7 Minuten Lesezeit 31 Mai 2022
Silhouetten von Personen auf einer Baustelle

„Stadtwerke sind kommunale Dekarbonisierungsdienstleister”

Von EY Deutschland

Building a better working world

7 Minuten Lesezeit 31 Mai 2022
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BDEW-Geschäftsführerin Kerstin Andreae spricht über die drängenden Herausforderungen der Stadtwerke und plädiert für mehr Kooperation.

Überblick:

  • Zur Herausforderung des Klimawandels kommt nun die der Versorgungssicherheit – Diversifizierung ist das Gebot der Stunde.
  • Es kommt zur Konkurrenz zwischen verschiedenen Bereichen der Daseinsvorsorge – der Bund ist in der Pflicht.
  • Kooperationen werden auf dem Weg in eine klimaneutrale Zukunft für Stadtwerke immer wichtiger. 

EY: Die Stadtwerkestudien der letzten drei Jahre stehen unter dem Eindruck von Krisen – zuletzt der Corona-Krise und nun dem Krieg in der Ukraine. Können Sie heute schon erste Schlüsse aus der Energiekrise infolge des Krieges ziehen?

Kerstin Andreae: Die aktuelle Situation mit dem Krieg in der Ukraine zeigt uns eindringlich, dass wir schleunigst unabhängig werden müssen von russischen Energieimporten. Abgesehen von der besonderen zeitlichen Eile, die wir bei der Lossagung von russischen Energielieferungen vollziehen müssen, muss es jetzt die Devise sein, die erneuerbaren Energien generell schneller auszubauen. Denn dies ist nicht mehr nur die Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels, sondern auch auf die Versorgungssicherheit.

Wichtig ist, dass die Bundesregierung dafür nun die richtigen Rahmenbedingungen schafft. Wir brauchen mehr Flächen für Windräder und Photovoltaikanlagen sowie schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren. Im Einklang muss der Netzausbau und -umbau durch einen investitionsfreundlichen Regulierungsrahmen beschleunigt werden, damit der Strom aus Erneuerbaren auch vom Ort der Erzeugung zu den Verbrauchern gelangen kann.

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Download: Stadtwerkestudie 2022

Wie Stadtwerken durch Kooperation der Spagat zwischen Finanzierungsdruck und Transformationsbedarf gelingen kann

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  • Zur Person: Kerstin Andreae

    Kerstin Andreae ist seit November 2019 Hauptgeschäftsführerin und Mitglied des Präsidiums beim BDEW, dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft.

    Zuvor war die studierte Diplom-Volkswirtin 17 Jahre lang Abgeordnete des Deutschen Bundestags. Von 2002 bis 2007 war sie Mitglied im Finanzausschuss und Kommunalpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Von 2007 bis 2012 war sie als wirtschaftspolitische Sprecherin tätig. 2012 wurde Kerstin Andreae zur stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gewählt. Ihr oblag bis 2017 die Koordination der Wirtschafts-, Haushalts-, Finanz-, Arbeits- und Sozialpolitik. Ab 2017 war sie wirtschaftspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und Initiatorin sowie Koordinatorin des Wirtschaftsbeirates der Fraktion.

    Die gebürtige Schwarzwälderin (Geburtsort Schramberg) hat drei Kinder und lebt in Berlin.

Wie finden wir die Balance zwischen Sicherheit (Versorgung) und Transformation in eine dekarbonisierte Wirtschaft? Ist das Ziel noch zu halten?

Das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 haben wir klarer vor Augen denn je, durch die aktuelle Lage kann es aber sein, dass wir auf dem Weg der CO2-Minderung mal einen Schritt zur Seite gehen müssen. Doch wir müssen auch sehen, dass es vielversprechende neue Chancen gibt, um die Energieversorgung zukunftsfest zu gestalten: Neben dem klassischen und notwendigerweise beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien ist beispielweise der Hochlauf von Wasserstoff ein wichtiges Thema, das auf unserer Agenda ganz weit oben steht. Darüber hinaus ist eine Diversifizierung das neue Gebot der Stunde – wir konnten sehen, welche Macht Russland durch unsere in den vergangenen Jahrzehnten selbst erzeugte Abhängigkeit über uns gewinnen konnte. Folglich muss und wird eine Diversifizierung der Lieferländer bei der Transformation der Energiewirtschaft vollzogen werden.

Bereits in der zweiten Jahreshälfte 2021 schossen die Energiepreise in die Höhe. Der Krieg in der Ukraine befeuert die Preisentwicklung. Welche Instrumente sehen Sie, um dem Preisdruck zu begegnen?

Seit Beginn des vergangenen Jahres haben sich die Großhandelspreise für Strom mehr als verdreifacht und bei Gas sogar beinahe verfünffacht. Der BDEW bemüht sich, die Folgen dieser Preisanstiege für die Energieversorgungsunternehmen möglichst gering zu halten. Auf der Stromseite bedeutet das, dass angesichts des nie da gewesen Preisniveaus auf den Energiemärkten die Abschaffung der EEG-Umlage allein die extrem gestiegenen Beschaffungskosten nicht ausgleichen kann. Um die Belastung der Bürgerinnen und Bürger nachhaltig zu dämpfen, sollte die Bundesregierung die Senkung der Stromsteuer auf das europäisch zulässige Mindestmaß und die Senkung der Mehrwertsteuer auf Strom und Gas von 19 auf 7 Prozent prüfen. Mit dem Blick auf Gas setzen wir uns für eine Stützung der Vorlieferanten, Preisweitergaben und Liquiditätshilfen ein, um unsere Mitgliedsunternehmen bestmöglich durch diese schwere Zeit zu begleiten. Die sozialen Auswirkungen, die mit den gestiegenen Energiepreisen einhergehen, beobachten wir ebenfalls mit großer Sorge, allerdings ist ein Abfangen der sozialen Effekte in erster Linie die Aufgabe des Staates, das können wir als Energiewirtschaft nicht leisten.

Was bedeuten die gestiegenen Gaspreise für die anstehende Wärmewende? 

Die aktuelle Situation zeigt uns, dass wir auch in der Wärmewende schneller werden müssen , um möglichst bald unabhängig von russischem Gas und Öl zu werden. Wichtig hierfür ist ein massiver Ausbau der erneuerbaren Energien, aber auch ein schneller Hochlauf von Wasserstoff.

Im Rahmen der bis 2030 erwarteten Ersatz- und Neubauzyklen werden die jeweils technisch für das Gebäude am besten geeigneten Versorgungsoptionen eingesetzt: Wärmepumpen in Gebäuden mit ausreichend hohem Effizienzstandard und erschließbaren Wärmequellen. Bei höheren Heizlasten können sie als Hybridsystem mit ergänzendem Gaskessel zum Einsatz kommen. Zunehmend grüne Fernwärme bietet sich zur Wärmeversorgung von Bestandsgebäuden und zur Quartiersversorgung in urbanen Ballungsgebieten an, Gas-Brennwertheizungen können mit erneuerbaren und dekarbonisierten Gasen betrieben werden, sodass eine direkte Substitution fossiler Energieträger im Bestand erfolgen kann. Gemeinsam mit grünem Strom in Wärmepumpen und grüner Fernwärme kann Wasserstoff im Gasverteilnetz Teil einer klimaneutralen Wärmeversorgung der Zukunft werden.

Welche Rolle spielen dabei die kommunalen Gesellschafter?

Kommunale Gesellschafter haben genauso wie die Lenkerinnen und Lenker in den Unternehmen einen entscheidenden Anteil daran, dass Stadtwerke die aufgrund der Energiewende und der Digitalisierung notwendige unternehmerische Transformation auch umsetzen können. Der Beitrag kommunaler Gesellschafter geht dabei über ein „Abnicken“ der Pläne der Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer hinaus. Es geht vielmehr darum, den notwendigen Umbau der Unternehmen im Rahmen der neuen Herausforderungen durch Dekarbonisierung und Digitalisierung sowie die Erschließung neuer Geschäftsfelder gegenüber der Kommune und der Bevölkerung vor Ort gemeinsam glaubhaft zu vertreten. Und: Die kommunalen Gesellschafter sollten erkennen, dass die nächsten Jahre vor allem von Investitionen in die Zukunft geprägt sein werden, um die Gestaltungsfelder für Stadtwerke zu erweitern und neue Geschäftsmodelle z. B. im Bereich von Smart City und Smart Home zu etablieren. Hierfür brauchen die Unternehmen auch das entsprechende Kapital, um die notwendigen Investitionen tätigen zu können.

Wie sehr stehen Dekarbonisierungsstrategien der Stadtwerke im Spannungsfeld mit den entsprechenden Transformationsstrategien der anderen kommunalen Aufgabenträger? Letztlich konkurrieren sie ja um dieselben knappen finanziellen Ressourcen im Stadtkonzern.

Klimaschutzaufgaben auf Bundes- und EU-Ebene müssen häufig auf kommunaler Ebene, vor Ort bei den Bürgerinnen und Bürgern, umgesetzt werden. Es muss sichergestellt werden, dass Kommunen für diese Dekarbonisierungsaufgaben zusätzliche finanzielle Mittel vom Bund bereitgestellt bekommen, damit es nicht zu einer Konkurrenz zwischen verschiedenen Bereichen der Daseinsvorsorge kommt. Finanzielle Kürzungen bei der traditionellen kommunalen Daseinsvorsorge würden zu einer mangelnden Akzeptanz der Energiewende bei den Bürgerinnen und Bürgern führen, und das wäre verheerend für deren Erfolg. Die Energiewende soll innovative Wege aufzeigen, das gesellschaftliche Leben innerhalb der Kommune zu gestalten. Sie darf nicht als Zumutung und Verzicht gesehen werden.

Welche Rolle spielen Kooperationen auf dem Weg in die CO2-neutrale Zukunft für die Stadtwerke?

Kooperationen werden für Stadtwerke auf dem Weg in eine klimaneutrale Zukunft immer wichtiger. Das gilt sowohl für Kooperationen zwischen Stadtwerken als auch für branchenübergreifende Kooperationen. In der Vergangenheit war der Zuständigkeitsbereich von Stadtwerken relativ klar umrissen, indem sie eine sichere Energie- und Wasserversorgung sicherstellten und einige Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge übernahmen, beispielsweise den Betrieb von Bädern und ÖPNV, je nach Kommune. Mit der Energiewende gibt es hier einen Wandel, die Daseinsvorsorge muss modern gedacht werden, indem die Dekarbonisierung durch die Kommune ganzheitlich betrachtet wird und sich Stadtwerke auch mit neuen Themen beschäftigen, etwa wie Smart-City-Konzepten und Smart Homes. Durch die Erweiterung des Tätigkeitsfeldes ergeben sich neue Kooperationsmöglichkeiten unter anderem mit der Wohnungswirtschaft, mit Technologieunternehmen und Mobilitätsanbietern. Diese Möglichkeiten und damit auch Geschäftsfelder sollten Stadtwerke ergreifen, damit sie weiterhin eine zentrale Rolle für ihre Kommunen spielen können.

Es zeichnet sich das Bild ab, dass sich Stadtwerke mit der Ausprägung von Kooperationen sehr schwertun. Woran könnte es liegen, dass Stadtwerke noch eine hohe Eigenleistungstiefe haben und die Ausprägung von Kooperationen sehr schleppend verläuft?

Zwischen einzelnen Stadtwerken sehen wir bereits zahlreiche Kooperationen. Branchenübergreifende Kooperationen sind hingegen tatsächlich noch eher selten. Das liegt aber auch daran, dass diese für Stadtwerke erst in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen haben, aufgrund der neuen, weiter gefassten Rolle der Stadtwerke als „kommunale Dekarbonisierungsdienstleister“.

Die Transformation ist im Gang. Sie schließt aber auch einen Wandel der Unternehmenskulturen bei Stadtwerken mit ein. Die Notwendigkeit für Anpassungen wurde erkannt und es wird daran gearbeitet.

Wer die künftigen Kooperationspartner sein werden, ist ganz unterschiedlich und hängt vom einzelnen Stadtwerkeunternehmen und dessen Betätigungsfeldern ab. Für alle Bereiche, die außerhalb der traditionellen Kompetenzfelder der Stadtwerke liegen, werden externe Expertise und Partner gebraucht. Dies betrifft beispielsweise Bereiche wie Mobilität, Wohnungsbau, IT oder Geräteherstellung. Hier erwarten wir in Zukunft verstärkt Kooperationen mit Unternehmen aus anderen Branchen.

Bedarf es neuer Finanzierungskonzepte, um die Transformation in den Kommunen zu stemmen?

Auch in den kommenden Jahren steigt der Investitionsbedarf für Kommunen zur Erreichung der Dekarbonisierungsziele durch die Energiewende deutlich. Dabei spielen auch die finanziellen Spielräume der Stadtwerke eine wichtige Rolle. Investitionsfähigkeit ist essenziell, um die kommunale Daseinsvorsorge – unter Berücksichtigung der Dekarbonisierungs- und Digitalisierungsziele – modern zu gestalten. Daher fordern wir, für eine ausreichende finanzielle Ausstattung der Kommunen und der Stadtwerke zu sorgen. Dies schließt auch das für die Erprobung und Entwicklung innovativer Projekte notwendige Risikokapital und eine Bereitstellung passender Fördermöglichkeiten ein.

Fazit

BDEW-Geschäftsführerin Kerstin Andrae schildert im Interview das herausfordernde Marktumfeld für Stadtwerke: Neben der nachhaltigen Transformation zur Bewältigung der drängenden Energie-, Wärme- und Mobilitätswende steht durch den Ukraine-Krieg nun auch die Versorgungssicherheit im Feuer. Stadtwerke werden zu kommunalen Dekarbonisierungsdienstleistern. Eine verstärkte Kooperation untereinander und auch branchenübergreifend ist in dieser Gemengelage unabdingbar.

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