Wie können Klimarisiken neue Chancen eröffnen?

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EY Global

Multidisciplinary professional services organization

8 Minuten Lesezeit 1 Mai 2018

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Die zunehmende Forderung nach nicht-finanziellen Informationen einschließlich Berichten über die Risiken des Klimawandels kann Unternehmen neue Chancen eröffnen.

Der Anfang 2018 im Rahmen des Weltwirtschaftsforums in Davos veröffentlichte 2018 Global Risks Report[1] hebt hervor, wie Klimarisiken im Laufe der Jahre an Bedeutung gewonnen haben. Der Bericht verweist darauf, dass die Risiken von extremen Wetterereignissen, Naturkatastrophen und dem Versagen der Klimaschutzpolitik bezogen auf ihre Wahrscheinlichkeit und ihre Auswirkungen alle zu den fünf bedeutendsten globalen Risiken gezählt werden.

Diese Ergebnisse sind nicht überraschend. Wir erleben schon seit einiger Zeit, wie die Politik ihre Anstrengungen zur Eindämmung des Klimawandels weiter verstärkt – sowohl auf globaler Ebene (z. B. über das Pariser Klimaabkommen) als auch auf regionaler Ebene (z. B. über den Emissionsrechtshandel in China). Dennoch wird bei der Bewältigung von Klimarisiken den Unternehmen immer mehr Verantwortung zugewiesen.

Treiber hierfür sind regulatorische Entwicklungen, häufigere Shareholder-Beschlüsse, Gerichtsverfahren, Empfehlungen der Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) des Financial Stability Board und nicht zuletzt die Forderungen von Investoren. Investoren verlangen immer häufiger nach nicht-finanziellen Informationen zur Beurteilung des langfristigen Wertschöpfungspotenzials von Portfoliounternehmen.

Daher sollten Unternehmen fundiertere Informationen darüber besitzen, wie sie mit Klimarisiken, einschließlich finanzieller Klimarisiken, umgehen. Auf diese Weise können sie besser auf die steigenden Forderungen der Investoren antworten und eine nachhaltige, langfristige Wertschöpfung betreiben.

Dieser Artikel befasst sich mit der Frage, weshalb mehr Transparenz über die Konsequenzen von Klimarisiken gerechtfertigt ist und welche Chancen diese Berichterstattung eröffnet.

Die Finanzbranche fordert die Offenlegung von Klimarisiken

Die Finanzbranche betrachtet die Risiken des Klimawandels (einschließlich physischer Risiken und Übergangsrisiken) als ein systemisches Finanzrisiko für die Wirtschaft (einschließlich des plötzlichen Verlusts von Vermögenswerten), das von den Unternehmen nicht angemessen thematisiert wird. Dies spiegelt sich auch in der jährlichen Investorenbefragung von EY[1] wider, nach der verlorene Vermögenswerte für die Mehrheit der Investoren weiterhin ein Thema sind.

Und dieser Sektor, einschließlich der Investoren und Vermögensverwalter, die sie vertreten, wird zunehmend ungeduldig. Das bestätigt auch, was uns die Investoren weltweit in unserer Investorenbefragung berichten: Mehr als ein Viertel der Investoren fordern erhebliche Verbesserungen bei der unternehmerischen Berichterstattung über Klimarisiken und ihre Bewältigung.

Aber auch unabhängig davon berücksichtigen Investoren Klimarisiken schon jetzt bei ihren Entscheidungen und Maßnahmen. 62 Prozent gaben an, ihre Anteile aufgrund möglicher Vermögensverluste zu reduzieren oder genau zu beobachten. Beispiele für unmittelbare Investorenmaßnahmen gegen den Klimawandel umfassen den eine Billion US-Dollar schweren staatlichen Pensionsfonds von Norwegen, auch bekannt als Ölfonds, der 1,5 Prozent des gesamten weltweiten Aktienbestands hält. Im November 2017 wurde der Plan verkündet, vollständig aus Öl und Gas auszusteigen (nachdem der Fonds bereits die meisten seiner Kohleaktien verkauft hatte).3 Und im Dezember 2017 kündigte die Weltbank an, sich nach 2019 aus der Finanzierung von Upstream-Investitionen bei Öl und Gas zurückzuziehen. 

Über den Finanzsektor hinaus sprechen weitere wichtige Faktoren für Verbesserungen bei Management und Berichterstattung im Bereich Klimarisiken. Diese sind unter anderem:

  • Steigende Forderungen der Shareholder nach Unternehmensberichten über klimabedingte Finanzrisiken und Maßnahmen für den Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft.
  • Ein Börsen und Effektenhandel, der in seinen Notierungen mehr Transparenz bei Klimarisiken anregen oder anordnen könne.
  • Rating-Agenturen, die beginnen, Klimarisiken in die Kreditratings von Ländern einzubeziehen.

Für die betroffenen Unternehmen hat dies vielfältige Auswirkungen – einschließlich der Bewertung von Aktiva und Passiva, der Kapitalaufnahme und der Finanzierung (siehe Abbildung 1 unten). Diese Verschiebungen in der Marktdynamik beeinflussen nicht nur die Bewertung von Risiken, sie eröffnen auch neue Chancen und ebnen den Weg für Innovation und Disruption. 

Von der Risikobegrenzung zum Wettbewerbsvorteil

Obgleich die Veränderungen durch den Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft nicht zu vernachlässigende Risiken bergen, können sie klimabewusst agierenden Unternehmen auch erhebliche Chancen eröffnen. Führende Unternehmen können diese Chancen bei der Erschließung neuer Geschäftsfelder, Produkte und Dienstleistungen leichter ergreifen. Besonders hilfreich ist die Integration klimabezogener Risiken und Chancen in die strategische Vorgehensweise des Unternehmens, weil sie Innovationen, die rechtzeitige Vorbereitung auf veränderte Vorgaben sowie die Optimierung der operativen Effizienz und des Ressourcenmanagements unterstützt. Unter dem Strich kann die schrittweise Anpassung an eine „2 °C-Strategie“ sogar zum Maßstab für die Unternehmensführung werden.

Aus unserer jährlichen Investorenbefragung geht ebenfalls hervor, dass heute der Umgang mit den ESG-Faktoren Umwelt, Soziales und Unternehmensführung für die meisten Investoren hilfreich bei der Identifikation neuer Möglichkeiten und dem Management langfristiger Investitionsrisiken ist.

Neben der Erfüllung der Investorenforderungen ergeben sich aus der Offenlegung ihrer Klimarisiken noch weitere wichtige Vorteile für Unternehmen:

Vorteile Beschreibung
Risikomanagement
  • Integration von Klimarisiken (Übergangsrisiken und physische Risiken) in das Risikomanagement eines Unternehmens
Mehr Know-how für Szenario-Analysen
  • Bessere quantitative Modelle und Datenanalysen
  • Höhere Rigorosität und Differenzierung bei der Nutzung von Daten für die Definition von Szenarien
Externe Kommunikation
  • Einheitlichkeit des Dialogs in unterschiedlichen externen Kanälen (z. B. Investor Relations, Finanz-, Unternehmens- und Nachhaltigkeitsberichte)

Fokusverschiebung bei den Stakeholder-Interessen

  • Stärkere Ausrichtung der Berichtsinhalte an den Interessen langfristiger Investoren
  • Verschiebung des Fokus von Investoren und Shareholdern auf Prognosen, Methodik, Chancen und Strategie

Lernprozess und Treuhänderschaft

  • Der Vorstand ist sich seiner Treuhänderschaft stärker bewusst
  • Vorstandsmitglieder und Investor Relations-Mitarbeiter lernen stetig dazu

Wie gehen Unternehmen vor?

Viele Unternehmen entwickeln Berichtswerkzeuge und Methoden für die Identifikation und Bewertung von Klimarisiken. In Übereinstimmung mit den TCFD-Empfehlungen teilen diese Unternehmen in ihren Geschäftsberichten mit, inwieweit sie Klimarisiken ausgesetzt sind und welche Maßnahmen sie zur Verringerung dieser Risiken oder zur Anpassung an diese Risiken ergreifen.

Führende Unternehmen ziehen aus Klimarisiken und -chancen nicht nur Schlüsse für ihr Berichtswesen, sondern auch für ihre strategische Vorbereitung und ihre operativen Investitionen. Nur wenige Unternehmen führen derzeit eine prognostische Szenario-Analyse durch, um ihre strategischen Pläne für Werterhalt und Wertschöpfung zu untermauern. Diese Aktivitäten sind nicht nur von der Fähigkeit der Unternehmensleitung abhängig, Veränderungen vorauszusehen, sondern auch von ihrer Fähigkeit, Transformationsprozesse umzusetzen, welche für die Neuausrichtung des Geschäfts und die Sicherung eines nachhaltigen Wachstums erforderlich sind.

Wird Ihr Unternehmen einfach nur abwarten oder wird es versuchen, die Chancen der Offenlegung von Klimarisiken zu nutzen? 

Klimarisiken sind komplexer und langfristiger als die meisten „klassischen“ Geschäftsrisiken, was das Verständnis und die Bewertung möglicher Folgen erschwert.

Ignoriert ein Unternehmen die Bandbreite und das Ausmaß potenzieller Folgen des Klimawandels, kann sich das zunehmend negativ auf die finanzielle Unternehmensleistung auswirken.

Wo sollte also angesetzt werden?

Um klimabedingte Risiken offenlegen zu können, sind mit großer Wahrscheinlichkeit Veränderungen in der Unternehmensführung und in den Risikobewertungsprozessen (auf Basis der TCFD-Empfehlungen) erforderlich. Unternehmen könnten mehrere Jahre benötigen, bis sie in der Lage sind, Investoren und Shareholdern wertvolle Informationen für fundierte Entscheidungen zu liefern. Je früher Ihr Unternehmen diesen Prozess beginnt und eine Plattform schafft, um Vorstand und Führungskräfte über Klimarisiken zu informieren, desto besser ist es aufgestellt, um Investoren und Shareholder beim Umgang mit Risiken und Chancen einzubeziehen.

Wenn Sie ermitteln wollen, wie sehr Ihr Unternehmen Klimarisiken ausgesetzt ist, könnten folgende Fragen hilfreich sein:

In den meisten Fällen würden Unternehmen zur Beantwortung der obenstehenden Fragen eine detaillierte Analyse aller Geschäftsbereiche durchführen. Das kann eine Zusammenarbeit mit Berichtsteams aus den Bereichen Risikomanagement, Unternehmensführung und Finanzberichterstattung erforderlich machen, um eine individuelle Klimarisikoanalyse erstellen und Berichte vorlegen zu können, die den TCFD-Empfehlungen vollständig entsprechen.

Die Ergebnisse dieser Risikobewertungen sollten so aufgebaut sein, dass sie den Anforderungen des Unternehmens genügen. Sie können dabei sowohl qualitativ oder quantitativ angelegt sein.

Diese Richtlinien wurden ausschließlich für die allgemeine Information erstellt und sind nicht für die Nutzung als vollwertige Beratung für Rechnungslegung, Steuern oder sonstige geschäftliche Belange konzipiert. Bitte kontaktieren Sie für spezielle Beratungsleistungen Ihre Unternehmensberater.

Fazit

Klimarisiken haben im Laufe der Jahre immer weiter an Bedeutung gewonnen. Regulatorische Entwicklungen, Investorenforderungen, Gerichtsverfahren und Empfehlungen der Task Force on Climate-related Financial Disclosures deuten darauf hin, dass Unternehmen bei der Bewältigung dieser Risiken besser aufgestellt sein sollten. Eine Offenlegung von Informationen hilft nicht nur bei der Bewertung der Auswirkungen dieser Risiken, sie könnte auch Türen für neue Ideen, Innovation sowie Disruption und damit für neue Chancen öffnen.

Berichtsteams aus den Bereichen Nachhaltigkeit, Risikomanagement, Unternehmensführung und Finanzberichterstattung sollten ihre Kräfte bündeln, um Vorstand und Stakeholdern diese Informationen vorlegen zu können und sie dadurch in die Lage versetzen, fundiertere Entscheidungen zu Klimarisiken, Möglichkeiten der Risikobegrenzung und neuen Chancen zu treffen.

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