5 Minuten Lesezeit 9 September 2021
Bergsee beim Sonnenuntergang

Warum Nachhaltigkeitsdaten das neue Platin sind

Von Matthias Schmusch

Partner, Strategy & Transactions | Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Matthias Schmusch ist Partner und Leiter des Teams “Valuation, Modeling & Economics“ am Standort Frankfurt/Eschborn.

5 Minuten Lesezeit 9 September 2021

Die sich fortwährend ändernden Klimaschutzziele stellen Unternehmen vor große Herausforderungen. Eine ESG-Datenstrategie kann dabei helfen.

Überblick
  • Der Faktor Nachhaltigkeit wird in der finanziellen Bewertung von Unternehmen zukünftig eine wichtige Rolle spielen.
  • ESG-Steuerungssysteme erschließen nicht nur nachhaltige Daten, sondern haben auch wirtschaftliche und geschäftspolitische Vorteile.
  • Nur wer mit seinen Nachhaltigkeitszahlen glänzen kann, wird zukünftig noch attraktiv für den Kapitalmarkt sein.

Die europäische und nationale Politik setzt herausfordernde Klimaschutzziele. Durch entsprechende Standards und insbesondere durch die Bepreisung von CO2-Emissionen wirkt sich die Umweltleistung der unternehmerischen Aktivitäten signifikant auf Rentabilität und Marktrisiken aus. Regelungen zu weiteren ESG-Kriterien (Environmental, Social and Governance; dt.: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) werden nachziehen.

Daten sind das neue Gold, Nachhaltigkeitsdaten das neue Platin

Diese aktuellen Entwicklungen können in der Tat den Schluss nahelegen, dass unternehmensbezogene Nachhaltigkeitsdaten das neue „Platin“ sind – und in diesem Sinne den Unternehmenserfolg signifikant beeinflussen. Die Umsetzung einer nachhaltigkeitsbezogenen Datenstrategie wollen wir vor dem Hintergrund von vier Thesen diskutieren:

  • Die Nachhaltigkeit von Geschäftsmodellen mit ESG-Zielen wird zu einem Faktor in der finanziellen Bewertung von Unternehmen. Und zwar einem Faktor, der den für die Unternehmensbewertung relevanten Cash-Flow-Prognosen gleichgestellt wird.
  • Die Messung und Erhebung der dafür notwendigen Daten gestaltet sich heute jedoch komplexer und aufwändiger als dies für die rein finanziellen Treiber der Fall ist.
  • Aufgrund dieser Zusammenhänge besteht für Unternehmen faktisch eine unbedingte Notwendigkeit, in die Datenerhebung zu investieren, um zu aussagekräftigen „real-time“ Daten zu gelangen.
  • „Greenfield“-Methoden des Datenmanagements, also ein grundlegender Neuaufbau einer Infrastruktur von Nachhaltigkeitsdaten, schaffen die notwendige Transparenz und nutzen gleichzeitig die existierenden Enterprise-Resource-Planning-Systeme.

CO2-Emissionen und ESG-Kennzahlen werden also zu wichtigen Steuerungsgrößen, die auch bei Investitionen und im operativen Management berücksichtigt werden sollten. Zudem müssen sich Unternehmen auf deutlich steigende Berichtspflichten zu klimabezogenen Kennzahlen im Rahmen der Sustainable-Finance-Regulierung einstellen.

Damit einhergehend wird auch die Attraktivität des Unternehmens am Kapitalmarkt deutlich beeinflusst. So zeigt beispielsweise die aktuelle Investorensurvey für die Immobilienwirtschaft von EY, dass 91 Prozent der institutionellen Investoren am Kapitalmarkt Wert auf nachhaltige Portfolien legen und dementsprechend ESG-Kriterien bei der Evaluation anlegen.

Attraktivität für Investoren

91 %

der institutionellen Kapitalmarkt-Investoren im Immobiliensektor legen Wert auf nachhaltige Portfolien.

Klimabezogene Themen und insbesondere die Klimabilanz stehen hier klar im Vordergrund. Ganz zentral setzt das eine klare Erfassung und Steuerung der CO2-Emissionen voraus.

Neben der regulatorisch bedingten Notwendigkeit („Compliance“) eines ESG-Steuerungssystems eröffnet die systematische Datenerfassung aber auch handfeste geschäftspolitische Vorteile:

  • Es können Bereiche identifiziert werden, in denen es Einsparungspotenziale beim Energieverbrauch und der Abfallproduktion gibt  und so entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden, die zur Senkung von Produktionskosten und Effizienzsteigerung beitragen.
  • Neue Geschäftsfelder werden erschlossen, beispielsweise durch Partnerschaften auf Basis gemeinsamer Datennutzung.
  • Eine verbesserte Transparenz in der Lieferkette ermöglicht es, Kostensenkungspotenziale und Gelegenheiten zur Effizienzsteigerung zu identifizieren.
  • Verbesserte ESG-Ratings können zu Vorteilen bei Finanzierungskonditionen beitragen sowie Markenimage und Kundenloyalität befeuern.
  • Schlussendlich steigt die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgeber im zunehmend anspruchsvoller werdenden „War for Talent“.

Der CO2-Ausstoß ist somit ein auch wesentliches Kriterium für Investitionsentscheidungen geworden.

Die CO2-Performance der unternehmerischen Aktivitäten wird bislang, wenn überhaupt, nur eingeschränkt gemessen. Vielen Unternehmen fehlt die notwendige Transparenz der Quellen. Dennoch fallen regelmäßig externe Berichte an. Diese werden überwiegend jährlich, retrograd und im Rahmen aufwändiger und fehleranfälliger Prozesse manuell aufgestellt. Es mangelt an Effizienz und Robustheit bei der Datenerhebung. Eine strukturierte Nachverfolgung und ein aktives Management der Entwicklung der Portfolio-Emissionen sind so nur eingeschränkt möglich.

Wie kann Technologie hierbei helfen?

Professionelle Systeme bauen auf einer digitalen Plattform auf, welche das „Sustainability Performance Management“ wirkungsvoll unterstützt. Die Plattform ist in der Lage, ESG-Daten aufzunehmen, Modellierungen und Berechnungen vorzunehmen und aussagekräftige Visualisierungen zu liefern. Dies erfolgt für eine Vielzahl ESG-relevanter Key Performance Indicators (KPIs, dt. Leistungskennzahlen), von der Reduktion des Wasserverbrauchs bis zur Beschaffung nachhaltiger Rohstoffe.

Professionelle Systeme bauen auf einer digitalen Plattform auf, welche das „Sustainability Performance Management“ wirkungsvoll unterstützt. Die Plattform ist in der Lage, ESG-Daten aufzunehmen, Modellierungen und Berechnungen vorzunehmen und aussagekräftige Visualisierungen zu liefern.

Entsprechende Systeme können als cloudbasierte Managed Services aufgesetzt werden, die, unterstützt von künstlicher Intelligenz, sichere, vertrauenswürdige und nachvollziehbare Daten liefern. Gerade die verlässliche Nachvollziehbarkeit der Daten im Sinne eines „Audit Trail“ stellt eine der Kernanforderungen aus Sicht eines professionellen ESG-Reportings dar.

Der Aufbau eines datengestützten ESG-Managementsystems kann exemplarisch in die drei Segmente Datensammlung, ESG-Monitoring und Performance Management eingeteilt werden:

1.       Datensammlung: Die Quelle der Daten ist naturgemäß dezentral. Auf Basis einheitlicher Kriterien werden vor Ort Kenndaten für folgende Einzelbereiche erhoben:

  • Produktion und Produktionsmanagement
  • Gebäudemanagement
  • Abfallmanagement
  • Lieferketten

Über einen Daten-Integrationslayer werden die Daten in einer Speicherlösung verfügbar gemacht. In die Speicherlösung fließen ferner Werte zum Anlagenbestand und der Energieversorgung, sowie Informationen zu Standards, Benchmarks und KPIs ein.

2.       ESG-Monitoring: Der Daten-Integrationslayer wird für ein effizientes ESG-Monitoring mit einem Daten-Manipulations-, -Transformations-, und -Normalisierungslayer verbunden. Dieser speist seinerseits eine Modellierungs-Engine, welche die Daten für das ESG-Accountingsystem aufbereitet und über eine Exportschnittstelle zugänglich macht.

3.       Performance Management: Das ESG-Performance-Management-System greift auf die Daten des ESG-Accountingsystems zu und visualisiert über eine Reporting-Engine die Berichte, die für ein schlagkräftiges Performance Management benötigt werden. Hierzu zählen beispielsweise folgende Auswertungen:

  • KPI-Bewegungs-Dashboards
  • Globale und lokale Berichte
  • Aktionspläne für Emissionsreduktion
  • Risk- & Opportunity-Analysen
  • Impact Assessments
  • United Nations Sustainable Development GoalsReportings

Ausgangspunkt der Implementierung eines solchen ESG-Managementsystems ist es, Klarheit über die Ziele des Datenmanagements zu schaffen. Die Anforderungen an die gewünschten Analysen müssen im Vorfeld klar artikuliert werden. Hier schafft ein Blick auf „Best Practices“ der jeweiligen Branche erhebliche Erleichterungen.

Der Anwender muss sich jedoch bewusst sein, dass die sachgerechte Implementierung einer solchen Softwarelösung das bei weitem größere Thema darstellt. Von der Definition der Regeln über die Auswahl anzuwendender Normen bis zur Implementierung der Governance-Prozesse ist ein weiter Weg zu gehen, der professionell begleitet werden sollte. 

Im zweiten Schritt sind eine Implementierungsstrategie zu definieren und ein dezidierter Plan für den Rollout zu entwerfen. Von nahezu allen großen Technologiefirmen sind Softwarelösungen für das ESG-Management verfügbar. Diese versprechen multifunktionale Anwenderfreundlichkeit und eine schier unerschöpfliche Anzahl von Analysemöglichkeiten. Der Anwender muss sich jedoch bewusst sein, dass die sachgerechte Implementierung einer solchen Softwarelösung das bei weitem größere Thema darstellt. Von der Definition der Regeln über die Auswahl anzuwendender Normen bis zur Implementierung der Governance-Prozesse ist ein weiter Weg zu gehen, der professionell begleitet werden sollte. Die eingangs dargestellten Vorteile eines solchen Systems wiegen die Mühen der Implementierung jedoch zweifellos auf und der Weg zu mehr Nachhaltigkeit wird entsprechend zur „Win-Win-Situation“ für die betroffenen Stakeholder.

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Fazit

CO2-Emissionen und ESG-Kennzahlen werden künftig zu wichtigen Steuerungsgrößen in der Klimapolitik. Unternehmen müssen damit rechnen, klimabezogene Kennzahlen im Rahmen der Berichtspflicht bereitzustellen und so einhergehend auch in das operative Management zu investieren. Die Klimabilanz von Firmen wird in Zukunft eindeutig mit im Vordergrund stehen und so auch die Attraktivität auf dem Kapitalmarkt beeinflussen. Bei der Datenerfassung können Technologien wie ESG-Steuerungssysteme Unternehmen dabei unterstützen.

Über diesen Artikel

Von Matthias Schmusch

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Matthias Schmusch ist Partner und Leiter des Teams “Valuation, Modeling & Economics“ am Standort Frankfurt/Eschborn.