6 Minuten Lesezeit 8 April 2019
Ärztin betrachtet MRT Bilder

Big Pharma war gestern – jetzt zählt Big Data.

Von

Julie Teigland

EY EMEIA Area Managing Partner I EY Global Leader – Women. Fast forward

Sieht die transformative Kraft von Digitalisierung und Innovation als Chance, nachhaltiges integratives Wachstum sicherzustellen. Leidenschaftliche Fürsprecherin in Fragen der Gleichstellung.

6 Minuten Lesezeit 8 April 2019

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Die Gesundheitsbranche steht vor einer gewaltigen Transformation: Riesige Datenmengen und neue Plattformen ebnen den Weg zu Life Sciences 4.0.

Im Einzelhandel erleben wir schon seit mehr als zehn Jahren einen massiven Wandel und  beobachten derzeit, wie sich Mobilität und Logistik neun erfinden. Jetzt deutet sich an, dass die Life Sciences die nächste große Branche werden könnten, die auf ähnliche Art erschüttert wird. Tech-Firmen treiben auch hier den radikalen Wandel voran, alteingesessene Unternehmen werden neue Regeln lernen müssen, wenn sie ihre Zukunft nicht aufs Spiel setzen wollen.

Neue Player treiben neue Technologien voran

Tech-Giganten investieren große Summen in neue Life-Sciences-Lösungen, die weit über die derzeit verfügbaren Fitness-Dienstleistungen wie Schlaf-Tracking oder Schrittzähler hinausgehen: Apple stattet seine Smartphones und Smartwatches mit Sensoren aus, die den Blutdruck messen. Googles Mutterkonzern Alphabet hat Tochterfirmen gegründet, die sich mit einer großen Bandbreite an chronischen Krankheiten beschäftigen, darunter Onduo für Diabetes oder Verb Surgical zur Arbeit in smarten Operationssälen.

Auch Amazon, Alibaba und viele weitere aufstrebende Tech-Player beschäftigen sich mit dem Thema Bioelektronik in der Medizin.

Der Knackpunkt ist jedoch: Obwohl einige dieser Start-ups aktuell einen First-Mover-Vorteil besitzen, ist es auch für sie wichtig, ihre Ideen an die Kundenbedürfnisse anzupassen. Ein Weg dorthin ist die Einbindung wichtiger Stakeholder wie Patienten, Ärzte und Versicherer. Der Markt bietet enorme Potentiale, um unterschiedliche Interessen zusammen zu führen. Wir sehen das beispielsweise in den USA am Kauf der Krankenversicherung Aetna durch die Drogerie- und Apothekenkette CVS.

Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient wird noch individueller

Diese grundlegenden Veränderungen werden auch durch ein neues Arzt-Patient-Verhältnis geprägt. Früher mag der Gang zum Doktor leicht erschienen sein, aber er brachte großen Aufwand mit sich und versursachte hohe Kosten: Der Arzt wurde aufgesucht und hat mit hoher Wahrscheinlichkeit Medikamente verschrieben. Viel zu oft lag zwischen Diagnose und Genesung Herumraten und Ineffizienz – von der noch komplexeren Einbindung weiterer Akteure wie Apotheken und Spezialisten gar nicht zu sprechen.

Heutzutage läuft der Prozess anders ab: Patienten informieren sich (im Guten wie im Schlechten) über mögliche Diagnosen im Internet, ihre Handys und Uhren sammeln Gesundheitsdaten, die öffentliche Verwaltung behält mit moderner IT die Kosten der Behandlungsmethoden der Krankenversicherungen im Blick und Life Sciences Unternehmen entwickeln neue Behandlungswege auf Basis von Forschung und Entwicklungsstudien in ihren Datenbanken. All diese Daten zusammenzubringen wird nicht nur das Gesundheitswesen verbessern und Kosten reduzieren. Es kann auch den Konsumenten und Patienten helfen, indem Krankheiten vermieden werden. Zudem entstehen für Unternehmen der Branche neue Geschäftsfelder.

Auf dem Weg zu datenbasierten Lösungen

Schon heute wissen wir, dass die Life Sciences in Zukunft von ergebnisorientierten, personalisierten und datenbasierten Arbeitsweisen geprägt sein werden – basierend auf gemeinsamen Werten aller Beteiligten. Blockbuster-Medikamente werden nicht mehr im Mittelpunkt stehen, stattdessen geht es um ganzheitliche Ansätze, die den größten Nutzen für viele Beteiligte zusammenführen. Eine solche Zukunft zwingt aber die bestehenden Life-Sciences-Unternehmen, ihre Strategien grundlegend zu überdenken.

Wir haben solche Veränderungen in anderen Branchen gesehen und erwarten sie auch für das Gesundheitswesen. Laut dem jüngsten EY Life Science 4.0 Report werden bis zu 75 Prozent der aktuell 500 größten Pharma-Unternehmen schon in fünf Jahren nicht mehr zu dieser Gruppe zählen. Erfolgreiche Unternehmen werden in Zukunft ihre derzeitigen Nischen verlassen und sie durch Pflege-Plattformen ersetzen. Der Erfolg vieler etablierter Firmen wird von ihrer Fähigkeit abhängen, solche Plattformen aufzubauen und dabei die Potentiale zu heben, die sich durch das Zusammenführen, Kombinieren und Teilen von Daten ergeben.

Diese Veränderungen werden nicht nur von bisherigen Life-Science-Unternehmen geprägt. Tech-Firmen werden schnell in bestehende Lücken stoßen.

Life Sciences 4.0

In denjenigen Firmen, die künftig die „Life Sciences 4.0“ prägen wollen, resultieren daraus neue Anforderungen an die Mitarbeiter, darunter der Umgang mit Endkunden, die Personalisierung von Behandlungsmethoden und die Verarbeitung noch komplexerer Daten als bisher. Es entsteht eine Branche, die datengetrieben und plattformbasiert arbeitet und sich nicht mehr vor allem auf gängige Arzneimittel und Inside-Out-Geschäftsmodelle konzentriert. Erfolgreiche Player müssen noch stärker als bisher ergebnisorientiert arbeiten, jeweils mit einem individuellen Abnehmer vor Augen – darunter Firmen und Patienten, die Gesundheitsdaten in Realtime sammeln, kombinieren und teilen. Zugegeben, Life-Sciences-Unternehmen waren für solche Veränderungen in der Vergangenheit nicht gerade bekannt. Aber die Veränderungen werden für sie entscheidend sein. Und sie können diese Aufgaben nicht alleine lösen.

Vier Geschäftsmodelle, die sich verändern

Unternehmensaufkäufe, Beteiligungen und neue Kooperationen werden für Partner mit gemeinsamen Zielen und gewünschten Ergebnissen immer wichtiger. Wir erleben bereits, wie Tech-Giganten in den Life-Sciences-Markt drängen und durch Zusammenschlüsse versuchen, einzelne Elemente in die Wertschöpfungskette zu integrieren. Wir sehen einen Trend hin zu einem „superfluiden Gesundheitsmarkt”. Das heißt auch, dass sich die vier wesentlichen Geschäftsmodelle der Branche verändern werden.

  • Innovationstreiber verlangen aktuell hohe Preise für wegweisende neue Produkte und werden lernen müssen, wie sie ihre Kerngeschäftsfelder um digitale Angebote ergänzen. Durch externe Kooperationen erhalten sie zudem Zugang zu neu entstehenden Fachgebieten und Dienstleistungen.

  • Disease Manager, die bisher gut funktionierende Lösungen im Umgang mit chronischen Krankheiten anbieten, werden lernen, wie sie ihr Angebot abhängig von individuellen Bedürfnissen personalisieren können. Diese Firmen werden schwerpunktmäßig auch Problemstellungen der Verhaltensökonomie ihrer Kunden lösen.

  • Effiziente Produzenten, die bisher erschwingliche und verlässliche Produkte hergestellt haben, werden Bedarfsanalysen verbessern müssen, um so ihr Bestandsmanagement zu verbessern und eine effizientere Lieferkette sicherzustellen.

  • Lifestyle Manager, die sich bisher auf den Erhalt eines holistischen Gesundheitsbilds ihrer Kunden konzentriert haben, werden sich am schnellsten umstellen müssen. Sie müssen lernen, mit welchen Systemen sie die ständige Interaktion mit den Kunden sicherstellen.

Plattformen erlauben es Life Sciences Unternehmen in Zukunft, gemeinsam mit verschiedenen Stakeholdern auf Basis geteilter Wertvorstellungen zu handeln. Dabei werden medizinische, ökonomische und humanistische Ziele wie Gesundheit, Kosten und Lebensqualität zusammengeführt.

Plattformen sind die Zukunft

Der Weg in die Zukunft des Life-Science-Sektors und des Gesundheitswesens ist klar: Plattformen bringen Bedürfnisse der Kunden mit der Agilität neuer Player und dem Wissen erfahrener Konzerne zusammen und schaffen so die Basis neuer Geschäftsmodelle. Die Ubiquität vieler Daten bietet neue Chancen, Lösungen auf Basis individueller Ziele zu finden.

Wir brauchen Plattformen, um Daten aus wissenschaftlichen, medizinischen, unternehmerischen und persönlichen Quellen zusammenzuführen, zu kombinieren und zu teilen. Unternehmen brauchen Mitarbeiter mit Kenntnissen im Austausch mit Kunden und im Umgang mit Daten, damit sie solche Lösungen entweder selbst umsetzen können oder sich mit Partnern zusammentun können beziehungsweise um andere Unternehmen gezielt aufzukaufen. All dies wird zu veränderten Geschäftsmodellen führen. Sie basieren auf Daten und schaffen gleichzeitig Mehrwert für Life-Sciences-Unternehmen und Stakeholder im gesamten Gesundheitswesen.

Aktuell erlebt die Life-Science-Branche große Ineffizienzen, die den Aufbau solcher Plattformen unvermeidlich machen. Bestehende Unternehmen haben nun die Wahl: Sie können am Spielfeldrand stehen bleiben und passiv bei der Transformation zuschauen – oder sie entscheiden sich dafür, den Wandel als wichtiger Player auf dem Feld aktiv voranzutreiben, indem sie Life Sciences mit neuen Technologien zusammenführen.

Fazit

Im Gesundheitswesen sorgen viele Ineffizienzen für Probleme: Kunden und Patienten bekommen nicht die bestmögliche Versorgung, Krankenkassen verschwenden Beiträge und Pharmaunternehmen nutzen Ressourcen nicht effektiv.

Der disruptive Wandel hat bereits Handel und Mobilität nachhaltig verändert, jetzt erleben die Life Sciences massive Herausforderungen. Um die Chancen zu nutzen, braucht es neue Kooperationen, frisches Denken in etablierten Konzernen und Mitarbeiter, die diesen Wandel verstehen und treiben können.

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Julie Teigland

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