10 Minuten Lesezeit 22 Mai 2020
Blick von unten auf eine Frau mit Kamera in einem Auto

„Haltet die Märkte offen!“

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EY Deutschland

Wegbereiter des Wandels

10 Minuten Lesezeit 22 Mai 2020

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Wie trifft COVID-19 die Fertigungsindustrie? Ein Gespräch mit VDMA-Chefvolkswirt Ralph Wiechers über Auswirkungen und Aussichten der Pandemie.

Alarmierende Auftragseinbußen, verlorenes Vertrauen: Auch die industrielle Produktion bleibt vor den Folgen der Corona-Krise nicht gefeit. Im Gespräch erläutert Dr. Ralph Wiechers, was bereits vor dem Ausbruch der Pandemie versäumt wurde und was nun getan werden muss, um den wirtschaftlichen Einbruch zu überstehen. Wiechers ist Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagebau e.V. (VDMA). Mit 1,3 Millionen Erwerbstätigen ist der Maschinen- und Anlagenbau der größte industrielle Arbeitgeber Deutschlands.

EY: Herr Dr. Wiechers, hat der Maschinen- und Anlagenbau Erfahrungen mit derartigen Schocks? Sie bezeichneten die Finanzkrise 2009 einmal als „Herzinfarkt mit Herzstillstand“ – wäre das zu vergleichen?

Dr. Ralph Wiechers: Leider ja. In den 30 Jahren, die ich jetzt dabei bin, ist es die vierte Krise, wobei jede anders ist und jede anders verläuft. Die heftigste Krise vor Corona war die Finanzkrise, die sich in Form von Überhitzungserscheinungen und ersten Bankpleiten zwar angedeutet hatte, uns dann aber 2009 mit voller Wucht traf. Wir haben dadurch Erfahrungen sammeln dürfen, oder besser: müssen. Die Industrieunternehmen – Management wie Mitarbeiter – haben die Krise noch in Erinnerung. Sie haben Pläne in den Schubladen, die sie jetzt Zug für Zug umsetzen, und sie stehen nicht vor einer komplett neuen Situation – anders als Friseure oder Gastronomen, die von jetzt auf gleich ihr Unternehmen komplett schließen mussten.

Wie wurden die Schocks damals bewältigt und was hilft jetzt, um Resilienz aufzubauen?

Drei Dinge sind wichtig: Sofortmaßnahmen ergreifen, Anreize setzen, den Blick nach vorn richten. Das Instrument der Kurzarbeit hat sich schon 2009 als Sofortmaßnahme bewährt und tut es jetzt wieder. Wichtig war die zusätzliche Gewährung des Kurzarbeitergeldes über einen längeren Zeitraum. Denn eine Bezugsdauer von normalerweise maximal zwölf Monaten wird für manche Unternehmen unter Umständen nicht ausreichen. Ein Blick zurück zeigt uns, dass nicht allein die Pandemie Probleme bereitet: Zahlreiche Unternehmen waren 2019 schon arg gebeutelt, sei es durch die Dieselkrise, den Handelskrieg, eine generelle Investitionszurückhaltung oder strukturelle Themen. 

Verunsicherung ist Gift für das Investitionsklima. Darum muss in erster Linie Vertrauen aufgebaut werden.
Dr. Ralph Wiechers
Hauptgeschäftsführung VDMA

Der Blick nach vorn bedeutet, dass wir aus dem Reaktionsmodus in den Aktionsmodus kommen sollten. Verunsicherung ist Gift für das Investitionsklima. Darum müssen in erster Linie Vertrauen aufgebaut und Anreize gesetzt werden. Diese Anreize sollten nicht allein darauf abzielen, kurze, wohlmöglich sogar nur auf einzelne Branchen zugeschnittene Impulse zum Auffüllen von Nachfragelücken zu geben. Sie sollten nachhaltig und geeignet sein, den wirtschaftlichen und technologischen Strukturwandel zu bewältigen. Alles, was Investitionen und Innovationen anstoßen kann, würde helfen, sowohl die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken als auch gestärkt aus der Krise hervorzugehen. 

  • Seit 30 Jahren beim VDMA: Dr. Ralph Wiechers

    Die Industrie ist seine Berufung: Nach dem Abitur absolvierte Wiechers eine Ausbildung zum Industriekaufmann in seiner Heimatstadt Höxter, zum Studium der Volkswirtschaftslehre zog er erst nach Karlsruhe, später nach Mainz, wo er auch promovierte. Anschließend trat Wiechers 1991 in den Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebau e.V. (VDMA) ein, wo er mehrere Funktionen bekleidet: Seit 1998 als Leiter der Steuerabteilung und seit 2000 als Abteilungsleiter Volkswirtschaft und Statistik/Chefvolkswirt. Von 2015 an gehört Wiechers zur Hauptgeschäftsführung des VDMA und ist sowohl zuständig für Finanzen als auch Geschäftsführer der VDMA-Services. Der 61-Jährige ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Sie hatten im März bereits von einem Auftragsrückgang im Maschinenbau von insgesamt neun Prozent gesprochen. Im Inland waren es zwei Prozent, im Ausland zwölf, hauptsächlich verursacht durcheinen Einbruch der Nachfrage. Wie entwickeln sich die Zahlen derzeit?

Die März-Zahlen waren schon von der Corona-Krise beeinflusst, weil das Virus sich bereits in China verbreitete, das ein wichtiger Markt ist. Aktuelle Zahlen zur weiteren Entwicklung liegen noch nicht vor, deshalb befragen wir unsere Mitglieder zu ihren Einschätzungen in Blitzumfragen. Gerade ist die vierte gelaufen: 85 Prozent der befragten 724 Unternehmen gaben für Anfang Mai merkliche oder sogar gravierende Auftragseinbußen an. Das ist schon enorm. 80 Prozent erwarten für die nächsten drei Monate zudem keine Besserung. China ist inzwischen zwar wieder am Markt, aber die Pandemie hat sich eben vor allem in Europa und in den USA ausgebreitet. In Summe machen diese wichtigen Märkte zusammen deutlich mehr aus als China allein. 

Blitzumfrage VDMA

85 %

der befragten Unternehmen klagen über merkliche oder gravierende Auftragseinbußen.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

Unser Vorteil ist: Insgesamt haben wir eine sehr innovative Industrie. Und wir verfügen über ein wohl weltweit einzigartiges Netzwerk sogenannter „klassischer“ Industrien, also Automobil, Elektrotechnik, Elektronik, Chemie und – schließlich – Maschinenbau. Es gibt Defizite bei der Digitalisierung  im Vergleich zu den USA, und gegenüber China haben wir einen Nachteil bezüglich der Dynamik technologischer, wirtschaftlicher und politischer Prozesse.

Hier liegt sicher der Schlüssel für eine fortgesetzte Teilhabe am Wettbewerb für die besten Industrielösungen weltweit: Wir müssen die für unsere Unternehmen typische, nicht staatlich verordnete Flexibilität und Innovation sowie die Vorteile und Stärken unserer klassischen Industrieproduktion möglichst agil mit digitalen Lösungen kombinieren, um wettbewerbsfähige Produkte für die Weltmärkte zu produzieren. Das ist vornehmlich eine unternehmerische Aufgabe, die jedoch in einem angemessenen Rahmen stattfinden muss: Um dauerhaft Schlüsselanbieter sein zu können, brauchen wir vernünftige Standortbedingungen, zum Beispiel hinsichtlich Steuern und Kosten, sowie unternehmerische Freiräume, damit wir schnell und agil auf Veränderungen in unserem Umfeld reagieren können.

Welche Unternehmen werden die Corona-Krise besser meistern, welche weniger gut?

Auch hier kommen drei Faktoren ins Spiel: breite, regionale Aufstellung, Innovation und Solidität. Unternehmen, die finanziell und organisatorisch stabil sind und über innovative Produkte verfügen, stecken Krisen naturgemäß besser weg als solche, die schon angeschlagen sind. Solides Eigenkapital und ein gutes Netzwerk gehören ebenso dazu wie der regionale Aspekt: Wer breit aufgestellt und nicht von einzelnen Märkten abhängig ist, hat einen Vorteil.

Welche Rolle spielen Faktoren wie Größe, Produkte, Geschäftsmodelle, Digitalisierungsgrad oder globale Verflechtung?

Die deutsche Wirtschaft ist geprägt vom Mittelstand, den Eigenständigkeit, unternehmerische Verantwortung, Beweglichkeit und Innovation auszeichnen. Das Besondere ist, dass es in Deutschland neben großen, international tätigen Unternehmen, und dem vornehmlich regional tätigen Mittelstand – also laut Definition Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitern – zahlreiche große Mittelständler gibt. Viele davon sind sogenannte Hidden Champions, also hoch innovative Weltmarktführer. Diese besondere Mischung ist wichtig. Die kleinen Unternehmen können nicht weltweit aktiv sein, damit wären sie finanziell und personell überfordert. Doch in dem eben angesprochenen Netzwerk über Branchen und Unternehmensgrößen hinweg nehmen die großen Mittelständler die kleinen mit, lassen sie als Wertschöpfungspartner mitwirken und teilhaben an der internationalen Ausrichtung und den Erfolgen innovativer Produkte. Ein solches Netzwerk macht den Standort Deutschland sehr wettbewerbsfähig. 

Angespannte Auftragslage im Maschinenbau

80 %

der vom VDMA befragten Unternehmen erwarten keine Besserung in den kommenden drei Monaten.

Was sollte die Politik tun, um beim Ausweg aus der Krise Unterstützung zu leisten?

Sinnvoll wären Maßnahmen, die Innovation und Investition fördern, um die Nachfrage wieder anzustoßen. Dazu gehören zum Beispiel Abschreibungserleichterungen. Der Aufbau eines hochwertigen, wettbewerbsfähigen Kapitalstocks würde beiden Bedarfen helfen, dem Setzen eines konjunkturellen sowie strukturellen Impulses, und letztendlich qualitatives Wachstum fördern. Das wird häufig vergessen: Qualitatives Wachstum braucht Investitionen, auch solche in den Kapitalstock für die industrielle Produktion. Selbst wenn wir die Autos jetzt stehen lassen, wollen wir weiter mobil sein – also brauchen wir zum Beispiel mehr Investitionen in öffentliche Verkehrswege, in Busse und Bahnen. Die fallen nicht vom Himmel.

Was wurde in der Vergangenheit versäumt?

In den vergangenen zehn Jahren gab es ungebrochenes Wachstum – doch das galt nicht uneingeschränkt für alle industriellen Bereiche. Die Jahre waren sehr vom Konsum geprägt; der Wachstumsbeitrag des Konsums hat den der Investitionen deutlich übertroffen. Eine Ausnahme waren Bauinvestitionen, die liefen wie verrückt. Die klassischen Industrieinvestitionen sind hingegen nie wirklich angesprungen, die Hoffnung auf ein Anspringen der Investitionsgüterkonjunktur wurde Jahr für Jahr enttäuscht.

Die Gründe hierfür sind vielfältig: konjunkturelle, strukturelle, aber auch politische. Die Politik hat Investitionen seit einem Jahrzehnt nicht wirklich gefördert. Mit Blick auf die schwarze Null und ein vermeintlich ausreichendes Wachstum sind viele Dinge liegengeblieben, Deutschland ist als Standort zurückgefallen. Das sind Punkte, die in einer Krise wie der jetzigen hochkommen. Dazu gehört beispielsweise, dass man Ende der 1990er-Jahre aus politisch ideologischen, aber auch haushaltspolitischen Gründen, Verlustverrechnungsmöglichkeiten eingeschränkt hat. Unternehmen, die einem stark zyklischen Geschäft unterliegen oder hohe Investitionen tätigen müssen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden, können die Verluste dann nicht ausreichend schnell abbauen und schieben in der Folge einen Verlustsockel vor sich her. 

Man hat eine Reform verweigert mit dem Hinweis auf die zwischenzeitlich aufgelaufenen Verlustberge. Das ist, als würden Sie aus Gründen der Ersparnis die Notbremse in einem Zug weglassen oder unterdimensionieren.
Dr. Ralph Wiechers
Hauptgeschäftsführung VDMA

Diesen Punkt hat die Politik trotz einhelliger Meinung über dessen negative Auswirkungen auf die Krisenfestigkeit der Unternehmen nicht angepackt. Mehr noch: Man hat eine Reform konsequent verweigert mit dem Hinweis auf die zwischenzeitlich aufgelaufenen Verlustberge, deren Auflösung dem Staat immense Steuerausfälle bescheren würde. Doch nun fehlt den Unternehmen dieses Instrument. 

Stehen wir vor einem Zeitalter der Deglobalisierung, eines Kapitalismus 2.0, oder wird es zu keiner nachhaltigen Systemveränderung kommen?

Eine spannende Frage, die zunehmend relevant wird. Denn Deutschland hat einen, wie wir Ökonomen sagen, hohen Offenheitsgrad. Das heißt: Exporte und Importe haben zusammen genommen einen hohen Anteil am deutschen Bruttoinlandsprodukt. Im Zuge der Corona-Pandemie wurde uns schmerzlich bewusst, dass Single Sourcing, wie teilweise in der Pharmazie oder aktuell bei der Produktion von Mundschutzmasken, grundsätzlich die Gefahr von Engpässen und einseitigen Abhängigkeiten erhöht. Ich glaube deshalb, dass diese Pandemie Auswirkungen auf Beschaffungs- und Lokalisierungsprozesse haben wird – insbesondere solche, die rein auf Kostenvorteilen basieren. Um dem Risiko eines eventuellen Ausfalls zu begegnen, werden dort, wo dies noch nicht geschehen ist, redundante Strukturen aufgebaut werden, selbst um den Preis höherer Kosten.

Die Corona-Krise wirft aber nicht nur die Frage nach der Widerstandsfähigkeit des Zulieferernetzes, sondern auch die der eigenen Zuliefereigenschaften auf. Konkret: Wir müssen unseren Kunden als Anbieter von Speziallösungen glaubhaft machen, dass wir verlässlich liefern und im Bedarfsfall auf redundante, krisensichere Strukturen zurückgreifen können. Dabei kommt dem Maschinenbau zugute, dass er im Zuge der Globalisierung vornehmlich dort investiert, wo es einen attraktiven Markt für seine Produkte gibt. Er wird so Teil eines regionalen Industrienetzwerkes – in Europa, Asien oder Nordamerika – mit dem positiven Nebeneffekt, lokale Kapazitätsspitzen oder Engpässe durch andere Standorte ausgleichen zu können.   

Wie werden sich die Märkte entwickeln?

Die Pandemie wird nicht zur Renationalisierung von Wertschöpfungsketten führen. Nationalisierung kann keine Lösung sein, denn der Verzicht auf die Vorteile internationaler Arbeitsteilung schränkt die eigene Wettbewerbsfähigkeit ein und ist auch mit mehr Risiken verbunden. Aber eine stärkere Regionalisierung von Wertschöpfungsketten im Markt für den Markt wäre ein gangbarer Weg. Verschiedene Netzwerke auf verschiedenen Kontinenten zum Beispiel, die für und in sich nahezu autark sind und im Zusammenspiel der Risikoabdeckung dienen, falls eines von ihnen ausfällt. Wir haben das am Anfang der Corona-Krise bei Unternehmen erlebt, die nicht nur, aber auch in China produzieren: Die sind, als China ausfiel, mit Fertigungsstandorten auf anderen Märkten eingesprungen und haben dann beispielsweise aus Deutschland nach Amerika geliefert.

Worauf kommt es beim Ausweg aus der Krise an?

Die Politik darf nicht der Versuchung erliegen, par ordre du mufti gegen jede Vernunft bestimmte Industrien am heimischen Standort anzusiedeln. Wenn bestimmte Ressourcen und Kompetenzen auf bestimmte Standorte konzentriert sind, zum Beispiel Digitales im Silicon Valley oder Mechatronik im Schwäbischen, muss die Politik dafür sorgen, dass von und mit diesen Orten ein gegenseitiger freier Handel und Austausch möglich ist. Der Weckruf der Pandemie und damit die politische Herausforderung ist es, die Märkte offenzuhalten. Durch Handelsvereinbarungen und gegenseitiges Vertrauen. Davon ist einiges verlorengegangen – vor der Pandemie in den Handelskriegen und in der Pandemie durch Knappheiten und Engpässe. Der Appell lautet dafür umso lauter: Haltet die Märkte offen!

Der Weckruf der Pandemie und damit die politische Herausforderung ist es, die Märkte offenzuhalten.
Dr. Ralph Wiechers
Hauptgeschäftsführung VDMA

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Fazit

Dr. Ralph Wiechers ist Chefvolkswirt und Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagebau (VDMA), dem größten Netzwerk der Branche. Auch sie wird durch die Corona-Krise hart getroffen– teilweise hervorgerufen durch Fehler, die bereits vor dem Ausbruch der Pandemie gemacht wurden. Im Interview erläutert Wiechers, warum eine Regionalisierung von Wertschöpfungsketten denkbar ist und wie Unternehmen am besten die Krise meistern können.

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