7 Minuten Lesezeit 29 Oktober 2020
Aufnahme von rauem Meer mit Wellen

Warum sich Unternehmen für Diversität und gegen Rassismus einsetzen sollten

Autoren
Bernhard Lorentz

Managing Partner Markets, Leiter EYCarbon und Government & Public Sector | Deutschland, Schweiz, Österreich

Political Animal und professioneller Optimierer des Staates mit Leidenschaft für Wirkung. Begeisterter Berliner, wo er mit Familie lebt und Hockey spielt – nach 15 Jahren Rugby-Bundesliga.

Rana Deep Islam

Leiter Business Development für den Government & Public Sector | Deutschland, Schweiz, Österreich

Arbeitet an den Schnittstellen zwischen Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Steht in seiner Freizeit gerne auf dem Tennisplatz. Europäer aus Überzeugung und Rheinländer im Herzen.

7 Minuten Lesezeit 29 Oktober 2020

Auf der Straße, im Internet, am Arbeitsplatz: Rassismus passiert überall. Umso wichtiger ist es, dass sich auch Unternehmen klar positionieren.

Überblick
  • EY-Studie stellt fest: Mehrheit der Menschen in Deutschland findet, dass Unternehmen zu wenig für Werte wie Toleranz und Respekt tun.
  • Mit einer eindeutigen Positionierung und klaren Kommunikation der Haltung des Unternehmens lassen sich konkrete Fortschritte im Einsatz gegen Rassismus erreichen.

Die Debatte ist nicht nur in den Medien präsent. Sie wird auf den Straßen der Welt, in den Wohnzimmern und auch verstärkt in Unternehmen geführt: Wie gehen wir mit Rassismus um – und was können wir dagegen tun? Insbesondere die „Black Lives Matter“-Demonstrationen mobilisieren und schärfen das Bewusstsein der Menschen und regen die Diskussion über Rassismus an, auch in Deutschland.

Die Existenz von Rassismus und der Einsatz dagegen gehören auch hierzulande zur gesellschaftlichen Realität. In den vergangenen Jahren ist die Zahl rechtsextremer Gewalttaten gestiegen, Themen wie Flucht und Migration haben populistische und rassistische Denkmuster ans Licht und gleichzeitig die so wichtige Debatte über Rassismus neu ins Rollen gebracht. 

Rassismus

37 %

der befragten Deutschen finden es nicht wichtig, sich aktiv gegen Rassismus einzusetzen. Das zeigt eine Studie, die Civey im Sommer 2020 für Gesicht Zeigen! und EY durchgeführt hat.

Bestandsaufnahme: Rassismus am Arbeitsplatz

Auch Unternehmen und deren Umgang mit Rassismus rücken immer stärker in den Mittelpunkt. Doch wieweit sollten Unternehmen überhaupt zu aktiven Teilnehmern von politischen Auseinandersetzungen werden? Wie bewerten Mitarbeitende und Kunden eine klare Haltung gegenüber Rassismus? Wie sehr sollte sich die Führungsriege von Unternehmen gegen Rassismus und für Toleranz einsetzen? Was erwarten die Mitarbeitenden von ihren Arbeitgebern ganz konkret? Diesen Fragen geht die Studie „Rassismus im Kontext von Wirtschaft und Arbeit – Bestandsaufnahme und Handlungsoptionen“ auf den Grund. 

  • Studie „Rassismus im Kontext von Wirtschaft und Arbeit – Bestandsaufnahme und Handlungsoptionen“

    Die Studie basiert auf Online-Befragungen, die Civey im Sommer 2020 für Gesicht Zeigen! und EY durchgeführt hat. Dazu wurden die Daten in zwei Wellen erhoben, um anfängliche Erkenntnisse mit weiteren Erhebungen tiefergehend analysieren zu können.

    In einem ersten Schritt wurden 5.000 Deutsche ab 18 Jahren vom 2. bis 5. Juli 2020 zu verschiedenen Aspekten von Rassismus und einem möglichen Engagement gegen Rassismus befragt. Basierend auf den Erkenntnissen aus dieser Befragung fand im Sommer 2020 eine zweite umfassende Erhebung zu Rassismus am Arbeitsplatz unter unterschiedlichen Personengruppen statt.

  • Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V.

    Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland wurde im August 2000 aus moralischer Verantwortung gegenüber den Verbrechen der Nazidiktatur und aus Sorge um die demokratischen Grundwerte in unserer Gesellschaft gegründet. Seither setzt sich Gesicht Zeigen! auf unterschiedlichen Ebenen für ein weltoffenes, vielfältiges und tolerantes Deutschland ein.

    Gesicht Zei­gen! arbei­tet in den Berei­chen Aufklärungs- und Pro­jekt­ar­beit. Ziel ist die Stär­kung des gesell­schaft­li­chen Enga­ge­ments und die Sen­si­bi­li­sie­rung für jede Art von Diskriminierung.

Starke Erwartungen der Bevölkerung an die Wirtschaft

Aus der Studie wird vor allem deutlich, dass die Befragten eine ausgeprägte Erwartungshaltung an die Wirtschaft haben, sich stärker gegen Rassismus zu engagieren: 51,8 Prozent der Deutschen sind der Auffassung, dass sich deutsche Unternehmen nicht genug für Werte wie Vielfalt und Respekt in der Gesellschaft einsetzen. Sie finden, dass die Unternehmen auch im Engagement gegen Rassismus zu wenig tun. 57 Prozent erwarten, dass die Entscheider in den Unternehmen mehr leisten.

Wer im Einsatz gegen Rassismus erfolgreich und nachhaltig wirken will, der muss in der Mitte unserer Gesellschaft stehen. Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht oft in ganz konkreten Zusammenhängen – vor allem auch am Arbeitsplatz. Hier lohnt ein Blick auf die Beschäftigten in den Betrieben: Knapp 58 Prozent geben an, dass ihr Arbeitgeber sich aktiv gegen Rassismus stellt und Vielfalt sowie Respekt fördert.

Woher kommt die Ambivalenz der Beschäftigten?

Ein Knackpunkt ist dabei allerdings: Ob die Unternehmen diese Verhaltensweisen auch öffentlich kommunizieren sollten, dazu ist die Meinung der Beschäftigten geteilt (43,6 Prozent sind dafür, 42,1 Prozent dagegen). Welche Schlussfolgerung kann die Geschäftsleitung aus dieser Ambivalenz ziehen? Rassismus muss an oberster Stelle angesprochen werden, denn der Zwiespalt der Belegschaft könnte auch daraus resultieren, dass es bisher keinen echten Diskurs gibt. Sprich: Unternehmen müssen proaktiv kommunizieren. Als ersten Schritt sollten sie den Wunsch der Belegschaft nach einer klaren Haltung gegen Rassismus ernst nehmen, in eine offizielle Unternehmenskommunikation überführen und die Beschäftigten konsequent in den Prozess einbinden.

Einsatz gegen Rassismus sichert den Erfolg des Wirtschaftsstandortes

Auswirkungen auf Wirtschaftsstandort

~ 57 %

der Beschäftigten glauben, dass sich rechtsextreme Vorkommnisse negativ auf den jeweiligen Wirtschaftsstandort auswirken können.

Die Beschäftigten haben ein sehr ausgeprägtes Bewusstsein für die Nachteile von rassistischen Vorfällen auf den Wirtschaftsstandort. Rund 57 Prozent der Beschäftigten glauben, dass sich rechtsextreme Vorkommnisse negativ auf den jeweiligen Wirtschaftsstandort auswirken können:

Politische Äußerungen von Unternehmen und Kundenakzeptanz​

Eine der großen Fragen von Unternehmen ist nach wie vor die der Positionierung: Läuft ein Unternehmen Gefahr, von der Kundschaft abgestraft zu werden, wenn es sich politisch äußert? Hier sprechen die Zahlen für sich: Mit rund 62 Prozent sagt die Mehrheit der Beschäftigten, dass diese Angst eigentlich unbegründet ist. Sie erwarten nicht, dass ihr Unternehmen bei einer klaren Positionierung negative Umsatzeffekte einfährt.

Wenn es also an einem Standort Probleme mit Rassismus gibt und die Mehrheit der Beschäftigten sagt, wir müssen etwas tun und wir sehen keine Gefahr, Kunden zu verlieren, dann stellt sich die Frage: Warum machen Unternehmen das kaum? Warum können sie nicht mehr tun als bisher? Der Geschäftsführung bieten sich vier Hebel, um den Einsatz gegen Rassismus nachhaltig im Unternehmen zu verankern.

Als erster Schritt sollte die Unternehmensleitung ihre Haltung zu Rassismus kommunizieren und erklären, was sie ganz konkret dagegen tun möchte.

1. Klare und transparente Kommunikation

Der Wandel muss von der Geschäftsleitung ausgehen. Man kann eine Belegschaft haben, die sich mit dem Thema auseinandersetzen will – wenn diese aber nicht den Beistand der Geschäftsleitung hat, bringt das wenig. Als ersten Schritt sollte die Unternehmensleitung ihre Haltung zu Rassismus kommunizieren und erklären, was sie dagegen tun möchte. Besondere Bedeutung muss hierbei dem  Code of Conduct beigemessen werden, mit dem Unternehmen Verhaltensleitlinien und handlungsleitende Werte definieren.

2. Einsatz gegen Rassismus als Teil der Unternehmensstrategie

Ebenso wichtig ist es, den Einsatz gegen Rassismus in der Unternehmensstrategie zu verankern. Der Wert eines Unternehmens wird heute schon lang nicht mehr allein von finanziellen Kennzahlen bestimmt. Das gesellschaftliche und regulatorische Umfeld in dem ein Unternehmen agiert wird immer wichtiger.  Wer den Einsatz gegen Rassismus in die Unternehmensstrategie einbaut, setzt ein Zeichen: Klare Ziele werden abgesteckt, Maßnahmen formuliert und notwendige Ressourcen bereitgestellt. Eine konkrete Maßnahme könnte es sein, einen Diversitätsbeauftragten oder eine Beschwerdestelle zu schaffen.

3. Fortbildungen und Trainings für die Beschäftigten

Ebenso wichtig sind konkrete Maßnahmen für die Beschäftigten, zum Beispiel Trainings und Fortbildungen. So können sensible Begrifflichkeiten geklärt und diskriminierende Denk- und Verhaltensmuster angesprochen und vor allem aufgelöst werden. 

Die Geschäftsleitung kann die Belegschaft ermuntern oder Impulse geben, sollte ihnen aber nichts aufdrängen.

4. Netzwerke knüpfen – innerhalb und außerhalb des Unternehmens

Um den Weg gegen Rassismus konsequent zu gehen, sollten Unternehmen die Hilfe von inneren und äußeren Netzwerken nutzen. Die Geschäftsleitung sollte die Mitarbeitenden dazu motivieren, aktiv zu werden, eigene Plattformen und Foren zu schaffen. Aber Vorsicht: Aufzwingen ist der falsche Weg. Wer einen Arbeitskreis nur aufbaut, weil das Thema Rassismus gerade überall aufkocht, geht die Thematik falsch an. Hier gilt: Man kann die Belegschaft ermuntern oder Impulse geben, ihnen aber nichts aufdrängen. Sobald etwas in die Gänge kommt, sollte die Geschäftsleitung hingegen die entsprechenden Ressourcen bereitstellen, beispielsweise für Workshops, Konferenzen oder Veröffentlichungen.

Auch externe Netzwerke sind wichtig und fördern den Austausch über Unternehmensgrenzen hinweg. Das können Arbeitgebervereinigungen oder Verbände sein, aber auch Kontakte zu Experten, Instituten, Universitäten oder NGOs bringen entscheidenden Mehrwert.

Langfristig Denken anstatt vorschnell Handeln

Das Engagement gegen Rassismus muss ein langfristiges Commitment sein. Es darf weder Mittel zum Zweck noch PR-Werkzeug sein. Unternehmen müssen authentisch sein und nach dem Credo handeln: Wir wollen ein diskriminierungsfreies Unternehmen sein, ein Betriebsklima schaffen, das Diversität zulässt und  Rassismus in jeglicher Form verurteilt. 

Fazit

Die Zahl rechtsextremer Gewalttaten in Deutschland steigt, weltweit gehen die Menschen im Rahmen der Black Lives Matter-Bewegung auf die Straße. Das zeigt: Das Thema Rassismus ist heute aktuell wie eh und je. Der Einsatz gegen Rassismus ist ein moralisches Gebot und eine gemeinsame Herausforderung für alle – auch für Unternehmen, die sich bei diesem Thema klar positionieren sollten. Eine Studie, durchgeführt von Civey im Auftrag von Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V. und EY, hat Menschen in Deutschland gefragt, welche Erwartungen sie an Unternehmen haben. Rund die Hälfte der Befragten gibt an, dass Unternehmen zu wenig für Werte wie Toleranz und Respekt tun. 

Über diesen Artikel

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Bernhard Lorentz

Managing Partner Markets, Leiter EYCarbon und Government & Public Sector | Deutschland, Schweiz, Österreich

Political Animal und professioneller Optimierer des Staates mit Leidenschaft für Wirkung. Begeisterter Berliner, wo er mit Familie lebt und Hockey spielt – nach 15 Jahren Rugby-Bundesliga.

Rana Deep Islam

Leiter Business Development für den Government & Public Sector | Deutschland, Schweiz, Österreich

Arbeitet an den Schnittstellen zwischen Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Steht in seiner Freizeit gerne auf dem Tennisplatz. Europäer aus Überzeugung und Rheinländer im Herzen.