6 Minuten Lesezeit 18 März 2020
Männer im Warenlager

Wie Banken Ihre Handelsfinanzierung fit für die Zukunft machen können

Autoren

Christopher Schmitz

Partner, Strategy and Transactions, Finanzdienstleistungen, Ernst & Young GmbH | Deutschland

Gestaltet die Zukunft der Finanzdienstleistungsbranche.Familienvater, Hochzeits- und Porträtfotograf sowie passionierter Kaffeeröster und Tango-Argentino-Tänzer.

Ulrich Trinkaus

Partner Financial Services | Deutschland

Begleitet Banken auf ihrem Weg zur Bank der Zukunft. Glaubt an die Tragfähigkeit des digitalen Ökosystems in diesem Sektor. Gleichermaßen begeisterter Skifahrer und Frankfurter.

Julius Ekardt

Director, Markets and Business Development im Bereich Financial Services I Deutschland

Koordiniert die Dienstleistungen von EY im Hinblick auf einige Financial Services Großkunden, insbesondere in den Bereichen Corporate Banking, Capital Markets und Asset Management.

6 Minuten Lesezeit 18 März 2020

Für die deutschen Banken wird es essenziell sein, sich proaktiv mit dem Wandel der globalen Handelsströme zu befassen.

Die Handelsfinanzierung der deutschen Banken wandelt sich dramatisch: Geopolitische Unsicherheiten wie Handelskonflikte und grenzüberschreitende Zölle, neue Wettbewerber, ein wachsender Kosten- und Regulierungsdruck sowie die Digitalisierung stellen die klassische Handelsfinanzierung als traditionell profitable Einnahmequelle auf den Prüfstand.

Deutsche Banken können weiter eine führende Rolle auf dem globalen Handelsmarkt spielen, wenn sie sich proaktiv auf die Veränderungen im Welthandel einstellen.
Julius Ekardt
Director, Markets and Business Development im Bereich Financial Services I Deutschland

Digitale Technologien und Netzwerke vereinfachen den Datenaustausch internationaler Handelsakteure und schaffen neues Vertrauen, indem sie Handelsgeschäfte transparenter abbilden und beschleunigen, Risiken mindern und weniger fehleranfällig sind. Gleichzeitig erhöhen verschärfte Regulierungs- und Compliance-Vorgaben den Prozessaufwand sowie die Kosten der klassischen Handelsfinanzierung, sodass Unternehmen bereits verstärkt auf alternative Finanzierungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Die Nachfrage verändert sich

Die traditionelle Rolle der deutschen Banken als vertrauenswürdige Partner oder Vermittler deutscher Firmenkunden in der globalen Handelswelt wandelt sich grundlegend. Die Nachfrage der Unternehmen nach Akkreditiven (Letters of Credit/LC) sinkt, verstärkt werden alternative Finanzierungsmöglichkeiten genutzt, die häufig kostengünstiger und schneller sind.

LCs als herkömmliche und papierbasierte Methode der grenzüberschreitenden Handelsfinanzierung dürften in neu entstehenden globalen Handels-Ökosystemen langfristig durch digitale E-Commerce-Transaktionen und nahezu papierlose End-to-End-Prozesse ersetzt werden.

Geschätzter Verlust für Banken

10,5 %

beträgt der Rückgang der von den globalen Banken finanzierten Lieferkettenaktiva in den nächsten fünf Jahren.

Der wachsende Anteil von Eigenfinanzierungen und Investitionen institutioneller Investoren in der Lieferkette von Unternehmen erfordert von Banken zudem eine Anpassung ihres Risiko- und Kapitalmanagements. Die folgenden Trends ändern das Profil existierender Handelsströme:

  • Physischer Handel geht zurück

Infolge der wachsenden geopolitischen Unsicherheiten lokalisieren Unternehmen weltweit zunehmend ihre Produktions- und Lieferketten, um sich vor den Auswirkungen internationaler Handelskonflikte zu schützen. Möglich wird dies unter anderem durch innovative Technologien wie 3D-Druck, der eine kostengünstige Produktion vor Ort ermöglicht. Die Folge: Die Nachfrage nach einer Handelsfinanzierung für physische Güter sinkt. Zwar benötigen Lieferketten vor Ort Finanzmittel. Deutsche Banken ohne physische oder virtuelle Präsenz auf diesen Märkten können aber Geschäft an dort ansässige oder präsente Akteure verlieren.

  • Dienstleistungsexporte legen zu

Der Handel mit Dienstleistungen wächst, die Nachfrage nach neuen Dienstleistungen steigt: Patente, Marken, Urheberrechte, Lizenzen und Industriedesign dürften bis 2030 gut ein Viertel der gesamten Handelsexporte ausmachen. Wenn eine deutsche Werbeagentur für einen internationalen Kunden arbeitet, erfordert der Handel mit geistigem Eigentum eine neuartige Finanzierung. Demnach stellt die zu erwartende wachsende Nachfrage nach Finanzmitteln für Dienstleistungsexporte für deutsche Banken eine enorme Chance dar.

  • Mittelstand agiert globaler

Der elektronische Handel und Online-Verkaufsplattformen vergrößern die internationale Reichweite kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU). Dadurch entsteht ein neues Kundensegment für die Handelsfinanzierung: KMU agieren zunehmend als globale Handelsketten – die Handelsfinanzierung ist ihnen bislang aber weniger zugänglich als Großunternehmen. KMU künftig kosteneffizient zu bedienen, stellt für viele Banken eine wachsende Herausforderung dar. Insbesondere in Deutschland und auch in Österreich und der Schweiz spielt dieser Wandel eine herausragende Rolle, denn hier ist der Anteil der KMU an der Gesamtwirtschaft deutlich größer als in anderen Ländern.

Wie Digitalisierung bereits für Tempo und Sicherheit sorgt

Der Wettbewerb für deutsche Banken im Welthandel steigt. Marktteilnehmer setzen zunehmend Vertrauen in innovative Technologien neuer Wettbewerber und suchen nach kostengünstigeren, schnelleren und weniger fehleranfälligen Lösungen.

Optische Zeichenerkennung (OCR), robotergestützte Prozessautomatisierung (RPA) und Künstliche Intelligenz (KI) erhöhen die Verarbeitungseffizienz und verkürzen die Durchlaufzeiten. FinTechs haben durch ihre Flexibilität und Schnelligkeit bei der Bereitstellung maßgeschneiderter Kundenlösungen für Unternehmen, die Open-Account-Handel betreiben wollen, bereits einen beträchtlichen Marktanteil erlangt.

Während Käufer und Lieferanten zunehmend auf Open-Account-Handelsvereinbarungen und Lieferkettenfinanzierungen setzen, nimmt die Nachfrage nach LCs ab. Einige große Akteure haben bereits Konsortien oder Netzwerke zum Austausch gemeinsamer Handelsinformationen aufgebaut, um betrügerische Transaktionen und Doppelfinanzierungen zu verhindern.

Neue Technologien für das Handelsgeschäft:

  • Blockchain: Die Distributed-Ledger-Technologie (DLT) der Blockchain kann die Sicherheit, Schnelligkeit und Transparenz im bislang noch vorwiegend papierbasierten Handelsgeschäft erhöhen – und Vertrauen zwischen den Beteiligten herstellen. Eine Blockchain bietet die Möglichkeit der Echtzeit-Überprüfung von Handelsdokumenten, der Rückverfolgbarkeit und Transparenz der Eigentumsverhältnisse – und unterstützt gleichzeitig den Datenschutz.
  • Internet der Dinge (Internet of Things/IoT): Die von den IoT-Sensoren generierten physischen Verfolgungsdaten ermöglichen Einblicke in den Standort und die Qualität von Waren und verringern das Gegenparteirisiko bei Lieferung oder Zahlung. Dadurch können Reibungsverluste aufgrund von Handelsstreitigkeiten minimiert werden. Geschäftsbanken erhalten Echtzeitdaten über die Waren der Kunden zur Bonitätsprüfung. Dies reduziert mögliche Betrugs- und Korruptionsrisiken. Die verringerten Lieferrisiken wiederum ermöglichen Open-Account-Transaktionen.
  • Offene Programmierschnittstellen (Application Programming Interface/API): Über API-Schnittstellen lassen sich Daten entlang der Lieferkette von mehreren Parteien in Echtzeit austauschen und gemeinsam nutzen. Papiergestützte Transaktionen können künftig über digitale Schnittstellen abgewickelt werden.

Digitale Trends in Trade Finance

Unternehmen beginnen, ihre gesamte Produktionslieferkette über Technologieplattformen mit einer gemeinsamen Infrastruktur zu verbinden, die die digitale Verarbeitung und Finanzierung von Handelstransaktionen über institutionelle Investoren ermöglicht.

Mit dem Aufbau vertrauenswürdiger digitaler Infrastrukturen, etwa über eine Blockchain, laufen Banken Gefahr, künftig bei der Handelsfinanzierung umgangen zu werden. Die Blockchain verbindet alle Akteure im gesamten Handels-Ökosystem direkt und über sie können Handelstransaktionen digital abgewickelt und finanziert werden.

Organisationen, die das Vertrauen in den Handel verbessern und Reibungsverluste beseitigen können, werden künftig zu kritischen Akteuren werden. Banken sollten sich daher zeitnah und proaktiv mit den Veränderungen der Handelsketten und dem Potenzial technologischer Innovationen auseinandersetzen.

Welche strategischen Weichen Banken jetzt stellen können

Ihre führende Rolle in der Handelsfinanzierung können Banken aufrechterhalten, indem sie in fünf Schlüsselbereiche investieren:

1) Strategische Neuausrichtung: Eine eigene Strategie zur Umgestaltung der Handelsfinanzierung hilft Banken, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln, um mit neuen Marktteilnehmern konkurrieren zu können. Dies ist insbesondere wichtig für deutsche Banken, die selbst kein globales Filialnetzwerk besitzen, also auf Kooperationen mit anderen Instituten angewiesen sind.

2) Strategische Partnerschaften: Kooperationen mit agilen FinTech-Start-ups ermöglicht eigene Infrastrukturen und Prozesse der Handelsfinanzierung durchgängig zu digitalisieren und automatisieren. Durch Nutzung neuer Technologien wie etwa OCR lässt sich die papierbasierte Dokumentenverarbeitung reduzieren. Eine vollständige Prozessautomatisierung durch RPA erhöht die Effizienz, verbessert die Datenqualität und mindert das Fehlerrisiko.

3) Ganzheitliches Risiko- und Kapitalmanagement: Durch ein datengestütztes Portfoliomanagement werden Kapital und Liquidität freigesetzt. Die Zentralisierung der Portfoliodatenquellen ermöglicht eine Reduzierung der risikogewichteten Aktiva, eine Verbesserung der Portfoliorenditen und erhöht die Ressourcen für Handelsgeschäfte. Von zentraler Bedeutung ist dabei, wie Sicherheiten von Kunden abgebildet werden und welches Kreditrisiko besteht.

4) Stärkung der Compliance: Banken müssen seit der globalen Finanzkrise verschärfte regulatorische Vorgaben erfüllen, insbesondere hinsichtlich der Kapitalanforderungen bei der Ausweitung der Handelsfinanzierung. Starke Compliance-Funktionen unterstützen Banken dabei, Regulierungsvorgaben einzuhalten und Strafen, Verzögerungen und potenzielle Reputationsschäden zu vermeiden. Automatisierte Prozesse und maschinelles Lernen ermöglichen interne proaktive Kontrollen.

5) Big Data: Die Nutzung von Daten wird Handelsvermittler und -finanzierer mittelfristig im Wettbewerb stärken. Unternehmen verlangen ganzheitliche, maßgeschneiderte Lösungen für ihre Handelsfinanzierung. Banken benötigen moderne Datenanalysen, um tiefere Einblicke in die Geschäfte ihrer Firmenkunden zu gewinnen. Dies kann dazu beitragen, die Finanzierungslücke von KMUs zu schließen, indem Unternehmen sowohl mit Nicht-Bank- als auch mit Bank-Finanzquellen verbunden werden. Für Investoren ist es von entscheidender Bedeutung, die mit diesen Kreditnehmern verbundenen Risiken zu verstehen.

Klare Handelsstrategie stärkt Kundenbindung

Banken, die ihre eigenen Datentöpfe und externe Daten, etwa von Verladern, Logistikunternehmen und Zollbehörden, auf einer Datenbank integrieren können, gewinnen einen Informations- und Wettbewerbsvorteil. Auch im Hinblick auf steigende Compliance-Vorschriften wird es wichtiger, relevante Daten für die eigene Geschäftssteuerung zu sammeln und zu analysieren.

Eine klare Handelsstrategie ermöglicht es Banken, die Bindung ihrer Großkunden zu stärken und KMU, die eine zunehmend wichtige Rolle im globalen Handelsgeschäft spielen, neue Optionen der Handelsfinanzierung zu bieten. Die erforderlichen zeitnahen strategischen Weichenstellungen erhöhen die Flexibilität der Institute. Indem sie den tiefgreifenden Veränderungen proaktiv begegnen, können sich Banken auf die neue Handelsagenda einstellen und in den komplexer werdenden Ökosystemen langfristig erfolgreich bestehen.

Fazit

Wenn deutsche Banken langfristig erfolgreiche Partner in der Handelsfinanzierung bleiben wollen, sollten sie jetzt ihre Strategie neu ausrichten, ihre Prozesse und Infrastrukturen digitalisieren, ihr Kapitalmanagement effektiver gestalten und ihre Compliance-Funktionen stärken. So können sie mittel- bis langfristig von sind ändernden Handelsvolumina profitieren.

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Ulrich Trinkaus

Partner Financial Services | Deutschland

Begleitet Banken auf ihrem Weg zur Bank der Zukunft. Glaubt an die Tragfähigkeit des digitalen Ökosystems in diesem Sektor. Gleichermaßen begeisterter Skifahrer und Frankfurter.

Julius Ekardt

Director, Markets and Business Development im Bereich Financial Services I Deutschland

Koordiniert die Dienstleistungen von EY im Hinblick auf einige Financial Services Großkunden, insbesondere in den Bereichen Corporate Banking, Capital Markets und Asset Management.