7 Minuten Lesezeit 12 Mai 2020
Solar Panels zwischen Bäumen

Fünf Ds, mit denen die Energiewende zum Erfolg wird

Von

Metin Fidan

Leiter Energiewirtschaft, Leitungsteam EYCarbon | Deutschland, Schweiz, Österreich

Sieht in der Digitalisierung, in der Dezentralisierung und in der Konvergenz vor allem Chancen für die Energiewirtschaft. Wandel ist für ihn kein Problem, sondern eine Gestaltungsaufgabe.

7 Minuten Lesezeit 12 Mai 2020

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Dekarbonisierung, Digitalisierung und drei weitere Megatrends werden die Stromwirtschaft revolutionieren.

Der Stromwirtschaft stehen goldene Zeiten bevor – nicht trotz Corona, sondern (auch) wegen. Denn auf die Krise werden üppige Konjunkturprogramme folgen. Werden sie so umgesetzt, wie Bundesfinanzminister Olaf Scholz es angekündigt hat, wird dabei nicht nur der klimafreundliche Umbau der Volkswirtschaft einen großen Schritt vorankommen. Auch Investitionen, die erst in einigen Jahren auf dem Plan standen, werden früher mit guten Renditen locken. Die Stromwirtschaft wird dabei eine zentrale Rolle spielen, denn sie besetzt die wichtigste Schlüsselposition, um die Volkswirtschaft zu dekarbonisieren.

Die Megatrends, die in den nächsten Jahren die Energiewende treiben, heißen: Dekarbonisierung, Digitalisierung, Dezentralisierung, Demokratisierung sowie Degression der Energieerzeugungskosten – kurz 5 Ds. Mit jedem D sind unterschiedliche Chancen und Herausforderungen verbunden, ihre Gemeinsamkeit liegt in den Wachstumspotenzialen – daran ändert auch die Corona-Krise nichts.

1. Dekarbonisierung

Die Dekarbonisierung steht als strategischer Fixpunkt über allem. Mit dem Pariser Klimaschutzabkommen, den schärferen Klimazielen der Europäischen Union (EU) und den Beschlüssen der Bundesregierung zur Klimaneutralität bis 2050 ist klar, dass die Stromversorgung in den nächsten zwei Jahrzehnten CO2-frei werden muss. Klar ist auch, dass keine andere Energieform in Sicht ist, der das in gleichem Maße gelingen könnte.

Strom wird daher die Leitenergie des 21. Jahrhunderts werden. Die Nachfrage wird in dem Maße steigen, wie sich Industrie, Verkehr und Gebäudewirtschaft von Öl, Gas und Kohle verabschieden. Die meisten Prognosen gehen deshalb davon aus, dass der Stromverbrauch bis 2030 um 10 bis 20 Prozent steigt, bis 2050 sehen einige Forscher sogar eine Verdoppelung.

Mehr als

40 %

stammen in Deutschland aus Windkraft, Solarstromanlagen und anderen erneuerbaren Energien.

Für Strom spricht vor allem, dass er schon heute der klimafreundlichste Energieträger ist. In Deutschland stammen im Mittel mehr als 40 Prozent aus Windkraft, Solarstromanlagen und anderen erneuerbaren Energien. Umgekehrt bedeutet das: Rund 60 Prozent der Stromversorgung müssen in den nächsten 20 bis 30 Jahren noch umgestellt werden, zudem werden Anlagen aus den Anfangsjahren des Erneuerbare-Energien-Gesetzes das Ende ihrer Betriebsdauer erreichen und müssen ersetzt werden. Andere Erzeugungstechnologien als Wind- und Solaranlagen sind weder in den nötigen Mengen noch zu vergleichbaren Kosten absehbar. 

Für Deutschland bedeutet das: Bis 2030 müssen jedes Jahr Windkraftanlagen an Land mit einer Leistung von vier Gigawatt und Solarstromanlagen mit einer Leistung von zehn Gigawatt gebaut werden. Das dafür nötige Investitionsvolumen wird bei deutlich mehr als zehn Milliarden Euro jährlich liegen

Hinzu kommen Windkraftanlagen auf See in ähnlichen Größenordnungen. Nicht entschieden ist, wer die Anlagen baut: traditionelle Stromversorger, die ihr Geschäft nach und nach umstellen, neue Player, die damit auch Marktanteile gewinnen werden, oder Unternehmen und Investoren, die sich damit ein Stück Unabhängigkeit kaufen. Der Wettbewerb ist längst im Gange und bricht auch mit alten Gepflogenheiten: So bietet etwa E.ON inzwischen Windkraftanlagen und Solarstrom  anlagen für den Eigenverbrauch größerer Unternehmen an, die sich ohne Förderung rechnen und dabei zweistellige Renditen bringen sollen. Nichts weniger als ein Angebot zu Lasten eigener Marktanteile im traditionellen Stromgeschäft. Eine Zwischenlösung sind Power Purchase Agreements (PPAs) – langfristige Stromlieferverträge für grünen Strom, die etwa in den USA zum Standard einer nachhaltig ausgerichteten Unternehmensstrategie zählen. Sie ermöglichen den Bau von Erneuerbare-Energien-Anlagen ohne Förderung und sichern dem stromverbrauchenden Unternehmen klimafreundlichen Strom zu wettbewerbsfähigen und langfristig kalkulierbaren Preisen. Auch in Deutschland sehen wir mehr und mehr solcher Modelle.

Den Strommarkt rollen die Erneuerbaren Energien inzwischen gemeinsam mit Gaskraftwerken auf: Die Kombination aus billigem Erdgas und vergleichsweise teuren Emissionsrechten führt dazu, dass Gaskraftwerke vielfach günstiger produzieren als klimaschädliche Kohlekraftwerke – die auf dem Strommarkt deshalb kaum noch zum Zuge kommen. Da immer mehr Klimaschutz dazu führen muss, dass CO2-Zertifikate langfristig deutlich teurer werden, wird die Renaissance der Gaskraftwerke mehr als eine Episode sein.

Zudem ist klar, dass wir Gaskraftwerke umso dringender brauchen werden, je mehr Kohlekraftwerke und Atomkraftwerke stillgelegt werden. Die Betreiber der Stromübertragungsnetze gehen davon aus, dass im Jahr 2022 bis zu sieben Gigawatt an gesicherter Kraftwerksleistung fehlen werden – sieben sehr große Kraftwerke oder etliche kleine Anlagen, deren Leistung dann gebraucht wird, wenn weder Wind noch Sonne Grünstromanlagen antreiben. Offen ist seit Jahren, über welche Zahlungsströme diese Reservekraftwerke finanziert werden – über einen neuen Strommarkt für Versorgungssicherheit – Kapazitätsmarkt – oder über spezielle Versorgungssicherheitsprodukte, die letztlich wie Versicherungspolicen funktionieren und über die sich Stromvertriebe und große Stromverbraucher langfristig in Fällen von Stromknappheit und hohen Strompreisen absichern können.

2. Digitalisierung

Mit dem reinen Investment und der Absicherung von Risiken ist es allerdings nicht getan. Das gesamte Stromsystem muss intelligenter werden, damit es funktioniert. In diese Richtung erleben wir derzeit erste Schritte hin zum zweiten D, der Digitalisierung: Nach über einem Jahrzehnt an Vorbereitung und Entwicklung läuft seit kurzem der Roll-out von Smart Metern und deren Anbindung an Datenzentren über Smart Meter Gateways. Hier wird eine komplett neue Infrastruktur gebaut, die ganz neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Sogenannte „Externe Marktteilnehmer“ (EMT) können schon bald Geschäfte auf der Smart Meter Plattform anbieten, nachdem sie die dafür nötigen Sicherheitsauflagen erfüllt haben. Der Geschäftsfantasie sind kaum Grenzen gesetzt: Sie reicht von der Visualisierung der Stromverbrauchsprofile für die Stromkunden über das Angebot zeitvariabler Stromtarife, die sich am Großhandelspreis orientieren und deshalb Wettbewerbsvorteile bieten, bis hin zu Anwendungen, die gar nichts mit Energie zu tun haben. Von Gesetz wegen müssen die Smart Meter Gateways auch einen Zugang für besonders sicherheitskritische Kommunikation bereitstellen – etwa für Heimautomatisation, Alarmtechnik oder auch die Fernüberwachung von Betriebsmitteln.

Smart Meter sind die bisher fehlende Schnittstelle zum dritten D, der Demokratisierung.

3. Demokratisierung

Vor allem aber sind die Smart Meter die bisher fehlende Schnittstelle zum dritten D, der Demokratisierung der Energieerzeugung. Sie werden Millionen kleiner und großer Stromerzeugungsanlagen direkt mit dem Strommarkt verbinden – durch einen Aggregator, der dadurch etwa in der Lage ist, wie ein Großerzeuger am Strommarkt mitzuspielen oder aber eine Strom-Community aufzubauen, die sich untereinander mit Strom versorgt. Solche Modelle gibt es zwar schon seit einigen Jahren, sie krankten jedoch bisher an proprietären Messlösungen – der Smart Meter mit seiner Standardisierung behebt dieses Hindernis und ist daher die Bedingung für das Massengeschäft.

4. Dezentralität

Auch das vierte D, die Dezentralität, bietet eine Vielzahl von Geschäftspotenzialen. Deshalb können auch kleine Stadtwerke überall im Land mitspielen – ähnlich, wie sie das schon vor 100 Jahren getan haben, als es überall im Land kleine Wasserkraftwerke gab. Weil allerdings Personalkapazitäten und Know-how begrenzt sind, sollten kleinere und mittlere Unternehmen Kooperationen mit anderen lokalen und regionalen Energieversorgern eingehen; auch eine Spezialisierung und Aufteilung von Aufgaben innerhalb der Kooperationen macht in diesem Zusammenhang Sinn.

Stromversorger, die noch ihr eigenes Stromnetz betreiben, profitieren vom Ausbau auch mittelbar: Erzeugungsanlagen, die neu angeschlossen werden, bedingen vielfach den Ausbau der Netze; für deren Bau und Betrieb legt die Bundesnetzagentur auskömmliche Renditen fest. Das ist zwar Geschäft im regulierten Bereich, dafür bietet es Investitionssicherheit über Jahrzehnte. Eine ähnliche Wirkung könnte auch der Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge entfalten. Denn die heutigen Netze sind auf hohe Ladeleistungen nicht vorbereitet – je mehr Elektrofahrzeuge auf die Straße kommen, desto häufiger werden deshalb renditeträchtige Netzverstärkungen notwendig werden.

5. Degression der Kosten

Bleibt schließlich das fünfte D, die Degression der Kosten. Die hohen Haushaltsstrompreise in Deutschland verstellen den Blick darauf, dass Wind- und Solaranlagen dank jahrzehntelanger Entwicklungsausgaben inzwischen die günstigsten Stromlieferanten sind – teilweise liefern neue Anlagen Strom zu Vollkosten, die unter den Grenzkosten abgeschriebener alter fossiler Kraftwerke liegen. Dieser Verdrängungswettbewerb – und nicht Klimaschutz – ist in vielen Ländern der Welt der Grund dafür, dass erneuerbare Energien stark ausgebaut und Kohlekraftwerke abgeschaltet werden.

Es ist absehbar, dass die Kostendegression bei den erneuerbaren Energien weitergeht und auch den Bereich der Stromspeicher erfasst. Zum einen, weil ausgediente Akkus aus Elektroautos ein zweites Leben bei der Stabilisierung von Stromnetzen finden, zum anderen, weil die rasante Entwicklung von Speichertechnologie im Automotive Bereich Rückwirkungen auf die Kosten stationärer Großspeicher hat. Damit rückt die kostengünstige und großtechnische Speicherung von Erneuerbare-Energien-Strom zumindest für ein, zwei Tage nahe – und damit der heilige Gral der Energiewende.

Fazit

Die traditionellen Geschäftsmodelle der Energiewirtschaft – Strom produzieren, transportieren und verkaufen – kommen an ihre Grenzen. Aus den technologischen, wirtschaftlichen und politischen Megatrends – den 5 Ds – erwachsen unzählige neue Geschäftsmöglichkeiten für etablierte, aber auch für neue Player am Energiemarkt. Jetzt gilt es, die richtigen Felder zu identifizieren und strategisch zu entwickeln. Damit lassen sich neue Potenziale ausschöpfen, welche die Energiewende zum Erfolg führen.

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Metin Fidan

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Sieht in der Digitalisierung, in der Dezentralisierung und in der Konvergenz vor allem Chancen für die Energiewirtschaft. Wandel ist für ihn kein Problem, sondern eine Gestaltungsaufgabe.