5 Minuten Lesezeit 24 September 2020
Mann in der Stahlproduktion

„Umbau der gesamten Wirtschaft in Richtung Klimaneutralität“

Corona-Krise: Warum Wiederaufschwung und Klimaschutz Hand in Hand gehen müssen, erklärt Robert Seiter, Associate Partner Climate Change & Sustainability Services, im Interview.

Überblick

  • Eine Verknüpfung der Corona-Förderungen mit dem Green Deal der EU ist nötig, wenn eine Verschärfung der Klimaziele realistisch sein soll.
  • Sprunginnovationen zu komplett neuen Technologien und Produktionsarten sind besonders in den energieintensiven Industrien Stahl, Zement und Chemie wichtig.
  • Sektorkopplung ist die Grundlage für eine zukünftige Kreislaufwirtschaft und die drastische Erhöhung der Ressourceneffizienz.

EY: Die neue Studie von EY und der European Climate Foundation (ECF) „A Green Covid-19 Recovery and Resilience Plan for Europe“ listet 1.000 startbereite Projekte für die Klimawende auf. An wen richtet sich die Studie?

Robert Seiter: An die Politik. An die Political-Affairs-Verantwortlichen in den Unternehmen. Und an die Bereiche in den Konzernen, welche die Zukunftsfähigkeit des eigenen Unternehmens durch Innovationen für Produkte und Geschäftsmodelle sichern, auch und gerade in Zeiten von Corona. Denjenigen, die sagen: „In Zeiten wie diesen müssen Schönwetterthemen wie Klimaschutz hintenanstehen“, zeigt unsere Studie das Gegenteil: Wiederaufschwung und Klimaschutz gehen sehr gut zusammen, die Politik legt ihre Programme entsprechend aus und die Projekte dazu sind da.

Was sind das für Projekte, die in der Studie herausgehoben werden?

Diese 1.000 Projekte sind echte Leuchttürme- genau die Projekte, welche die EU-Mitgliedstaaten jetzt fördern sollten. Dabei geht es nicht um eine staatliche Vollförderung, sondern um die passenden Rahmenbedingungen und einen klassischen Hebeleffekt: Speist man einen Euro Fördergeld ein, wird ein Vielfaches an kommerziellen, finanziellen Mitteln mobilisiert.

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    Für Klimaschutz und über 2 Mio. Jobs: EY legt 1.000 investitionsfertige Projekte vor

    750 Milliarden Euro Konjunkturhilfe umfasst das Paket „Next Generation EU“, über dessen Details sich die Mitgliedstaaten und das Parlament der EU diesen Herbst final einigen müssen. Gleichzeitig wird die Erhöhung des EU-Klimaziels für 2030 entsprechend dem Pariser Klimaabkommen verhandelt. Um das finanzstarke Corona-Konjunkturpaket besser mit einem europäischen „Green Deal“ zu verknüpfen, hat EY in der Studie „A Green Covid-19 Recovery and Resilience Plan for Europe" 1.000 „grüne“ Projekte in ganz Europa identifiziert. Diese haben das Potenzial, in der EU 2 Millionen Arbeitsplätze zu schaffen und rund 2,3 Gigatonnen CO2 zu vermeiden. Um diese startbereiten Projekte anzuschieben, wären öffentliche und private Investitionen in Höhe von 200 Milliarden Euro notwendig – gut ein Viertel der Gesamtsumme des „Next Generation EU“-Pakets. Beauftragt wurde die Studie von der European Climate Foundation (ECF).

    Aus Deutschland sind 73 Projekte mit einem Investitionsbedarf von 21,1 Milliarden Euro in die Analyse eingegangen. Darunter befinden sich ein schwimmendes Solarkraftwerk auf einem Tagebaurestsee, eine auf innovativer Technologie basierende Produktion von Photovoltaikmodulen sowie ein neues Gebäudemanagementsystem, das Licht, Wärme, Kälte und Luftqualität regelt. Die Umsetzung aller deutschen Projekte könnte 249.000 Arbeitsplätze schaffen und etwa 185 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

    Die Liste stellt laut EY nur etwa 10 Prozent der europaweit möglichen grünen Projekte dar. Die gesamte Pipeline in der EU schätzt EY auf ein Investitionsvolumen von bis zu 1 Billion Euro. „Die enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schäden durch COVID-19 halten Bürgerinnen und Bürger in ganz Europa nicht davon ab, weiterhin eine klimafreundliche Zukunft einzufordern“, sagt Laurence Tubiana, CEO der auftraggebenden European Climate Foundation (ECF): „Es gibt jetzt keine Ausrede für die EU-Mitgliedstaaten mehr, die Konjunkturmittel nicht mit umweltfreundlichen Investitionen zu verknüpfen und so eine Win-win-Situation zu schaffen.“

Dabei geht es vor allem um den Wiederaufschwung nach dem Covid-Knick?

COVID-19 kann hier ein echter Beschleuniger sein, so wie wir es beim Thema Digitalisierung erlebt haben. Wichtige Voraussetzung: Der Aufschwung und die Förderung werden für den Umbau der gesamten Wirtschaft in Richtung Klimaneutralität genutzt.

Also sprechen wir hier von einem Kollateralnutzen der Krise?

Viele der Projekte, die wir präsentieren, brauchen Förderung, und diese Fördergelder sind jetzt da. Das bringt uns einen Zeitgewinn, der für den Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft dringend benötigt wird.

Ein Viertel des 750 Milliarden Euro schweren Corona-Aufbaupakets „Next Generation EU“ soll laut EU-Kommission mit dem „Green Deal“ der EU aus dem Vorjahr verknüpft werden.

Das ist auch notwendig, wenn die angestrebte Verschärfung der EU-weiten Klimaziele realistisch sein soll. Deutschland hat hier bereits vorgelegt: Das Konjunkturpaket bringt uns weiter als die meisten Mitgliedstaaten. Wenn man die Lage mit der letzten Wirtschaftskrise 2008 vergleicht, ist dieses Programm viel zielgenauer, das zeigt schon das Thema Abwrackprämie. Hier werden klare ökologische Leitplanken eingezogen. Gerade mit der Ratspräsidentschaft und seinen fiskalischen Spielräumen kommt Deutschland eine Vorbildfunktion in Europa zu.

Es ist ein guter Zeitpunkt, die Mammutaufgabe der Transformation in der energieintensiven Grundstoffindustrie endlich anzupacken.
Robert Seiter
Associate Partner Climate Change & Sustainability Services

An wen können sich Unternehmen jetzt wenden, die große Projekte für die Klimawende stemmen wollen?

Es gibt eine Vielzahl an Programmen und Förderinstrumentarien. Große Projekte laufen zum Beispiel über den „Innovation Fund“ der EU. Aber auch in Deutschland sind die Möglichkeiten breit gestreut. Man kann Förderkredite über die KfW erhalten, weitere Förderprogramme für spezifische Maßnahmen, Reallabore etc. liegen direkt in der Verantwortung der Fachressorts und deren nachgelagerten Behörden.

Erleben wir den Startschuss für die grüne Transformation der Wirtschaft?

Es ist ein guter Zeitpunkt, die Mammutaufgabe der Transformation in der energieintensiven Grundstoffindustrie endlich anzupacken. So begleiten wir beispielsweise ein Projekt, bei dem ein großer Zementhersteller bereits heute Technologien entwickelt, die ab 2030 infolge der Regulierung bei jeder neuen Anlage zum Einsatz kommen müssen. Diese Art von Sprunginnovationen sind die große Herausforderung – nicht noch mal drei Prozent mehr an der Effizienz schrauben, sondern den großen Schritt wagen zu komplett neuen Technologien und Produktionsverfahren.

Sektorkopplung ist die Grundlage für eine zukünftige Kreislaufwirtschaft, um die Ressourceneffizienz drastisch zu erhöhen.

Welche Branchen stehen dabei im Fokus?

Sobald man nicht nur über Energie, Zement oder Transport spricht, sondern über den größeren Zusammenhang, geht es um Sektorkopplung. Dass also über die Branchen hinweg Unternehmen zusammenkommen und neue Lösungen finden. Das ist übrigens auch die Grundlage für eine zukünftige Kreislaufwirtschaft, um die Ressourceneffizienz drastisch zu erhöhen.

Grüner Wasserstoff als Energieträger ist sektorübergreifend zwingend für die Klimawende, taucht unter den Projekten der aktuellen Studie aber nur am Rande auf.

Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass die Studie sich auf startbereite Projekte beschränkt, die in den nächsten ein, zwei Jahren angepackt werden. Schließlich geht es um Gelder, die jetzt ausgeschüttet werden, um einen schnellen konjunkturellen Effekt zu erzielen. Grundsätzlich gilt aber: Wasserstoff wird zum kostbaren Gut werden, ich erwarte einen regelrechten Verteilungskampf.

Gibt es weitere Felder oder Sektoren, die in der Studie nicht abgebildet werden, weil es dazu kaum startbereite Projekte gibt?

Landnutzung zum Beispiel spielt in Deutschland bisher nicht so eine große Rolle. Die Landwirtschaft hinkt hinterher, wenn es ums Klima geht. Daher fehlen in der Studie auch die Projekte dazu.

Gebäudesektor

5 %

Sanierungsquote jährlich müsste Deutschland im Altbaubereich erreichen, um die Klimaziele einhalten zu können.

Wie sieht es im Gebäudebereich aus?

In Deutschland zeigt sich, wie schwierig Regulierung in einem solchen Sektor sein kann: Es gibt einerseits den Konflikt um bezahlbaren Mietraum. Mieter müssen sich zum Beispiel nur teilweise an Modernisierungsumlagen beteiligen, um sie vor hohen Mieten zu schützen. Das führt auf der anderen Seite dazu, dass der Gebäudebestand nicht so schnell wie eigentlich möglich saniert wird. Die Neubauquote ist in Deutschland ohnehin sehr niedrig im Vergleich zu vielen anderen Ländern, so dass es schwierig wird, hier die Klimaziele einzuhalten. Im Altbaubereich müsste Deutschland dazu etwa eine Sanierungsquote von jährlich fünf Prozent erreichen, davon sind wir aber mit einer Quote von rund einem Prozent weit entfernt.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Dinge, die Unternehmen jetzt anpacken sollten, um die Klimawende zu schaffen?

Erstens müssen die energieintensiven Industrien Stahl, Zement und Chemie jetzt die Sprunginnovationen anpacken. Also das pilotieren, was 2030 marktreif sein muss. Zweitens müssen auch der Mittelstand und das verarbeitende Gewerbe das Thema Energieeffizienz verstärken sowie den Umstieg auf grüne Energieversorgung. Drittens müssen wir über Branchengrenzen hinwegdenken: Emissionsfreie Energie setzt Sektorkopplung voraus und ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft lässt sich nur im Zusammenspiel vieler Branchen erreichen.

Fazit

1.000 startbereite Projekte für die Klimawende listet die Studie „A Green Covid-19 Recovery and Resilience Plan for Europe“ von EY und ECF auf. Die Corona-Krise wirkt als Beschleuniger, um die Wirtschaft Richtung Klimaneutralität umzubauen. Sektorkopplung und Kreislaufwirtschaft sind entscheidend, damit Unternehmen über Branchengrenzen hinweg zusammenkommen und grüner produzieren.