7 Minuten Lesezeit 7 Mai 2020
Serpentinenstraße im Wald aus der Vogelperspektive

Green Finance: Wie Banken nachhaltig wachsen können

Autoren

Max Weber

Verantwortlicher Partner Financial Services Risk Management | Deutschland

Trägt als verantwortlicher Partner für das Financial Services Risk Management seine Rolle als gefragter Berater schon im Jobtitel. Ist Moderator, Autor und lebt mit seiner Familie in Stuttgart.

Robert E. Bopp

Director Financial Services, Sustainable Finance | Deutschland

Erfahrener Prüfer und Berater von Banken und Finanzdienstleistern. Berät Finanzmarktakteure auch zur Bedeutung des Klimawandels. Referent und Autor. Lebt mit seiner Familie in der Nähe von Stuttgart.

7 Minuten Lesezeit 7 Mai 2020

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Setzen Banken auf Sustainable Finance, tragen sie zum Wandel der Realwirtschaft bei – und gehen gestärkt in die Zukunft.

Kapitalgeber verlangen verstärkt Auskunft darüber, was mit ihrem Vermögen bewirkt wird und welche positiven Auswirkungen Investitionen auf Umwelt und Soziales haben. Auf dem schnell wachsenden Markt für nachhaltige Finanzierungen wird bereits heute ein Umsatz in Milliardenhöhe erzielt – und die Potenziale sind noch nicht ausgeschöpft. Mit den Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen (UN), den Pariser Klimazielen und dem „Green Deal“ der EU-Kommission für ein klimaneutrales Europa bis 2050 ist das Thema Sustainable Finance auf der Prioritätenliste von Banken, Asset Manager und Versicherungen weit nach oben gerückt. Die Zeit drängt, der Investitionsbedarf ist enorm.

Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, sollten  Strategien zeitnah an den Kriterien für Nachhaltigkeit (Environmental, Social, Governance – ESG) ausgerichtet werden. Denn Sustainable Finance beeinflusst alle Bereiche der Finanzindustrie – vom Kunden über passende Produkte bis hin zur notwendigen Neuausrichtung bankinterner Strategien und Prozesse. Das gesamte Finanzsystem steht vor einem fundamentalen Wandel – wer sich jetzt nicht dafür wappnet, läuft Gefahr, seine Licence to operate zu verlieren und für den Kunden irrelevant zu werden.

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Kapitel 1

Wie Banken zu Katalysatoren des Strukturwandels werden

Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt an Dynamik. Die Finanzbranche kann den Umbau der Wirtschaft vorantreiben.

Im Dezember 2015 verpflichteten sich 195 Staaten weltweit mit dem Pariser Klimaschutzabkommen, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau auf deutlich unter zwei Grad Celsius, idealerweise auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Um dieses Ziel zu erreichen, will Europa bis 2050 mithilfe des „Green Deal“ zum ersten klimaneutralen Kontinent werden. Nach Schätzungen der EU-Kommission besteht in der EU in den kommenden zehn Jahren eine jährliche Investitionslücke von 180 Milliarden bis 250 Milliarden Euro zur Finanzierung des Übergangs hin zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft und Produktion.

Der Aktionsplan der EU-Kommission zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums soll die notwendigen Kapitalströme in nachhaltige Projekte lenken und die Transparenz in diesem Wachstumsmarkt erhöhen. Die von Gesetzgebern und Regulatoren geforderte Lenkung der Finanzströme stellt eine Chance für Banken dar: Sie können als Katalysatoren des Wandels fungieren und zusätzliches Ertragspotenzial generieren.

Banken als Treiber der Transformation

Banken stehen vor der Herausforderung, den tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel, den die derzeitige Corona-Krise noch weiter vorantreibt, verantwortungsvoll zu begleiten. Sie können einen wesentlichen Beitrag zu dem erforderlichen Strukturwandel der Realwirtschaft und zur Erreichung der Pariser Klimaziele leisten, indem sie sich zeitnah im Markt für Green Finance positionieren und den Kapitalströmen die Gelegenheit geben, dorthin zu gelangen, wo sie einen positiven Impact im Sinne der ESG-Kriterien haben.

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Kapitel 2

Greenwashing vermeiden: Warum grüne Standards wichtig sind

Einheitliche Rahmenbedingungen und Standards haben eine wesentliche Bedeutung für eine erfolgreiche nachhaltige Transformation.

Initiativen von Regulierern und Gesetzgebern weltweit bieten erste Orientierungshilfen im Bereich Sustainable Finance. Bei zahlreichen Regelungen handelt es sich bislang um Rahmenverordnungen, die noch durch weitere Rechtsakte konkretisiert werden.

Das EU-Klassifizierungssystem (Taxonomie) für grüne Investments, das Merkblatt der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken und die Verordnung über nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im Finanzdienstleistungssektor sind wichtige Meilensteine für den erfolgreichen Ausbau eines nachhaltigen Finanzsystems.

Einheitliche Definitionen und Klassifizierungen von „grün“ und „nachhaltig“ schaffen Vertrauen und Transparenz am Kapitalmarkt, indem sie ein Greenwashing von Unternehmen verhindern. Akzeptierte Standardisierungsverfahren wie der EU Green Bond-Standard und Label sorgen außerdem für Effizienz und tragen dazu bei, dass Transaktionskosten reduziert werden.

Zusätzliche Anreize zur Realisierung eines nachhaltigen Finanzsystems können auch Instrumente wie ein „Green Supporting Factor“ liefern. Die Voraussetzung für Eigenkapitalerleichterungen bei der Vergabe grüner Kredite ist aber eine Verbesserung der Datennutzung und Methoden zum Management von Nachhaltigkeitsrisiken.

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Kapitel 3

Wie sich ESG-Kriterien in das Risikomanagement integrieren lassen

Der Klimawandel bringt nicht nur Chancen, sondern auch neue Risiken für Banken.

Das Thema Nachhaltigkeit beeinflusst direkt oder indirekt sämtliche Risikokategorien der Finanzbranche. Banken müssen eine Bandbreite neuer physischer und transitorischer Risiken identifizieren und angemessen bewerten. Dieser Vorgang ist hoch komplex und erfordert moderne Methoden der Datenaggregation und -analyse. Für die Bewertung künftiger Risiken und Entwicklungen ist bislang kaum Datenmaterial vorhanden.

EY Global Risk Survey 2020

52 %

der Banken erwarten, dass sich Umwelt- und Klimaveränderungen in den nächsten fünf Jahren zu wesentlichen Risiken für die Branche entwickeln werden, gegenüber 37 % ein Jahr zuvor.

Der „EY/IIF Global Risk Survey“ zeigt, dass geopolitische und klimabedingte Risiken zwei der zehn größten Risiken sind, welche die Branche im nächsten Jahrzehnt bewältigen muss. Die Risikountersuchung ergab zudem, dass ESG-Kriterien, die zur Messung der Nachhaltigkeit und der ethischen Auswirkungen einer Investition in ein Unternehmen verwendet werden, weit oben auf der Agenda der Geldhäuser stehen.

Nachhaltigkeitsrisiken verändern zudem die Kriterien für die Kreditvergabe und damit auch die Beziehung zum Kunden. Banken müssen künftig prüfen, ob ein Kunde transitorischen oder physischen Risiken ausgesetzt ist und wie dadurch banktypische Risiken beeinflusst werden. Zudem werden Finanzdienstleister von Regulatoren aufgefordert, neue Kreditvergabeverfahren für grüne Finanzierungen zu entwickeln.

Das BaFin-Merkblatt gibt vor, wie sich ESG-Risiken im Risikomanagement sowie in der Strategie und Gesamtorganisation angemessen berücksichtigen lassen. Die europäische Bankenaufsicht EBA will außerdem bis 2025 ESG-Kriterien in der aufsichtlichen Überprüfung und Bewertung von Banken (SREP) verankern.

Die klimatischen und gesellschaftlichen Veränderungen werden dazu führen, dass die Sicherheiten von Banken neu bewertet werden müssen, weil sie durch diese Entwicklungen potenziell an Wert verlieren. Je früher sich Banken damit beschäftigen, desto besser sind sie auf den Wandel vorbereitet und desto stabiler ist ihr System.

Nachhaltigkeitsrisiken erfolgreich managen

Um den neuen Anforderungen an das Risikomanagement gerecht zu werden, sollten entsprechende Risikobetrachtungen fortan in die Risikosteuerung nach MaRisk (Mindestanforderungen an das Risikomanagement) etwa in Form von Stresstests einfließen. Zudem benötigen Banken neue Verantwortlichkeiten auf der Ebene der Leitungsgremien, eine transparente Berichterstattung an die Aktionäre, reduzierte Silostrukturen sowie eine umfassende Neuausrichtung von Prozessen und Kontrollfunktionen zur Einhaltung regulatorischer Anforderungen.

Die Vorschläge des Beirates für Sustainable Finance der Bundesregierung zur Weiterentwicklung des Risikomanagements, einer verbesserten Datengrundlage und besseren Produktlabeln dürften das Thema Sustainable Finance in Deutschland zudem vorantreiben.

Bislang zielen die EU-Regulierungsinitiativen wesentlich auf das Asset Management und die Finanzierung großer Projekte ab. Es ist zu erwarten, dass die Vorschläge noch um weiter gehende Regelungen für Deutschland, etwa zur Kreditfinanzierung mittelständischer Firmen, ergänzt werden.

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Kapitel 4

Wie Banken ihre Nachhaltigkeitsstrategie bestimmen können

Eine klare Strategie für Sustainable Finance ermöglicht es Banken, ESG-Kriterien in sämtliche Prozesse, Strukturen und Produkte zu integrieren.

Im Rahmen einer Nachhaltigkeitsstrategie sollten Banken sich etwa auf bestimmte Branchen, Regionen oder Zielkundengruppen fokussieren. Ferner gilt es, den CO2-Abdruck von Kreditnehmern und Vermögenswerten zu definieren und limitieren.

Sustainable Finance: Ansatzpunkte einer strategischen Positionierung

  • Angebote auf den Prüfstand stellen: Finanzdienstleister sollten eine Bestandsaufnahme und Analyse aller Produkte, Kundengruppen und Segmente vornehmen. Elemente, die nicht den ESG-Kriterien entsprechen, sollten konsequent aus dem Portfolio entfernt oder aufgrund ihrer wachsenden Risiken höher bepreist werden.

  • Kreditvergabe und -portfoliomanagement anpassen: Wertschwankungen bei den Sicherheiten sollten frühzeitig identifiziert und gemanagt werden. Haben Banken Objekte finanziert, die beispielsweise hochwasser- oder sturmgefährdet sind, sollten diese Kreditengagements regelmäßig bewertet werden.

  • Grüne Produkte und Dienstleistungen entwickeln: Banken sollten neue nachhaltige Produkte und Dienstleistungen entwickeln. Diese Innovationen sollten sie aktiv nach außen kommunizieren, denn eine erhöhte Transparenz sorgt für Vertrauen bei Investoren und stärkt die Kundenbindung.

  • CO2-Exposures und -Effizienz ermitteln: Um klimatische Entwicklungen und Risiken besser bewerten zu können, werden zusätzliche Datenmengen benötigt. Diese können mithilfe innovativer Technologien aggregiert und für komplexe Szenarien und Analysen verwendet werden. Durch vorausschauende Szenarien und Modellrechnungen können Klimaereignisse und deren Auswirkungen auf Kreditnehmer und das eigene Haus abgebildet werden.

  • Innovative Risikomodelle erfordern neue Expertise: Neu zu bewertende Nachhaltigkeitsrisiken erfordern zusätzliche Kompetenzen im Risikomanagement. Transitorische und physikalische Risiken beziehen sich auf Veränderungen der Umwelt, aber auch auf Veränderungen von Technologien sowie des politischen und gesellschaftlichen Umfelds. Neben finanzwirtschaftlichen Kompetenzen sollten künftig auch naturwissenschaftliche oder gesellschaftspolitische Expertisen in die Risikobewertung miteinbezogen werden. Die Einbeziehung neu gewichteter Parameter führt zu Veränderungen bei den Risikomodellen.

  • Neue Governance-Strukturen einführen: Der Druck von außen durch Stakeholder auf Banken steigt, entsprechend der ESG-Kriterien nachhaltig zu investieren und zu handeln. Interne Governance-Strukturen sorgen für klare Verantwortlichkeiten und Transparenz innerhalb der Wertschöpfungsketten, an denen eine Bank gemessen werden kann. Eine klare Standortbestimmung und authentische Belege für integres Handeln steigern die Glaubwürdigkeit der Bank.
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Kapitel 5

Wie Banken durch Nachhaltigkeit langfristig wachsen können

Eine klare strategische Positionierung verschafft Banken einen Wettbewerbsvorteil in dem schnell wachsenden Markt für Green Finance.

Eine Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit im Sinne von Sustainable Finance ist für Banken unausweichlich. Am Anfang steht dabei eine klare strategische Positionierung. Auf Basis dieser Ziele sollten anschließend die internen Governance-Strukturen neu ausgerichtet und das Risikomanagement mit innovativen Methoden und Kennzahlen gesteuert werden. Alle Produkte und Dienstleistungen sollten künftig die Aspekte aus ESG beinhalten. 

Banken sollten sich aktiv mit der Finanzierung nachhaltiger Investments auseinandersetzen. Ohne ein nachhaltiges Geschäftsmodell könnten sie ihre „Licence to operate“ verlieren.

Mit Sustainable Finance können Banken den tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel als Intermediäre verantwortungsvoll begleiten. Sie können einen wesentlichen Beitrag zu einer nachhaltigen Transformation der Realwirtschaft und Erreichung der Pariser Klimaziele leisten, indem sie geeignete Produkte und Finanzmittel für die Transformation bereitstellen und den Kapitalströmen die Gelegenheit geben, dorthin zu gelangen, wo sie einen positiven Impact haben.

Fazit

Sustainable Finance entwickelt sich zunehmend zum Megathema für die Finanzindustrie. Entscheidende Impulse dafür liefern der gesellschaftliche Wertewandel sowie internationale Initiativen von Gesetzgebern und Regulatoren. Banken können ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, indem sie sich frühzeitig in dem rasch wachsenden Markt für nachhaltige Finanzierungen positionieren und ihre Geschäftsmodelle konsequent an den Kriterien für Nachhaltigkeit (Environmental, Social, Governance – ESG) ausrichten.

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Max Weber

Verantwortlicher Partner Financial Services Risk Management | Deutschland

Trägt als verantwortlicher Partner für das Financial Services Risk Management seine Rolle als gefragter Berater schon im Jobtitel. Ist Moderator, Autor und lebt mit seiner Familie in Stuttgart.

Robert E. Bopp

Director Financial Services, Sustainable Finance | Deutschland

Erfahrener Prüfer und Berater von Banken und Finanzdienstleistern. Berät Finanzmarktakteure auch zur Bedeutung des Klimawandels. Referent und Autor. Lebt mit seiner Familie in der Nähe von Stuttgart.