5 Minuten Lesezeit 27 August 2019
Vater und Tochter im Familienunternehmen

Wie Familienunternehmen den digitalen Wandel meistern können

Von

Christian Reiter

Partner, Familienunternehmen und Private Client Services | Deutschland

Begleitet mit seinem erfahrenen Team mittelständische Unternehmen vor allem bei Steuer- und Prozessfragen bei der Implementierung von Transformationsvorgängen im betrieblichen (digitalen) Umfeld.

5 Minuten Lesezeit 27 August 2019

Deutschlands Mittelstand muss sich jetzt den neuen technologischen Möglichkeiten öffnen, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.

„Ping“. Das typische Signal für eine neue digitale Nachricht läutete vor zwanzig Jahren eine neue Ära ein. Damals hatte kaum ein Familienunternehmen die Antennen auf digitale Frequenzen ausgerichtet. Das hat sich bis heute nicht grundlegend geändert. Statt auf digitale Cloud-Systeme und automatisierte Unternehmensabläufe zu bauen, setzen zu viele Firmenchefs immer noch auf traditionelle Datenerfassung und eine bewährte Abwicklung von Kundenaufträgen.

Laut unserer Studie „Digitalisierung von Familienunternehmen“ haben nur etwa 19 Prozent der Unternehmen die digitale Implementierung bereits umgesetzt (Saam et al. 2017). Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass 81 Prozent der Unternehmen digital noch nicht auf dem neuesten Stand sind.  Dabei ist der digitale Wandel längst kein Phänomen der Zukunft mehr. Im Gegenteil: Deutschlands wirtschaftliches Rückgrat läuft gerade Gefahr, den Anschluss zu verpassen. Um dies zu verhindern, müssen die Kernwerte des Mittelstands – Tradition und organisches Wachstum – an die Digitalisierung angepasst werden.

Schritt 1: Gründliche Diagnose

Der Weg in die Digitalisierung bedeutet mehr als nur technisches Umdenken. Es geht darum, sein Unternehmen für die nächsten Generationen aufzustellen. Der erste Schritt ist daher eine unternehmerische Inventur:

  • Sind die Prozesse im Unternehmen für den digitalen Wandel geeignet?
  • Ist die IT personell und technisch in der Lage, diese strategischen Ziele umzusetzen?
  • Wie tragfähig ist das bisherige Geschäftsmodell?
  • Was sind die zentralen Parameter des zukünftigen digitalen Geschäftsmodells?
  • Wie wird es Umsatz generieren?

Selbst wenn nur eine einzige Frage mit „nein“ beziehungsweise „unsicher“ beantwortet wird, muss gehandelt werden – und zwar auf der Chefetage bei den CEOs, CFOs und CTOs.

Schritt 2: Die Wahl des richtigen Modells

1. Modell: „Eigentümer/CEO“

Es geht um die alteingesessene Buchhandlung vom Großvater, den gut ausgestatteten Kartenspezialisten oder örtlichen Fotografen in vierter Generation. Alle sind im Umland bekannt – aber nicht darüber hinaus. Unsere Prognose lautet: Die Geschäftsmodelle dieser klassischen Handelsunternehmen bleiben nicht tragfähig. Dafür ist die digitale Konkurrenz zu groß. Das Kernprodukt muss folglich anders vertrieben werden. Vor Ort sein ist gut, aber ein zusätzliches digitales Geschäftsmodell ist wichtig. Das Produktportfolio wird angepasst, Investitionen in Hard- und Software sowie Mitarbeiterschulungen und neue Mitarbeiter sind unumgänglich.

2. Modell: „CFO“

Im verarbeitenden Gewerbe werden besonders häufig bereits einzelne Unternehmensprozesse digitalisiert, während parallel die digitale Infrastruktur modernisiert wird. Jedoch: Einzelne Digitalisierungsschritte sind nicht schnell genug. Die Gefahr ist, dass die Technologien oder die Datensätze (Stichwort: Big Data) veraltet sind, bevor die erste Datenanalyse gestartet werden kann.

Da die Änderungen auf tragfähigen Prozessen basieren, gibt es intern wie extern weniger Widerstände. Das schafft die Möglichkeit, ein stabileres Geschäftswesen aufzubauen. Doch der Wandel vollzieht sich bislang langsam, das Modell ist noch zu wenig erprobt und in Krisenzeiten womöglich nicht flexibel oder schnell genug.

3. Modell: „CTO“

Der stärkste Treiber für Investitionen sind neu verfügbare Technologien. Mit digitaler Technik können Produkte um zusätzliche Funktionen ergänzt, und neue Produkte entwickelt werden. Doch Technologie ist nicht alles. Was, wenn „am Kunden vorbei“ entwickelt wird?

Eine effektive Alternative ist die konsequente Nutzerzentrierung (Design Thinking). Hier ist die Ausgangsfrage: Welchen Schmerzpunkt beim Kunden will ich mit dem neuen Produkt ansprechen? Erst im zweiten Schritt kommt die Frage: Welchen sinnvollen Beitrag leistet hierzu meine neue Technologie? Der wichtigste Aspekt ist hierbei nicht die Kenntnis der Technologie, sondern das tiefe Verständnis der Kunden und ihrer Bedürfnisse.

Dafür muss die Produktentwicklung mit den Daten aus den Kundenschnittstellen verzahnt werden, ohne dabei an Agilität und Geschwindigkeit zu verlieren. Durch dieses Vorgehen können Unternehmen das Risiko verringern, dass ihre Kunden neue Produkte ablehnen. Wenn die konsequente Nutzerzentrierung digital implementiert wird, beschleunigt das die Digitalisierung des eigenen Geschäfts enorm.

Digitalisierung jetzt angehen, um in nächster Generation zu bestehen

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, damit Familienunternehmen ihre bestehenden und bisher noch bewährten Geschäftsmodelle an die neuen Herausforderungen anzupassen. Die Zeit drängt: Denn nur die Unternehmen, die sich ohne Verzögerung digital transformieren, können den Anschluss halten und im Wettbewerb der Zukunft bestehen. 

Fazit

Deutschlands wirtschaftliches Rückgrat ist gefährdet. Nur 19 Prozent der deutschen Familienunternehmer sind digital aufgestellt. Noch ist es nicht zu spät: Wer jetzt die nötige Transformation in die Wege leitet, kann aufholen und am Markt bestehen bleiben.

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Christian Reiter

Partner, Familienunternehmen und Private Client Services | Deutschland

Begleitet mit seinem erfahrenen Team mittelständische Unternehmen vor allem bei Steuer- und Prozessfragen bei der Implementierung von Transformationsvorgängen im betrieblichen (digitalen) Umfeld.