Kontrolle als Wachstumstreiber?

Von

Mark Watson

EY Americas FSO Board Matters Deputy Leader

Focused on helping financial services firms become resilient and well-governed. Passionate about sound public policy. Avid movie goer. Electronic dance music fan. Proud Anglo-American.

7 Minuten Lesezeit 7 November 2018

Das Risikomanagement von Banken im digitalen Zeitalter Modernes Risikomanagement muss mit technologischen Veränderungen Schritt halten und Digitalstrategien unterstützen.

Die Technologierevolution zwingt Banken dazu, sich neu zu erfinden. Eine wichtige Rolle spielt dabei ein effektives Risikomanagement. Dies zeigt die aktuelle EY-Umfrage Accelerating digital transformation: four imperatives for risk management. Wir führten die Befragung gemeinsam mit dem Institute of International Finance (IIF) durch.

Die Untersuchung identifiziert vier Schlüsselfaktoren, die Bankvorstände, Führungskräfte, Chief Risk Officers (CROs) und andere beteiligte Spezialisten bedenken müssen, um Wettbewerbsvorteile zu erlangen, Vertrauen zu gewinnen und ihre digitalen Ziele zu erreichen. Es gilt:

  1. Sich an ein Risikoumfeld und Risikoprofil anzupassen, das sich schneller und stärker ändert als je zuvor,
  2. Ein effektives und effizientes Risikomanagement umzusetzen und
  3. Dieses als Treiber für Wachstum und Wandel zu nutzen sowie
  4. Störungen effizient zu bewältigen und aufzuarbeiten.

Risikomanagement ist grundlegend für den effektiven Schutz eines Unternehmens. Es sollte fortlaufend eine zentrale Rolle bei der Entwicklung digitaler und IT-Strategien einnehmen - von der Planung bis zur Implementierung. Traditionelle Risikomanagement-Ansätze fokussierten primär die Vermeidung bzw. Minimierung von Risiken. Heute gilt es, neue Modelle zu entwickeln, die dem Unternehmen zudem neues Wachstum ermöglichen. „Der Wandel im Risikomanagement beschleunigt sich im Zuge vielfältiger digitaler Innovationen.

Risikomanager sollen Risiken identifizieren, steuern und das Unternehmen zeitgerecht auf unvermeidbare Risiken vorbereiten. Dabei sollen sie sich fortlaufend mit Vorstand und Fachabteilungen abstimmen, um neue Potenziale zu erkennen.
Andrés Portilla
Managing Director of Regulatory Affairs beim Institute of International Finance

Die tragende Rolle des Risikomanagements im digitalen Wandel

Risikomanagement nimmt im technologischen Wandel moderner Banken zu oft eine passive Rolle ein und nimmt zu wenig Einfluss auf die Entwicklung digitaler- und IT-Strategien. Allein die Basisprozesse im Risikomanagement werden in vielen Fällen nicht strategisch abgestimmt. Das muss sich ändern, und zwar schnell.

Der Risikobereich ist in unseren digitalen Veränderungsprozessen als sogenannter Risk Engine verankert. Viele Prozesse umfassen mehrere Kanäle mit hochautomatisierten Entscheidungsprozessen. Wir bilden den Kern des Ganzen, da der Entscheidungsprozess Teil des Risikomanagements ist.
Auszug aus einem Interview der aktuellen Risikomanagement-Studie von EY
Rolle des Risikos für IT und die digitale Strategie

Die Prozesse im Risikomanagement müssen sich also verbessern. Es gilt, sie schon früh in flexible Entwicklungsprozesse einzubinden und stärkere Kontrollmechanismen zu schaffen, ohne dabei zeitkritische Aktivitäten zu behindern. Dafür braucht es die richtigen Mitarbeiter.

Risikomanagement muss effizienter werden

Im vergangenen Jahrzehnt konzentrierten sich Banken darauf, ihr Risikomanagement in der ersten und zweiten Abwehrlinie mit effektiveren Prozessen zu stärken. Verfügen Unternehmen über die geeigneten Ressourcen, um Risiken zu identifizieren, zu managen, zu überwachen und einzuschränken? 

Heute gewinnt jedoch der Aspekt Effizienz zunehmend an Bedeutung.

Es braucht neue Technologien in allen Bereichen des Risikomanagements und dafür wiederum neue Geschäfts- und Personalmodelle. Andernfalls könnte das Risikomanagement ins Hintertreffen geraten.
Mark Watson
EY Americas FSO Board Matters Deputy Leader

Indem sie neue Technologien effizienter nutzen, können Risikomanager ihre Arbeit optimieren und technologische Innovationen rascher umsetzen. Für viele ist der Weg dorthin jedoch noch lang, da sie gerade erst beginnen, den Wandel zu leben oder erst Teile des Wandels vollzogen haben. Gleiches gilt für die Kooperation mit FinTech-Anbietern. Bisher arbeiten nur vereinzelte Risikomanagement-Abteilungen mit solchen Anbietern zusammen.

Und das, obwohl zahlreiche Risikomanager der Meinung sind, dass neue Technologien ihre Prozesse revolutionieren können, wie die aktuelle EY-Befragung zeigt. Und zwar gleich in mehreren Bereichen: beispielsweise in der Betrugsüberwachung (dies denken 72 Prozent der Befragten) in der, Finanzkriminalität (68 Prozent) und im Modeling (67 Prozent).

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das effizientere Management und die verbesserte Nutzung von Daten. Davon profitiert nicht nur der Risikobereich selbst, sondern auch der Kundenservice. Bis zum Jahr 2021 wollen Banken im Daten-Risikomanagement vor allem die Datenqualität verbessern (93 Prozent), Prozesse stärker automatisieren (74 Prozent) und Daten sowie Kontrollmechanismen im gesamten Zyklus modernisieren (57 Prozent).

Um solche Maßnahmen erfolgreich umzusetzen, braucht es jedoch adäquates Personal. Technologische- und Datenoptimierung reicht nicht aus, um das Risikomanagement leistungsfähiger zu machen. Banken müssen  ebenso die besten Mitarbeiter locken und halten können. Risikomanagement-Teams holen sich zunehmend Spezialwissen ins Haus, um finanzielle und nichtfinanzielle Risiken besser zu steuern. Fachkräfte mit einem Know-how-Mix aus den Bereichen Business, Risiko und Technologie stehen hoch im Kurs.

Banken erwarten neuen Führungsnachwuchs

Risikomanagement in der digitalen Welt

Das Risikomanagement von morgen ist anpassungsfähig und digital. Es steuert die Risiken, die der digitale Wandel mit sich bringt, und zwar vom Front Office bis zum Back Office (digitales Risikomanagement). Darüber hinaus werden digitale Strategien umfassend getestet und angewandt, um Risiken besser zu kontrollieren (digitalisiertes Risikomanagement).

Den Kern des digitalen Risikomanagements bilden die folgenden fünf Elemente:

1.       Reaktionsschnelle, digitale Risiko-Governance: Das Risikomanagement der Zukunft muss sich besser an neue und aufkommende Risiken anpassen können. Diese Anpassungsfähigkeit ist in allen Bereichen gefragt: von der Risikostrategie über die -identifizierung und -bewertung bis hin zur Risiko-Neigung und -limitierung. In der digitalen Welt von heute bildet ein durchsetzungsstarkes Modell auf Basis von drei Abwehrlinien weiterhin die Basis modernen Risikomanagements. Es gilt, vom Vorstand über die Führungsebene bis hin zum einzelnen Mitarbeiter Verantwortlichkeiten klar zu verteilen.

2.      Produkt- und Servicemanagement: Ein wesentlicher Teil des digitalen Risikomanagements besteht darin, die dazugehörigen Prozesse und Kontrollen in die Entwicklung und Umsetzung neuer Produkte, Leistungen und Geschäftsprozesse einfließen zu lassen. Eine Bank kann Innovationen beschleunigen und Risiken mindern, wenn sie adäquate Plattformen nutzt. So lassen sich neue Datenfunktionen, technische Umgebungen (Clouds, Distributed Ledger etc.) und weitgreifende Innovationen wie künstliche Intelligenz in Entscheidungs-, Überwachungs- und Umsetzungsprozesse integrieren.

3.       Resilienz und Vertrauen: Weder Risiko-Governance noch Produktmanagement versprechen Erfolg, wenn das Unternehmen selbst nicht vertrauenswürdig ist. Kunden schätzen Verlässlichkeit, Transparenz und eine geschützte Umgebung. Damit digitales Risikomanagement funktioniert, müssen Banken auf Resilienz, Cybersecurity und Datenschutz setzen. Und das nicht nur im eigenen Plattform- und Produktdesign, sondern auch in der Zusammenarbeit mit Dritt- und Viertanbietern. Bei externen Beziehungen gibt es spezifische Risiken, deren Management sich ebenso grundlegend ändern muss. Dies betrifft unter anderem Due-Diligence-Prüfungen, die fortlaufende Prüfung von Verkaufspartnern sowie das Thema Outsourcing. Ein spezieller Fokus sollte auf dem Umgang mit Anbietern liegen, die in besonders kritische Geschäftsprozesse involviert sind.

4.       Plattformen, Daten und Infrastruktur: Kunden-, Transaktions- und Risikomanagement-Daten lassen sich rascher in Entscheidungsprozesse integrieren, wenn die grundlegenden, zentralen Funktionalitäten auf einer Plattform zusammenlaufen und Datenquellen in sogenannten Data Lakes vernetzt sind. Dank diesem Zusammenspiel können Banken den dynamischen Kundenerwartungen gerecht werden, Mehrwert schaffen und das Risikomanagement anhand qualitativer Daten optimieren.

5.       Agile Entscheidungen: Ist das Risikomanagement in die Optimierung von Kundenerfahrungen und die Geschäftsprozesse eingebunden, können Risikoexperten die erforderlichen Kontrollen sicherstellen. So kann auch die digitale Kundenbindung vom Risikomanagement profitieren. Dazu sind flexible und intelligente Kontrollen in Form digitalisierter Prozesse und Transformationsprogrammen notwendig, die schnell auf neue Risikofaktoren in dynamischen Umfeldern reagieren.

Sie sollten möglichst eigenständig dazulernen und sich verbessern können.

Die aktuelle EY-Bankenumfrage zum Thema Risikomanagement konzentriert sich auf Faktoren, die Vorstände, CROs, Führungs- und Fachkräfte berücksichtigen sollten, um Wettbewerbsvorteile zu erzielen, Vertrauen zu sichern und digitale Ziele zu erreichen. Experten von 74 Banken aus 29 Ländern nahmen an der Umfrage teil.

Laden Sie hier den vollständigen Bericht herunter.

Fazit

Während sich die Banken neu erfinden, befindet sich das Risikomanagement in seiner Rolle und seinen Aktivitäten einer großen Entwicklung. Die Risikogersönlichkeiten müssen sich nach wie vor auf den Schutz des Franchise konzentrieren, aber jetzt müssen sie auch als vertrauenswürdige Berater fungieren, um nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen und die digitalen und technologischen Transformationen der Banken zu informieren.

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