6 Minuten Lesezeit 19 Februar 2019
Programmierer Kryptowährung

Wie Kryptowährungen ins rechte Licht gerückt werden können

Von

Hamish Thomas

EY EMEIA Payments Leader and UK Advisory Banking Technology Leader

Transformation leader in payments and open banking. Passionate about technology’s potential to create opportunity and manage risk. Optimistic runner. Film enthusiast.

6 Minuten Lesezeit 19 Februar 2019

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Kryptowährungen haben das Potenzial, Prozesse zu beschleunigen und Kosten zu senken. Durch Diebstahl, mangelnde Sicherheit und Kriminalität können sie jedoch zu einem Risiko werden.

Aufgrund des raschen Wachstums der Kryptomärkte wird der Ruf nach strengeren Kontrollen rund um Krypto-Assets immer lauter. Viele meinen, der Schutz von Blockchains, der kaum manipulierbaren Distributed-Ledger-Technologie (DLT) hinter Kryptowährungen, garantiere auch die Sicherheit der Währung selbst. Kryptowechsel werden jedoch regelmäßig gehackt: Der bisher erfolgreichste Hackerangriff dieser Art kostete Coincheck im Januar 2018 ganze 530 Mio. US-Dollar. Die Flut an ICOs (Initial Coin Offerings), mit denen Kryptofirmen außerhalb traditioneller Banken und Börsen Kapital aufnehmen, öffnet Betrügern Tür und Tor. Zudem erleichtert die Anonymität hinter Kryptowährungen diverse illegale Transaktionen, von Waffen über Drogen bis hin zum Menschenhandel. Die Technologie dahinter mag sicher sein, Kryptowährungen sind es jedoch nicht. Und selbst wenn sie es wären, sind sie so einfach zu nutzen, dass kriminelle Aktivitäten auch dann nur schwer auszuschließen sind.

Es wird nicht einfach sein, strengere Kontrollen einzuführen. Viele sind nämlich der Ansicht, dass Kryptowährungen aufgrund der starken Wertschwankungen mehr Ware als Währung sind – keine einfache Ausgangssituation für Regulierungsbehörden.

Der Balanceakt zwischen Sicherheit, Transparenz und Innovation

Trotz der Bedenken, dass strengere Regeln das Innovationspotenzial von Krypto-Assets schmälern könnte, lassen sich spannende Entwicklungen beobachten: BitPesa zum Beispiel, ein Bitcoin-basierter Überweisungsdienst eines kenianischen Start-ups, sorgt für reibungslose und kostengünstige Überweisungen in Kenias mobilem Geldtransfersystem M-Pesa. In der Handelsfinanzierung könnte man dank DLT hinter Kryptowährungen Begleitunterlagen an Finanztransaktionen anhängen und so das Risiko menschlichen Versagens oder Missbrauchs senken.

Im Allgemeinen müssen die Risiken von Kryptowährungen erkannt und gesteuert werden, noch bevor sie ihr gesamtes Potenzial entfalten können. Viele dieser Risiken basieren auf Anonymität. Obwohl der Weg der Kryptowährungen im offenen, dezentralisierten Netzwerk der Blockchain transparent ist, bleiben Eigentümer und Verwendungszweck unbekannt.

Diese Anonymität verträgt sich nicht mit der aktuellen Gesetzeslage und den globalen Vorschriften, die zunehmend Transparenz verlangen – zum Schutz vor Geldwäsche, Steuerhinterziehung und anderen kriminellen Handlungen. Wenn eine Regierung eine Transaktion nicht sehen kann, dann kann sie auch nicht feststellen, ob Steuern anfallen. Selbst die Schweiz musste ihre Datenschutzgesetze lockern, um Geld über ihre Landesgrenzen hinweg zu überweisen.

Auch für große Finanzinstitute ist die Anonymität ein Problem. Neue Gesetze, die die Haftungsregeln für große Unternehmen wie Banken und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften verschärfen, könnten die Bereitschaft der Finanzinstitute beeinflussen, Kryptowährungen zu akzeptieren oder zu überweisen. Die Anti-Geldwäsche-Richtlinien der EU und Großbritannien und Gesetze wie der Criminal Finances Act zwingen Finanzinstitute dazu, Transaktionen zu vermeiden, die in Verbindung mit kriminellen Handlungen stehen könnten. Schon das „Nicht-Bestätigen“, dass auf eingezahltes Kryptogeld Steuern bezahlt wurden, könnte eine Bank zum Komplizen machen. Und wann immer der Besitzer eines Krypto-Assets anonym bleibt, ist für Finanzinstitute nur schwer ersichtlich, ob sanktionierte Assets illegal bewegt werden oder ob eine Transaktion auf Menschen und Organisationen zurückgeht, die wirtschaftlichen Sanktionen unterliegen.

Eine Frage der Perspektive

Angesichts dieser Risiken wird schnell klar, welch katastrophale Folgen schlecht regulierte Kryptowährungen haben können. Neben Betrugsrisiken für Kunden können sie Staatskassen belasten und kriminelle Handlungen wie Terrorismus oder Menschenhandel finanzieren.

Bisher gibt es kaum internationale Abstimmungen und jedes Land hat seine eigenen Regeln aufgestellt. Interessant dabei ist, dass sich weniger demokratische Länder von Kryptogeld scheinbar stärker bedroht fühlen, vor allem in Hinblick auf die zentrale Kontrolle ihrer Geldvorräte, und rascher entsprechende Vorschriften erlassen haben. China war einst das Land mit dem aktivsten Kryptowährungsmarkt. Vergangenes Jahr haben die Behörden jedoch jegliche Geschäfte dieser Art und alle Plattformen mit entsprechenden Services verboten. Angesichts überzogener Spekulationen, Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Betrug haben sich chinesische Regulierungsbehörden weltweit an vorderster Front für strengere Kontrollen für Kryptowährungen eingesetzt.

Verschärfte Gesetze setzen sich immer öfter durch. In den USA hat die SEC (Securities and Exchange Commission) mehrere Untersuchungen durchgeführt und angegeben, dass viele Coin Issuer mitsamt ihren Juristen und Beratern die Regeln gebrochen haben könnten. SEC-Vorsitzender Jay Clayton ist der Meinung, dass die meisten digitalen Token eigentlich Wertpapiere seien und den entsprechenden Regulierungen unterstehen sollten. Clayton räumt aber auch ein, dass sich Definitionen in der Branche laufend weiterentwickeln, DLT ein riesiges Potenzial für die Finanzindustrie berge und Regulierungsbehörden flexibel bleiben müssen. Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde, kurz ESMA (European Securities and Markets Authority), betont, dass es sich bei ICOs um extrem riskante, hochspekulative Investitionen außerhalb des regulierten Bereichs handele.

Unterdessen verkündeten im Februar die Europäischen Finanzaufsichtsbehörden (ESA, European Supervisory Authorities) für das Wertpapierwesen, Bankwesen, das Versicherungswesen und die Rentenkassen ihre gemeinsamen Bedenken zur steigenden Zahl von Menschen, die hochriskante virtuelle Währungen kaufen, ohne die dazugehörigen Risiken zu kennen. Da virtuelle Währungen und Wechsel nach EU-Recht nicht geregelt sind, warnten Kontrollbehörden, dass Krypto-Investoren vor Cyberangriffen oder plötzlich nicht mehr verfügbaren Handelsinstitutionen nicht geschützt seien. Mark Carney, Gouverneur der Bank of England, betont, dass Krypto-Assets zwar nicht wie andere Währungen funktionieren, ihre Kontrolle jedoch essenziell sei.

In Spanien haben Steuerbehörden in Fällen kryptobasierter Steuerhinterziehung und Geldwäsche ermittelt und im Zuge dessen 60 Unternehmen aufgefordert, Namen und Handelsdaten von Kryptowährungskäufern herauszugeben. Südkorea hat Maßnahmen zur Kontrolle von Spekulationen in der Krypto-Branche umgesetzt und die Nutzung anonymer Bankkonten im Handel mit Kryptowährungen verboten. Indiens Regierung hat Maßnahmen zur „Eliminierung“ von Kryptowährungen in „illegalen Handlungen oder als Teil des Zahlungssystems“ angekündigt.

Der Ruf nach einer einheitlichen globalen Lösung

Da eine internationale Einigung zur Kontrolle von Kryptowährungen aktuell fehlt, entstehen Lücken, die immer mehr Möglichkeiten zur Umgehung solcher Kontrollen schaffen. Das wirkt sich negativ auf gemeinsame Berichtsstandards, den Foreign Account Tax Compliance Act und den zwischenstaatlichen Datenaustausch aus. Es braucht also einen weltweit einheitlichen Lösungsansatz für die gesetzliche Regulierung von Kryptowährungen.

Im März 2018 sagte Christine Lagarde, geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds, dass der IWF die Länder ermutigen wolle, Richtlinien zu entwickeln, die die finanzielle Integrität und die Konsumenten im Kryptobereich genauso gut schützten wie im traditionellen Finanzsektor. Zudem meint Lagarde, dass man die Technologie hinter Krypto-Assets für die „Bekämpfung von Feuer mit Feuer“ nutzen könne. So ließe sich zum Beispiel mittels DLT der Informationsaustausch zwischen Marktteilnehmern und Regulierungsbehörden beschleunigen. Dies führe nicht nur zu einer standardisierten Sammlung verifizierter Informationen von Kunden, sondern leiste auch einen Beitrag zur Bekämpfung grenzüberschreitender Steuerhinterziehung. Ein weiterer, wenn auch radikalerer Weg, Kryptowährungen sichtbarer zu machen, wäre die Schaffung einer nationalen digitalen Zentralbankwährung (CBDC, Central Bank Digital Currency), also im Wesentlichen einer digitalen Version der heute gängigen Währung. Eine CBDC wäre alternativen digitalen Währungen (ADCs, Alternative Digital Currencies) wie Bitcoin weit überlegen. ADCs sind keine guten Wertanlagen: Die Preise schwanken zu stark, die Verteidigung gegen Hackerangriffe ist lückenhaft und als Währung sind sie vollkommen ungesichert. Im Gegensatz dazu ist Geld der Zentralbank die Wertanlage schlechthin. Im Moment haben ADCs einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil: DLT. Zentralbanken können und werden in diesem Bereich aber nachziehen. Untersuchungen von EY und der Cambridge University zeigen, dass 63 Prozent der Zentralbanken und 69 Prozent anderer Institutionen des öffentlichen Sektors mit DLT-Protokollen experimentieren.

Im Moment überwiegen jedoch noch die Nachteile einer CBDC. Eine frei verfügbare CBDC birgt große Herausforderungen in den Bereichen Technologie, Sicherheit, Datenschutz und Recht. Dadurch entsteht eine Diskrepanz zwischen digitalen „Fiat-“ und „Nicht-Fiat“-Währungen. Die meisten Kunden würden sich für erstere entscheiden und damit letztere noch weiter in experimentelle und potenziell kriminelle Randbereiche drängen.

Kryptowährungen (und die DLT dahinter) haben enormes Potenzial, um die Finanzdienstleistungsbranche positiv zu verändern. Sie könnten Geschäftsprozesse beschleunigen und Kosten senken. Es braucht jedoch angemessene Kontrollen, damit Kryptowährungen nicht für kriminelle Handlungen wie Steuerhinterziehung missbraucht werden. Die Basis dafür ist ein gemeinsamer Lösungsansatz internationaler Behörden, einzelner Staaten und der Finanzdienstleistungsbranche.

Fazit

Kryptowährungen haben enormes Potenzial, um die Branche der Finanzdienstleistungen positiv zu verändern. Sie können Geschäftsprozesse beschleunigen und Kosten senken. Es braucht dafür aber einen gemeinsamen, internationalen Lösungsansatz, damit Kryptowährungen nicht für kriminelle Handlungen wie Steuerhinterziehung missbraucht werden.

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