6 Minuten Lesezeit 28 Mai 2020
Kleines Mädchen spielt mit Reifen

Warum die Circular Economy wichtiger ist denn je

Von Marie-Theres Hosp

Manager, Konsumgüter und Handel, Consulting | Deutschland

Berät Kunden dabei, nachhaltige Konzepte in der Unternehmens-DNA zu verankern. War selbst fünf Jahre Unternehmerin im Online-Handel für fair fashion.

6 Minuten Lesezeit 28 Mai 2020

Krisen nachhaltig bewältigen: Unternehmen können das Potenzial der Kreislaufwirtschaft für eine zukunftsgerichtete Transformation nutzen.

Die Auswirkungen des Coronavirus haben die globale Wirtschaft in eine tiefe Krise gestürzt. Nahezu jede Branche ist betroffen – manche Unternehmen müssen stärker kämpfen als andere. Es zeigt sich jedoch: Nachhaltige Produktionszyklen und ein verantwortungsbewusster Umgang mit Ressourcen punkten nicht nur in der Krise, sondern auch mit dem Blick auf die Zeit danach.

Denn die Corona-Krise verändert nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Wertegefüge unserer Gesellschaft, indem sie der Nachhaltigkeit Nachdruck verleiht. Konsumenten dürften künftig mehr Wert auf nachhaltige und regionale Produkte legen. Darauf sollten Unternehmen reagieren und die Krise dazu nutzen, Geschäftsmodelle auf Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft hin zu prüfen und auszurichten.

Bislang werden in der Wirtschaft nicht einmal zehn Prozent – konkret 8,6 Prozent – des weltweiten Materialflusses wiederverwertet. Schon vor der Corona-Krise hat die EU-Kommission einen Aktionsplan zur Circular Economy präsentiert, um Europa sowohl ökologisch sauberer und wettbewerbsfähiger als auch unabhängiger zu machen. Das Prinzip der Kreislaufwirtschaft wird unsere Gesellschaft und unseren Konsum revolutionieren. 

Wir erwarten viele regulatorische Änderungen. Dem Aktionsplan der EU zufolge sollen ab 2030 womöglich nur noch kreislauffähige Produkte auf den Markt gebracht werden. Das wird die Wirtschaft nachhaltig verändern.
Florian Huber
Leiter Unternehmensentwicklung & Co-Leiter EYCarbon | Deutschland, Schweiz, Österreich

In der EY-Studie Wachstumstreiber Kreislaufwirtschaft wollten wir wissen, wo Wirtschaft und Verbraucher stehen, wie die Kreislaufwirtschaft gesehen wird und wie nachhaltiger Konsum gelingen kann. Dafür wurden rund 2.500 Verbraucherinnen und Verbraucher sowie 500 Beschäftigte der Konsumgüterindustrie befragt. Die Ergebnisse zeigen deutlich: Bis zu einer zirkulären Wirtschaft ist es noch ein weiter Weg – und nicht alle Akteure sind auf einer Wellenlänge. Ein Fünf-Punkte-Plan für die Transformation zur Circular Economy.

1. Langlebigkeit durch Ökodesign

Nachhaltigkeit

55 %

der Konsumenten achten beim Kauf eines Produkts auf Langlebigkeit.

Das Thema Nachhaltigkeit ist beim Verbraucher angekommen: Die Langlebigkeit eines Produkts ist für 55 Prozent der rund 2.500 befragten Konsumenten ein Kaufargument. Neben unverpackten Lebensmitteln nutzen sie vor allem Reparaturen (59 Prozent) und Gebrauchtkäufe (51 Prozent) als nachhaltige Angebote.

Um dem Wunsch der Konsumenten nach einer langen Produktlebensdauer gerecht zu werden, sollten Unternehmen auf Ökodesign setzen. Dabei entscheiden das Design inklusive der Materialauswahl über Langlebigkeit und Chancen der Wiederverwertung. So ist beispielsweise eine modulare Produktgestaltung ein wichtiger Grundstein für einen nachhaltigen Produktlebenszyklus. Beispiele hierfür sind einfach zu reparierende Elektrogeräte oder Möbel, die sich modular dem Lebensabschnitt anpassen. 

Circular Economy wird da etabliert, wo die drei Faktoren Regulatorik, Innovationsgeist und Kundenbereitschaft zusammentreffen.
Klaus Ballas
Partner EY Consulting und Sektor Konsumgüter und Handel | Deutschland, Schweiz, Österreich

2. Nachhaltiges Ökosystem entwickeln

Die Relevanz von Nachhaltigkeit schwankt je nach Produktkategorie: So achtet die Hälfte der Konsumenten beim Kauf von Essen und Getränken auf Nachhaltigkeit – 59 Prozent haben schon einmal unverpackte Lebensmittel eingekauft. Dahinter folgen Haushaltsgroßgeräte wie Waschmaschinen (36 Prozent) und Kleidung mit immerhin 30 Prozent. Dass Nachhaltigkeit bei Lebensmitteln so eine große Rolle spielt, liegt auch an der großen Bedeutung von Verpackungsrecycling in Deutschland. Dem Thema Packaging wird auf Seiten der Beschäftigten der Konsumgüterindustrie zwar das größte Potenzial zugeschrieben, doch an der Umsetzung hapert es noch. 

Kreislaufwirtschaft

25 %

der Unternehmen verfolgen im Bereich Produktion / Fertigung kreislaufwirtschaftliche Ansätze.

Nur 16 Prozent der Unternehmen verfolgen bei Verpackungen schon kreislaufwirtschaftliche Ansätze. Dabei ist gerade das Thema Packaging ein Punkt, der – als Bestandteil des Produktes – kreislauffähig gedacht werden muss. Idealerweise kreieren Unternehmen Ökosysteme, in die Produkte und Verpackungsmaterialien zurückgeführt werden können. Wer innovative Lösungen entwickelt, kann zu den First Movern gehören; denn bislang wird die Kreislaufwirtschaft nur in einigen wenigen Bereichen angegangen.

3. Transparenz mit Technologien schaffen

Höherer Preis für Transparenz: Zwei Drittel der befragten Konsumenten sind bereit, für ein nachhaltiges Produkt mehr zu bezahlen. Entscheidend ist dabei, dass das Produkt erwiesenermaßen umweltfreundlich ist. Die wichtigsten Kriterien dafür sind Materialien und Inhaltsstoffe, die Transparenz der Produktionsbedingungen sowie Siegel und Zertifikate. 

Kaufentscheidung

51 %

der Befragten finden es wichtig, vor dem Kauf Informationen zu Materialien und Inhaltsstoffen zu erhalten.

Doch wie können Konsumgüterunternehmen den zahlreichen Anforderungen der Konsumenten gerecht werden? Transparenz und Vertrauen können vor allem über Daten gewonnen werden. An dieser Stelle kommen neue Technologien zum Einsatz, die die nötige Transparenz entlang der kompletten Wertschöpfungskette herstellen können. So werden Unternehmen nicht nur transparent gegenüber ihren Kunden, dem Regulator sowie Finanzakteuren und erzeugen Vertrauen, sondern gewinnen auch wichtige Erkenntnisse zu Optimierungspotenzialen und Schwachstellen. 

Circular Economy ist die Erweiterung und Belebung der Customer Journey. Der Kunde wird länger und intensiver an die Marke gebunden – und das mit einem positiven Effekt.

4. Nachhaltigkeit in Unternehmens-DNA verankern

Über 70 Prozent der Konsumenten sind überzeugt, dass das Thema Nachhaltigkeit in den kommenden fünf Jahren noch weiter an Bedeutung gewinnen wird. In der Konsumgüterindustrie sieht es ähnlich aus: Knapp 80 Prozent der Beschäftigten gehen davon aus, dass im Vergleich zu heute die Relevanz von Nachhaltigkeit in den nächsten fünf Jahren zunehmen wird.

Nachhaltigkeit ist und bleibt ein disruptives Thema. Gerade deshalb ist es essenziell, dass Unternehmen nicht nur punktuelle Nachhaltigkeitsansätze wählen. Stattdessen muss Kreislaufwirtschaft Teil der Unternehmens-DNA und in die Strategie eingearbeitet werden, damit die Botschaft nicht nur authentisch beim Konsumenten ankommt, sondern auch ganzheitlichen Erfolg für das Unternehmen bringt. Unternehmen laufen sonst nicht nur Gefahr, dass ihre nachhaltigen Aktivitäten als Green Washing missverstanden werden; ihre Anstrengungen könnten auch auf operativer Ebene langfristig scheitern.

5. Individuelle Ansätze wählen

Wirtschaft

17 %

der Beschäftigten in der Konsumgüterindustrie gaben an, dass ihr Unternehmen aktiv neue Geschäftsmodelle aufbaut.

Ein überraschendes Ergebnis unserer Studie ist: Nur eine Minderheit der Beschäftigten der Konsumgüterindustrie, selbst jener in leitender Position, hält Kreislaufwirtschaft bis dato in ihrem Unternehmen für sehr relevant (13 Prozent) – und das, obwohl knapp 80 Prozent den zunehmenden Trend zu Nachhaltigkeit erkennen. Hier existiert eine enorme Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, an der die Unternehmen aktiv arbeiten müssen. Der Aufbau neuer Geschäftsmodelle und brancheninterne Unternehmenskooperationen sind unter den Befragten die Mittel der Wahl; jedoch kommen sie nur in je 17 Prozent der Unternehmen zur Anwendung.

Bis zur Transformation des Geschäftsmodells zu nachhaltigen Kreisläufen ist es noch ein weiter Weg. Das liegt auch an der hohen Komplexität zirkulärer Prozesse. Das Prinzip der Kreislaufwirtschaft lässt sich im eigenen Unternehmen nicht nach Schema F verankern – zu unterschiedlich sind die Anforderungen verschiedener Branchen und Produkte. Und nicht immer ist die für den Kunden sichtbare, nachhaltige Maßnahme auch diejenige, die den größten Effekt erzielt. Um zu identifizieren, was für das eigene Unternehmen relevant ist, ist die Methodik der Lean-Start-ups sinnvoll. Sie können schnell und ressourcenschonend Produkte und Geschäftsfelder auf ihre Umsetzbarkeit testen. Diese Möglichkeit wird jedoch bislang noch weitestgehend verkannt, ebenso die Chancen branchenübergreifender Unternehmenskooperationen.

Neben diesem Fünf-Punkte-Plan gilt es, auch essenzielle Auswirkungen in rechtlicher und steuerlicher Hinsicht zu berücksichtigen – und zwar schon zu Beginn der zirkulären Transformation. Unternehmen sollten Experten aus unterschiedlichen Bereichen zurate ziehen, da im Hinblick auf zirkuläres Wirtschaften einige Fragen beantwortet werden müssen, wie zum Beispiel:

  • Wem gehören die einzelnen wiederverwertbaren Materialien eines zusammengesetzten Produktes?
  • Welchen Einfluss haben neue Geschäftsfelder wie Sharing oder Leasing auf die Bilanz?
  • Was bedeutet zirkuläres Wirtschaften für die Zusammenarbeit unterschiedlicher Abteilungen im Unternehmen sowie für die Produktion?

Fazit

Die Kreislaufwirtschaft ist auf dem Vormarsch – und Krisenzeiten zeigen: sie ist notwendiger denn je. Damit sie zum Vorteil aller erfolgreich sein kann, müssen Staat, Unternehmen und Konsumenten gemeinsam an einem Strang ziehen: Mit dem Kreislauf-Aktionsplan hat die EU einen wichtigen regulatorischen Grundstein gelegt. Jetzt ist es an den Unternehmen, innovative Konzepte aktiv voranzutreiben und dabei die Möglichkeiten der Technologie auszuschöpfen. Letztendlich liegt die Verantwortung bei uns allen – Konsumenten müssen den Wert von Nachhaltigkeit sehen und gleichermaßen als Teil der zirkulären Wertschöpfung agieren. Unternehmen sollten ihre Geschäftsmodelle überdenken und langfristig anlegen. Sie benötigen dafür aber auch klare regulatorische Vorgaben, um in einem fairen Wettbewerb agieren zu können.

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Von Marie-Theres Hosp

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