8 Minuten Lesezeit 25 April 2022
Schildkröte und Fisch

Next Stop: Biodiversity – Warum sie zur Unternehmensstrategie gehört

Autoren
Janosch Birkert

Manager, Assurance, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Umweltingenieurwissenschaftler (M.Sc.), berät Unternehmen zu den Themen Dekarbonisierung, ESG und ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategien

Robert Seiter

Associate Partner, Assurance, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Associate Partner im „EY Climate Change und Sustainability Services“-Team; 25 Jahre reichhaltige Berufserfahrung in klimabezogenen Beratungsprojekten.

8 Minuten Lesezeit 25 April 2022

Investoren legen immer mehr Wert darauf, wie sich unternehmerisches Agieren auf Biodiversität auswirkt – und welche Abhängigkeiten es gibt.

Überblick
  • Ökosysteme und Artenvielfalt stehen weltweit unter Druck, auch Unternehmen spielen dabei eine Rolle. Das Biodiversitätsreporting steht noch am Anfang.
  • Selbstverpflichtungen und offizielle Vorgaben entwickeln sich sehr schnell. Ähnliche Akteure wie beim Klima bestimmen zunehmend die Entwicklung (TNFD & SBTN).
  • Das könnte die Biodiversitätsdebatte beschleunigen. Allerdings ist es komplizierter Einflüsse auf Biodiversität zu quantifizieren und Metriken zu entwickeln.

Weltweit lastet ein immer größerer Druck auf der Biodiversität. Das Ausmaß des Verlustes von Artenvielfalt, Lebensräumen und Ökosystemen sowie die drohenden Folgen sind bis heute in der Gesellschaft nicht angekommen. Wissenschaftler vergleichen das aktuelle Artensterben bereits mit den fünf Massensterben der Vergangenheit, verursacht durch gigantische Vulkanausbrüche oder Eiszeiten. Nicht nur ganze Arten verschwinden, auch die Zahl einzelner Organismen nimmt ab. So leben heute 60 Prozent weniger Wirbeltiere auf der Erde als 1970. In Deutschland ist die Anzahl an Fluginsekten binnen 30 Jahren um mindestens 75 Prozent zurückgegangen.

Jeden Tag  werden Wälder gerodet, Moore entwässert, Heidelandschaften verbaut. Damit geht nicht nur Lebensraum verloren, sondern auch die Widerstandsfähigkeit der Systeme gegenüber Extremereignissen. Artenreiche Ökosysteme sind nachweislich stabiler, können Störungen besser ausgleichen. Eine reichhaltige Tier- und Pflanzenwelt erleichtert die Aufgaben der Landwirtschaft und ist für das Klima entscheidend, da artenreiche Böden und Wälder deutlich mehr Kohlenstoff aufnehmen können als Monokulturen.

Abnahme der Artenvielfalt

60 %

weniger Wirbeltiere als noch 1970 leben heute auf der Erde.

Investoren drängen auf Berücksichtigung von Biodiversität

In den Nachhaltigkeitsstrategien von Unternehmen spielt die Biodiversität bisher kaum eine Rolle. Doch das dürfte sich rasch ändern, ein wichtiger Treiber dabei ist der Finanzbereich. Investoren erkennen zunehmend, dass der Verlust von Biodiversität mit erheblichen Kosten einhergeht. Einige der „Ökosystem(dienst)leistungen“ (engl. Ecosystem Services, kurz ESS) können Wissenschaftler quantifizieren. So erbringen Insekten, die weltweit drei Viertel aller Nutzpflanzen bestäuben, eine Leistung im Wert von 1 Billion US-Dollar pro Jahr.

Unter dem Strich hängen 55 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung von funktionierenden Ökosystemen und den damit verbundenen ESS ab (≈ 42 Billionen US-Dollar). Entsprechend gilt die Gefahr des Verlusts von Biodiversität mittlerweile als drittgrößtes Risiko weltweit. Nur ein Versagen bei Maßnahmen gegen den Klimawandel und extreme Wetterkapriolen fürchten die fast 1000 Experten, die das Weltwirtschaftsforum in Davos für seinen jährlichen Risikobericht befragt hat, in den kommenden zehn Jahre noch mehr.

Auf 800 Milliarden US-Dollar jährlich wird die Finanzierungslücke geschätzt, die notwendig wäre, um einen weiteren Verlust der Biodiversität zu stoppen. Doch der Weg ist noch weit: Share Action, eine Organisation für verantwortungsbewusste Anlagen, hat festgestellt, dass 85 Prozent der 75 weltgrößten Vermögensverwalter in 2021 keinerlei Referenzen auf den Schutz von Ökosystemen, natürlichem Kapital oder Biodiversität gemacht haben – ein nicht eingepreistes hohes Risiko. 

Biodiversitätsstrategie - „Doppelte Wesentlichkeit“ erkennen und verstehen

Jedes Unternehmen kann den ersten Schritt gehen und die „doppelte Wesentlichkeit“ als Grundlage einer zeitgemäßen Biodiversitätsstrategie verankern. Dazu gehört die Frage, welchen Einfluss die Biodiversität auf das eigene Geschäftsmodell hat und wie sich dieses Geschäftsmodell umgekehrt auf Biodiversität auswirkt. 

Die Risiken, die durch einen Verlust von Biodiversität auf Unternehmen und Investoren zukommen, sind vielfältig – und schon heute sehr konkret. Dazu gehören Versicherungsrisiken, beispielsweise wenn der Verlust eines Ökosystems wie einer Küstenlandschaft dazu führt, dass ein natürlicher Puffer gegen Überflutungen entfällt und mögliche Schäden nicht mehr abgedeckt sind. Ein Versagen von Ökosystemen in großem Stil birgt außerdem erhebliche Marktrisiken. Die Übertragung von Krankheitserregern von Wildtieren zu Menschen als Folge von zerstörtem Lebensraum bietet ein Beispiel für Auswirkungen und Kosten. Der Verlust oder die Verknappung von natürlichen Rohstoffen können mit erheblichen Risiken für Investitionen einhergehen. Kredit- und Reputationsrisiken sind weitere Folgen.

  • Drei Jahrzehnte multilaterale Ansätze

    Biodiversität wird seit über 30 Jahren auf internationaler Ebene diskutiert. Schon 1988 hat die Umweltorganisation der Vereinten Nationen einen Fokus auf das Thema empfohlen. Vier Jahre später wurde anlässlich des „Erdgipfels“, der Konferenz in Rio de Janeiro, die Konvention zur Biodiversität unterzeichnet. Darin wird erstmal der Schutz der Biodiversität als gemeinsames Anliegen der Menschheit festgehalten.

    Seither treffen sich Vertreter der Unterzeichnerstaaten zur regelmäßige Conference of the Parties (COP). 2010 wurde bei dem Treffen im japanischen Nagoya die sogenannten Aichi-Biodiversitätsziele unterzeichnet, benannt nach der Präfektur, zu der Nagoya gehört. Die 20 Prinzipien sollen den Stellenwert von Biodiversität im weltweiten Bewusstsein verankern. Der nächste Convention on Biological Diversity-Gipfel (CBD-COP15) war für 2020 im chinesischen Kunming geplant, COVID-19-bedingt soll sie nun Mitte 2022 stattfinden.

    Auch in den nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen von 2015 spielt Biodiversität eine erhebliche Rolle. Doch die Fortschritte blieben lange zögerlich.

Selbstregulierung: Erste Schritte in die richtige Richtung

In den vergangenen Jahren ist eine Reihe von Initiativen zur Selbstregulierung entstanden, auch als Vorbereitung auf eine deutlich schärfere staatliche und multilaterale Kontrolle. Viele dieser Regelwerke sind weit gefasst, enthalten aber auch Elemente zum Schutz der Biodiversität. Die Prinzipien für verantwortungsbewusstes Investment, die Principles for Responsible Investment (PRI), gehören dazu. Ein Netzwerk von Investoren hat auf Initiative der Vereinten Nationen sechs angestrebte übergreifende Ziele aufgesetzt, die dazu beitragen sollen, dass Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle im Anlageprozess spielt.

Im Rahmen der „Finance for Biodiversity Pledge“ haben sich 89 Finanzdienstleister, die gemeinsam mehr als 13 Billionen Euro Vermögen verwalten, dazu verpflichtet,  mit Unternehmen die Auswirkungen ihres Handelns auf die Biodiversität zu untersuchen. Vor 2025 wollen sie sich Verbesserungs-Ziele setzen und öffentlich berichten.

„Do no significant harm“: EU-Regulierungen berücksichtigen die Artenvielfalt

Gleichzeitig findet Biodiversität auch in vielen Regulierungsvorhaben Eingang. In der Recovery and Resilience Facility der Europäischen Union, dem Reformprogramm für die Post-COVID-19-Ära, ist das grundlegende Prinzip der Schadensvermeidung, auf Englisch „do no significant harm“ (DNSH), ausdrücklich auf den Schutz von Biodiversität und Ökosystemen anzuwenden.

Berücksichtigt ist das Thema auch im Klassifizierungssystem Sustainable Finance Taxonomy der EU, in den Rechnungslegungsvorschriften der Corporate Sustainability Reporting Direktive (CSRD) und den nachhaltigen Berichtsstandards der European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) sowie in der jüngsten Direktive zur Berücksichtigung von Nachhaltigkeit in der Due Diligence.

Auf internationaler Ebene hat die Europäische Union die Artenvielfalt in vielen Regulierungsvorhaben bereits mitbedacht. Dazu gehört unter anderem die Sustainable Finance Taxonomy, Due Diligence oder die Corporate Sustainability Reporting Directive.

Unterschiedliche Rahmenwerke helfen beim Aufbau einer Biodiversitätsstrategie

Angesichts dieser Fülle von Ansätzen ist es für Unternehmen nicht einfach, den Überblick zu behalten, welche Elemente eine Biodiversitätsstrategie mitbringen sollte, um die Anforderungen von Investoren zu erfüllen.

Folgende gängige Rahmenwerke und Standards lohnen eine eingehendere Beschäftigung:

  • Die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) ist das Pendant zur Arbeitsgruppe, die sich der Offenlegung von Klimafolgen annimmt, die Taskforce on Climate-related Financial Disclosures (TCFD). Die TNFD spricht Offenlegungsempfehlungen aus der Sicht von Finanzakteuren aus. Die empfohlenen Informationen zu Klima- oder Biodiversitätsfolgen erlauben Einschätzungen von finanziellen Risiken und Chancen in einem Portfolio. Kürzlich erschien die jüngste Version des Frameworks „beta v0.1“.
  • Science Based Targets for Nature (SBTN) schafft ein Rahmenwerk, das Umweltziele ganzheitlich adressiert. Die fünf Belastungen für die Natur – Bodennutzung, Ausbeutung von Rohstoffen, Klimawandel, Umweltverschmutzung und invasive gebietsfremde Arten – bilden Schnittmengen mit den Naturbereichen Land, Frischwasser und Meere. Innerhalb dieser Gruppen lassen sich wissenschaftlich unterfütterte Ziele, sogenannte science-based targets (SBT), umsetzen.  Bisher sind nur die klimabezogenen SBT finalisiert. Im Bereich Wasser spricht man von „Contextual Water Targets“. Bis Ende 2022 soll jedoch ein komplettes Regelwerk stehen, das für viele Unternehmen eine entscheidende Grundlage ihrer Strategie bilden könnte.
  • Die Global Reporting Initiative (GRI) listet im Standard 304 Anforderungen zur Berichterstattung zu Biodiversität in Form von vier Offenlegungsmöglichkeiten auf. Dieser Standard wird aktuell in Kooperation mit der EFRAG überarbeitet und soll 2023 publiziert werden.
  • Das Climate Disclosure Standards Board (CDSB) fasst für den Bereich Biodiversität wesentliche Aspekte verschiedener Rahmenwerke und Standards zusammen. Unternehmen ermöglicht dies die größtmögliche Abdeckung von Strategien. Letztlich verweist das CDSB aber auf die Rahmenwerke selbst, um einen detaillierten Regelüberblick zu bekommen.
  • Das Natural Capital Protocol (NCP) gibt eine Übersicht über unterschiedliche Ansätze, um Auswirkungen eines Unternehmens auf Biodiversität zu erheben. Das Protokoll unterstützt Unternehmen dabei, den passenden Erhebungsansatz zu identifizieren.

Global Reporting Initiative (GRI)

GRI 304

fasst die GRI-Anforderungen zur Biodiversitätsberichterstattung zusammen.

Diese Rahmenwerke und Standards geben hilfreiche Einblicke und können Ansätze für eine Biodiversitätsstrategie sein. Wer ganz am Anfang steht, sollte zudem folgende strategische Elemente abklopfen:

  • Folgenabschätzung: Nicht jeder Erhebungsansatz passt zur Strategie eines Unternehmens. Zunächst müssen die Anforderungen an den Messansatz definiert werden. Folgende Dimensionen stehen dabei im Fokus:
    • Welche Geschäftsanwendungen sollen berücksichtigt werden? Soll die aktuelle Situation, der Fortschritt zu Zielen oder der Einfluss verschiedener Optionen miteinander verglichen werden?
    • Organisatorische Schwerpunkte müssen festgelegt werden, die gleichzeitig als Systemgrenzen der Betrachtung gelten. Das können beispielsweise Produkte, Niederlassungen oder die Lieferkette sein.
    • Je nach Geschäftsmodell und Definition der Systemgrenzen lassen sich unterschiedliche Druckpunkte in Sachen Biodiversität ableiten, etwa Wasserverbrauch, Umweltverschmutzung, Treibhausgasemissionen.
  • Abhängigkeiten: Zunächst muss das Unternehmen ein Verständnis dafür entwickeln, von welchen Ökosystemleistungen das Geschäftsmodell abhängt.
  • Auswirkungen und Abhängigkeiten enthalten jeweils Risiken und Chancen für das Geschäftsmodell. Daraus lässt sich auch ein finanzielles Risiko ableiten, das sich mit einem System zur Messung von Folgen validieren lässt.
  • Ziele können in qualitativer oder quantitativer Form gesetzt werden. SBTN erscheint aktuell als vielversprechendes Rahmenwerk, letztlich hängt die Umsetzbarkeit  auf Unternehmens-Ebene jedoch an politischen Faktoren, genauer gesagt an der Definition von globalen gesellschaftlichen Zielen.
  • Bei der Berichterstattung lassen sich schon heute klare Anforderungen für die Zukunft ableiten. Die Aufnahme von Modulen zu Biodiversität in die Fragebögen des Carbon Disclosure Project (CDP) zur Abschätzung von Umweltfolgen schafft Tatsachen. Das CDP verweist dabei auf Informationen, die sich aus GRI und TNFD ableiten.

Wer am Beginn der Planung einer Biodiversitätsstrategie steht, ist gut beraten sich einen Überblick zu verschaffen, denn: Nicht jeder Ansatz passt zu jedem Unternehmen. Außerdem sollten die Abhängigkeiten, die Auswirkungen, aber auch die Chancen und Risiken sowie die Zielsetzung geklärt werden.

Biodiversität wird zum nächsten entscheidenden Spielfeld für Unternehmen

Auch zwölf Jahre nach ihrer Veröffentlichung bleiben die Aichi-Prinzipien zur Biodiversität hochaktuell. Für viele Unternehmen bieten sie nach wie vor den Einstieg in die Beschäftigung mit dem Thema.

Doch Forschung und Verständnis von Biodiversität haben seither erhebliche Fortschritte gemacht. Ob die nächste multilaterale Konferenz im chinesischen Kunming endlich zur globalen Verpflichtung führt, das Thema Biodiversität umfangreich anzupacken – wie es die Paris-Konferenz für das Klima geschafft hat – ist offen. Unternehmen sollten sich deshalb schon jetzt darauf vorbereiten und Biodiversität endlich als wesentlichen Ausgangspunkt von Wirtschaftssystemen begreifen, nicht nur als nützliche Ressource.

EYCarbon

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Fazit

Neben Dekarbonisierung gewinnt Biodiversität als Themenfeld für unternehmerisches Handeln rasch an Bedeutung. Angesichts des Ausmaßes des Artensterbens wird das Thema auch in Zukunft immer mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die „Doppelte Wesentlichkeit“ gilt auch für die Biodiversitätsstrategien. Die Regeln für das Reporting stecken in den Anfängen. Doch Unternehmen sollten sich eingehend mit dem Thema Biodiversität befassen und sich auf künftige Veränderungen vorbereiten, da es vermehrt im Fokus von Regulationsaufsichten und Investoren steht, die das Offenlegen von Auswirkungen und Abhängigkeiten, sowie biodiversitätsbedingte Chancen und Risiken der Geschäftsmodelle erfordern.

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Janosch Birkert

Manager, Assurance, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Umweltingenieurwissenschaftler (M.Sc.), berät Unternehmen zu den Themen Dekarbonisierung, ESG und ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategien

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