8 Minuten Lesezeit 10 März 2020
Bahnschienen im Wald

„Werden Sie klimaneutral und erfolgreich – oder Sie verschwinden vom Markt“

Von

Dr. Patrick Graichen

Direktor Agora Energiewende

8 Minuten Lesezeit 10 März 2020

Das ist das Ergebnis einer Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen, sagt der Volkswirt Dr. Patrick Graichen, Direktor Agora Energiewende.

Dazu vorab ein paar Fragen: Wissen Sie, wie viel Tonnen CO2 Ihr Unternehmen im Jahr ausstößt? Wie viel CO2-Ausstoß in den Vorprodukten steckt, die Sie einkaufen? Und wie viel CO2 jene Produkte ausstoßen werden, die Sie heute verkaufen? Mit anderen Worten: Wissen Sie, wie viel Ihr Unternehmen zur Klimaerwärmung beiträgt – wie viel Sie dazu beitragen?

Falls ja: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind auf dem richtigen Weg. Falls nicht, wird es jetzt Zeit, diese blinden Flecken zu beseitigen. Besorgen Sie sich die CO2-Zahlen, stellen Sie Leute ein, die sich mit CO2-Bilanzierung auskennen, und berichten Sie darüber, was Sie tun, um Ihren Klima-Fußabdruck zu verkleinern.

  • Zur Person: Patrick Graichen

    Patrick Graichen ist seit 2014 Direktor von Agora Energiewende. Er hat Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft studiert und am Interdisziplinären Institut für Umweltökonomie der Universität Heidelberg über kommunale Energiepolitik promoviert. Vor seiner Tätigkeit bei Agora Energiewende hat Graichen im Bundesumweltministerium gearbeitet – zunächst im Bereich der internationalen Klimapolitik, von 2004 bis 2006 als Persönlicher Referent des Staatssekretärs und ab 2007 als Referatsleiter für Energie- und Klimapolitik. In dieser Zeit hat er unter anderem die Ausgestaltung der ökonomischen Instrumente des Kyoto-Protokolls, das Integrierte Energie- und Klimaprogramm der Bundesregierung von 2007, das EU-Klima- und Energiepaket 2008 und die Gesetzgebungsverfahren im Bereich des Energiewirtschaftsrechts federführend verhandelt. Patrick Graichen wurde 2019 von der Zeitschrift Energie & Management als „Energiemanager des Jahres“ ausgezeichnet.

„Nur weil Greta Reden hält, soll ich jetzt Geld ausgeben?“, könnten Sie jetzt fragen. „Weil Larry Briefe schreibt“, würde ich antworten – Larry Fink, der Chef von BlackRock, dem mit sieben Billionen Dollar größten Vermögensverwalter des Planeten. Vor wenigen Wochen hat er in seinem jährlichen Brief an „seine“ CEOs angekündigt, dass BlackRock künftig nur noch in Unternehmen investieren werde, die ihre Klimarisiken im Griff haben. Unter anderem sollen deren CEOs Szenarien für einen Geschäftsbetrieb aufstellen, der mit dem Pariser Klimaschutzabkommen kompatibel sind – also sich das Unternehmen in einer Welt vorstellen, in der es keinen CO2-Ausstoß mehr durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe gibt. Das ist die Welt von 2050, die Welt in nur 30 Jahren.

Fossile Geschäftsmodelle werden nicht mehr toleriert

Ohne es so zu nennen, prophezeit Fink jenen Unternehmen, die ihre Klimarisiken nicht kennen und sie nicht immer weiter minimieren, den Verlust ihrer „Social Licence to Operate“, also der gesellschaftlichen Akzeptanz ihres Geschäftsmodells. „Im Laufe der Zeit werden Unternehmen und Staaten, die […] die Nachhaltigkeitsrisiken nicht im Blick haben, sich immer größerer Skepsis auf den Märkten gegenübersehen und in der Folge höhere Kapitalkosten zahlen müssen“, schreibt Fink. Umgekehrt würden Unternehmen, die sich für Transparenz einsetzten, für Investitionen attraktiver werden und günstiger an Kapital kommen. Billiges Geld durch Klimaschutz und Nachhaltigkeit – das klingt gut, finden Sie nicht?

Falls Ihr Unternehmen Kohle abbauen oder verbrennen sollte, haben Sie längst gespürt, was der Verlust der Licence to Operate bedeutet: nämlich ein Enddatum, an dem Sie Ihren Geschäftsbetrieb einstellen müssen. Spätestens 2038 ist Schluss, so sagt der Kohlekompromiss. Und viele – auch ich – vermuten, dass es letztlich deutlich schneller geht. Auch falls Sie der CEO eines globalen Industrieunternehmens sein sollten und ein australisches Tochterunternehmen haben, das einen Auftrag über den Bau von Signalanlagen für den Bau einer neuen Kohlebahn angenommen hat, haben Sie schon am eigenen Leibe gespürt, was der Verlust der Licence to Operate bewirken kann: Proteste vor der Konzernzentrale und ein öffentlicher Schlagabtausch mit einer 22-jährigen Klimaaktivistin. 

Treibhausgasausstoß

40%

des Treibhausgasausstoßes in Deutschland verursacht Strom.

Klimaneutralität betrifft alle Sektoren

Glauben Sie nicht, dass Sie das nichts angeht, nur weil Sie weder direkt noch indirekt im Kohlegeschäft tätig sind. Dieser Sektor steht nur deshalb im Fokus, weil man hier die Emissionen schon lange kennt, sie besonders gut messen kann und weil mit der Energiewende der ursprünglich stark kohledominierte Stromsektor ins Zentrum des politischen Handelns gerückt ist. Die Folge: Im Stromsektor sind inzwischen alle Produzenten dabei, ihre Hausaufgaben zu machen. Doch Strom steht nur für 40 Prozent des Treibhausgasausstoßes in Deutschland. Daneben sind – wenn Sie nicht einen Industriebetrieb mit CO2-intensiven Prozessen leiten – die Bereiche Wärme, Verkehr und Landwirtschaft zentral. 

Was immer Sie tun, vermeiden Sie Stranded Investments, investieren Sie klimasicher.

Gehen wir die verschiedenen Problembereiche einmal durch.

  1. Strom
    Strom aus neuen Erneuerbare-Energien-Anlagen ist heute sehr günstig, die Mehrkosten gegenüber fossilen Anlagen sehr gering. Der Strom, den Ihr Unternehmen verbraucht, sollte daher weitestgehend erneuerbar sein – und zwar auf der Basis neuer Anlagen in Deutschland, die nicht staatlich garantierte Vergütungen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz erhalten. Sie sollten auf Ihren eigenen Firmengeländen möglichst viel Strom selbst herstellen – es gibt noch so viele ungenutzte Dachflächen – und Ihren Reststrombedarf direkt beim Produzenten kaufen. Das Stichwort lautet „Renewable Power Purchase Agreement“, in den USA ist es der Standard-Strombezug für nachhaltig ausgerichtete Unternehmen.

  2. Wärme
    Sie und Ihre Beschäftigten möchten gerne in einem angenehm temperierten Gebäude arbeiten und wohnen, möglicherweise benötigen Sie auch Prozesswärme für Ihre Produktionsanlagen. Bisher nutzen Sie dazu wahrscheinlich die Wärme, die bei der Verbrennung von Heizöl oder Erdgas entsteht. Von Ihren Heizkesseln werden Sie sich trennen müssen. Denn selbst wenn klimafreundlich hergestellte Brennstoffe technisch möglich sind, so werden sie auf lange Sicht viel zu knapp und zu teuer sein, um sie zum Heizen zu verwenden. Investieren Sie Ihr Geld lieber in Energieeffizienz und in Wärmepumpen zur Wärmeproduktion – die wird automatisch umso klimafreundlicher, je klimafreundlicher der Strom wird, mit dem sie betrieben wird. Wir und andere Forschungsinstitute rechnen damit, dass bis 2050 zwischen 8 und 15 Millionen dieser Anlagen in Deutschland errichtet werden, um die Emissionen des Gebäudebereichs auf null zu senken. Voraussetzung dafür wiederum ist, dass die Gebäude vorher gedämmt werden. Schlummert hier vielleicht auch ein Geschäft für Sie?

  3. Verkehr
    Sie lieben die Autonomie, die Ihr Dienstwagen Ihnen schenkt, Ihre Logistik haben Sie schon vor Jahren auf „just in time“ umgestellt und dank guter Flugverbindungen können Sie Ihre Kunden schnell besuchen. Auch hier werden Sie sich umstellen müssen – aber nicht allzu sehr, das ist die gute Nachricht. Denn Elektroautos werden immer günstiger, ihre Reichweite wird immer größer und die Ladetechnik dafür wird aufgebaut. Wenn Sie allerdings heute einen neuen Wagen mit Verbrennungsmotor anschaffen, dann sollten Sie sich vergegenwärtigen, dass dessen Betrieb immer teurer wird und es zumindest möglich ist, dass Sie ihn eines Tages nicht mehr (überall) benutzen dürfen. Schon von 2030 an werden viele europäische Städte Autos mit Verbrennungsmotor die Einfahrt verbieten. Der Verlust der Social Licence to Operate wird hier zum Verlust der Legal Licence to Operate. Immerhin: Was das Fliegen und den Güterverkehr angeht, müssen Sie sich keine Sorgen machen. Hier werden wir synthetische Brennstoffe aus Ökostrom tatsächlich brauchen. Falls Sie also Anlagenbauer sein sollten: Hier entsteht ein großes Geschäft.

  4. Landwirtschaft
    Kühe stoßen bei der Verdauung das Treibhausgas Methan aus, beim Düngen entsteht das ebenfalls klimaschädliche Lachgas und Tierfutter wird häufig auf Flächen angebaut, für die tropischer Regenwald vernichtet wurde. Was man dagegen tun kann, können Sie zum Beispiel beim Wursthersteller Rügenwalder Mühle sehen, der seit einigen Jahren mit vegetarischen Produkten sehr erfolgreich ist. Falls Sie Land besitzen, lässt sich dieses auch direkt zum aktiven Klimaschutz einsetzen: Nach Lage der Dinge wird die Menschheit in großem Stil CO2 aus der Luft entfernen müssen, um die Erderwärmung zu begrenzen. Das aber können Pflanzen am günstigsten und schnellsten – vorausgesetzt, sie werden hinterher nicht einfach wieder verbrannt, sondern so behandelt, dass das CO2 auf ewig gebunden bleibt – beispielsweise in Form von Terra Preta, einem Bodenverbesserer aus Holzkohle, der schon seit Jahrhunderten in Südamerika genutzt wird. Vielleicht könnten Sie die Wärme, die bei dessen Herstellung anfällt, auch in ihrem Unternehmen nutzen?

Denn auch wenn Ihnen das Klima egal sein sollte, diese für Sie wichtigen Gruppen werden auf Klimafreundlichkeit Wert legen – und kommen gar nicht darum herum, Sie auszulisten, sollten Sie sich klimaschädlich verhalten.

Und schließlich: Was immer Sie tun, vermeiden Sie Stranded Investments, investieren Sie klimasicher. Wenn Investitionen, die Sie heute tätigen, im Jahr 2050 noch für Ihren Geschäftsbetrieb wichtig sein werden, aber CO2 ausstoßen, werden Sie Probleme mit Larry, Ihren Geldgebern und Ihren Kunden bekommen. Denn auch wenn Ihnen das Klima egal sein sollte, diese für Sie wichtigen Gruppen werden auf Klimafreundlichkeit Wert legen – und kommen gar nicht darum herum, Sie auszulisten, sollen Sie sich klimaschädlich verhalten.

Vorreiter profitieren auch finanziell

Wenn Sie hingegen zu den Vorreitern gehören, so kehren sich die Klimaanforderungen auf einmal in Wettbewerbsvorteile um. Können Sie zum Beispiel klimafreundlichen Zement liefern, Ihre Mitbewerber aber nicht? Auch nicht zu verachten: Sowohl auf Bundes- als auch auf EU-Ebene werden gerade Koffer mit sehr viel Geld gepackt, das Wirtschaft, Regionen und Bevölkerung bei der Bewältigung der klimafreundlichen Transformation helfen soll. Das könnte doch auch Ihr Geld sein, meine ich.

Sie merken sicher schon: Die klimafreundliche Transformation der Gesellschaft und der Wirtschaft ist keine Aufgabe, die man ungern angehen muss. Schließlich sind die Ausgaben, die immer mal wieder als Argument gegen Klimaschutz und Energiewende angeführt werden, nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite heißt: Die Kosten des einen sind die Umsätze des anderen. Und so viel ist sicher: Die Klimapolitik kennt nur eine Richtung, sie wird den Druck Richtung Klimaneutralität immer weiter erhöhen. Unternehmen, die einen großen CO2-Fußabdruck hinterlassen, werden daher immer mehr zahlen. Unternehmen, die Lösungen anbieten, aber können mit steigenden Umsätzen rechnen. 

Fazit

Wissen Sie, wie viel Tonnen CO2 Ihr Unternehmen im Jahr ausstößt? Wie viel CO2-Ausstoß in den Vorprodukten steckt, die Sie einkaufen? Und wie viel CO2 jene Produkte ausstoßen werden, die Sie heute verkaufen? Mit anderen Worten: Wissen Sie, wie viel Ihr Unternehmen zur Klimaerwärmung beiträgt? Im Gastbeitrag analysiert Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende, vier Bereiche, die dekarbonisiert werden müssen – Strom, Wärme, Verkehr und Landwirtschaft.

Über diesen Artikel

Von

Dr. Patrick Graichen

Direktor Agora Energiewende