwischen einer Schweizer Bank, einem deutschen Fahrzeugteilehersteller und einem Energieunternehmen, die gemeinsam einen E-Wallet für Mobilitätszwecke entwickeln. Auftraggeber und Zahlungsdienstleister haben das Marktpotenzial zwar erkannt, müssen jedoch erst noch passende Angebote entwickeln. Und diese müssen die sich verändernden Anforderungen beim Bezahlen in der Automobilbranche berücksichtigen.

Das unterschiedliche Tempo der Akteure innerhalb und außerhalb der Zahlungsverkehrsbranche überrascht etwas, da es bei den Hürden, die genommen werden müssen, nicht allein um technologische Fragen, sondern auch um die Größe geht. Da Transaktionen in der Automobilbranche immer in einem zweiseitigen Markt erfolgen, werden zukünftige Lösungen nur Erfolg haben, wenn sie sowohl von einer Großzahl der Kunden als auch von vielen Händlern akzeptiert werden.

In dieser Hinsicht haben die Unternehmen der Automobilbranche einen entscheidenden Vorteil — ihre Kunden (sowohl Verbraucher als auch Händler). Denn einen Kundenstamm von null aufzubauen erfordert Zeit, Geld und Risikobereitschaft. Für Zahlungsdienstleister kommt deshalb eher eine Kooperation mit den Automobilunternehmen infrage, da sie ihnen einen direkten Zugang zu einer breiten Kundenbasis ermöglichen würde. Unternehmen aus der Automobilindustrie könnten dadurch wiederum Know-how auf einem für sie bislang unbekannten Terrain erwerben, etwa hinsichtlich Zahlungsbestimmungen und des mit dem Betreiben von Bezahlsystemen verbundenen Risikos.

Die rasante Transformation in der Automobilindustrie könnte den nächsten Wachstumsschub für die Zahlungsverkehrsbranche bedeuten. Dabei befinden sich die bisherigen Marktakteure in der Pole-Position, um das Potenzial, das in der neuen Mobilität steckt, auszuschöpfen. Aber dazu müssen sie schnell aktiv werden und innovative Wege einschlagen, etwa indem sie sich für Kooperationen öffnen. Nur so können sie gegen neue, schnellere Akteure bestehen, die bereits ihr Kapital und Know-how in Stellung bringen.

Weitere Informationen erhalten Sie in unserem Newsletter zu globalen Zahlungsdienstleistern (PDF-Download).

Redaktionelle Beiträge von Jan Lettow und Maximilian Roskosch.

Fazit

Die großen Veränderungen in der Automobilbranche, die sich derzeit in rasantem Tempo vollziehen, könnten die nächste große Wachstumschance für die Zahlungsbranche darstellen. Dabei befinden sich die klassischen Marktakteure in der Pole-Position und haben gute Chancen, das Potenzial, das in der neuen Mobilität steckt, zu nutzen.  

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Kai-Christian Claus

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