5 Minuten Lesezeit 27 April 2020
Frau arbeitet im Labor

Wie professionelle Translation Biotechnologie-Innovationen fördert

Von

Siegfried Bialojan

Leiter EY Life Sciences Center I Deutschland, Schweiz, Österreich

Ist Molekularbiologe und Mediziner aus Überzeugung. Seine Reise aus der Wissenschaft über die Industrie in die Beratung ist vergleichbar mit seinen Reisen um den Globus: anschauen, lernen, machen.

5 Minuten Lesezeit 27 April 2020

Fortschritt im Life-Sciences-Sektor braucht mehr Förderung – zum Beispiel durch professionelle Übersetzung von der Forschung in den Markt.

In einer Garage blitzt ein nagelneues Auto. Es sieht nicht nur phänomenal aus, es kann und hat auch alles, was der Fortschritt für die Zukunft der Mobilität verspricht. Stolz schleicht der Besitzer jeden Tag um das Fahrzeug herum und tätschelt sein Chassis. Draußen, vor der Garage, steht ein Nachbar und fordert ihn auf, das Auto doch einmal ans Licht der Welt zu bringen und es allen zu zeigen. Die traurige Antwort: „Geht leider nicht. Ich habe keinen Treibstoff dafür.“

Dieser Vergleich mag nicht gänzlich übertragbar sein, dient aber dennoch als Parabel auf die Biotechnologie in Deutschland: Hier kommen zu wenig PS der Forschungsaktivität effektiv auf die Straße. Und das nicht, weil die Branche zu wenig Gas gibt – im Gegenteil, die hiesige naturwissenschaftliche Forschung genießt ihren ausgezeichneten Ruf zu Recht. Doch was nützen die besten Ideen, wenn sie im Verborgenen bleiben? Gerade aus dem Bereich der Biotechnologie können Innovationen für Wirkstoffe, Medikamente und Diagnostika ausgesprochen wertvoll sein, vor allem für die Menschen, denen sie weltweit helfen könnten.

Der Deutsche Biotechnologie Report 2020 von EY in Kooperation mit dem Branchenverband BIO Deutschland greift als einen Schwerpunkt das Thema auf, wie sich mit Hilfe einer verbesserten professionellen Translation Investitionsrisiken reduzieren lassen und dadurch die Finanzierung gefördert werden kann.

Höheres Risiko, langwierige Prozesse

Denn das Risiko ist in der Biotechnologie ein besonderer Knackpunkt, weil es im Vergleich zu anderen Branchen höher liegt. Forschungsideen können vielversprechend klingen und beginnen und sich am Ende doch als Irrweg erweisen. Der wird dann zwar vielleicht lehrreich gewesen sein, nur: Derlei Bildungsreisen zahlt niemand gerne, zumindest in Deutschland nicht. Das Mindset ist hierzulande nicht von Risikofreude geprägt, ein bekanntes Problem. Da hätte es der Mann in der Garage aus oben genanntem Beispiel bedeutend leichter, denn Bereichen wie Mobilität oder FinTech sind Kapitalgeber zugewandter – sie bergen eben weniger Risiken bei schnellerer Produktentwicklung. 

Risikokapital

1,5 %

von 6,2 Mrd. Euro Risikokapital für deutsche Start-ups flossen 2019 in die Biotechnologie.

Einen Beleg dafür liefert das EY Start-up-Barometer 2020. Mit 6,2 Mrd. Euro Risikokapital wurde im Jahr 2019 insgesamt bislang die Höchstsumme für Start-ups aufgebracht. Doch lediglich 1,5 Prozent davon landeten im Bereich Biotech. Für einen so zukunftsweisenden Forschungszweig ist das erschreckend wenig. Ziel sollte daher die Identifikation effektiver Maßnahmen sein, mit denen sich Risiken im Innovationsprozess quantitativ reduzieren lassen. Gleichzeitig könnte und sollte dadurch die lahmende Gründungsdynamik einen Schub bekommen.

Mehr Translation – mehr Motivation – mehr Innovation

Als zentraler Hebel könnte sich hierbei die professionelle Translation darstellen: Wenn es gelingt, das Risiko bei der Übersetzung marktrelevanter Ansätze zu reduzieren, könnten Ideen aus der Forschung erfolgreicher die erste Hürde in Richtung kommerzielle Entwicklung nehmen. Die steigende Chance auf Umsetzung ihrer Ideen würde die betreffenden Forscher und Jungunternehmer außerdem stärker motivieren – professionell fundierte Projekte hätten sowohl größere Chancen hinsichtlich des Kapitalzugangs als auch für die Nutzung von Potenzial für Neugründungen. Dr. Christian Tidona, Managing Director bei der BioMedX GmbH, bezeichnet die professionelle Translation als „Katalysator“, der die „Aktivierungsenergie“ senkt und damit den Weg zum Ziel Innovation erleichtert.

Risikohürde

Das Innovationszentrum BioMedX in Heidelberg ist Beispiel für ein neues Kollaborationsmodell zwischen Akademie und Industrie und wirkt so als Translationshebel. Es generiert hochinnovative präklinische Projekte in den Bereichen Biomedizin, Molekular- und Zellbiologie sowie Diagnostik unter konkreten Fragestellungen der Industriepartner. „Damit ist sichergestellt, dass die Projekte von Anfang an exakt auf die Pharma-Fragestellung eingehen und inhaltlich an den bei den Partnern vorhandenen wissenschaftlichen und regulatorischen Standards orientiert sind“, erläutert Tidona.

Das Unternehmen zählt damit zu den Inkubatoren für professionelle Translation, von denen der diesjährige EY Biotech-Report einige vorstellt. Diese Einrichtungen sind darauf spezialisiert, Ideen in der Biotechnologie zu evaluieren und in kommerzielle Produkte umzusetzen. Auf diese Weise werden bestehende Risikoprofile schon einmal signifikant reduziert. Die „Good Translational Practice“ (GTP), wie wir es in der EY-Studie nennen, geht über den bestehenden Status quo von Mentoring und Mietflächen hinaus und zielt auf Company Building als Relevanz für Innovationen ab. Auch Investoren und Tech-Transfer-Organisationen gehören zu den Playern für professionelle Translation und setzen sich inzwischen als Company Builder ein. Zusammen sind sie eher als Partner denn als Konkurrenten zu betrachten, im Ökosystem der Translation stellen sie sich ergänzende Elemente dar.

Die Haupttreiber und Differenziatoren von GTP umfassen:

Direkter Link zur Akademie; Zugang zu Forschungsinstitutionen    

  • Frühzeitiges, aktives Scouting von wissenschaftlichen Ideen mit Zielrichtung Kommerzialisierbarkeit
  • Strenge Selektion der besten Ideen auf der Basis einer fundierten Validierung (Due Diligence)
  • Enge Kooperation zur Formulierung von Business Cases

„Hands-on“-Unterstützung

  • Physische Inkubatoren oder Plattformen
  • Full Service: Forschungsteams und Start-ups können sich auf die wissenschaftliche Arbeit konzentrieren
  • Voll ausgestattete Laborräume statt reiner Immobilienprojekte
  • Technische Infrastruktur: Gerätepark, IT, Versorgung etc.
  • Breites Dienstleistungsportfolio: Einkauf, technische Services etc.
  • Trainingsprogramme: Seminare, Managementkurse, Business Planning etc.
  • Aktives Netzwerk und enge direkte Einbindung von strategischen Partnern, Investoren und anderen Stakeholdern

Aufbau kompetenter Teams

Finanzierung

Der Exit in Form einer Ausgründung ist bei manchen dieser Inkubatoren Teil des Konzeptes; bereitet und begleitet wird der Weg jedoch nur bis zu deren Start. 

Es fehlen professionelle Translationseinrichtungen, die Start-ups von der Gründung bis zu den ersten Meilensteinen mit einer vollfunktionsfähigen Infrastruktur und einem starken Betreuungsnetzwerk umfassend begleiten.

Zwar existieren auch Start-up-Inkubatoren, bei denen Start-ups zum Beispiel unter Obhut eines Pharmakonzerns von dessen Erfahrung und Expertise profitieren können, eine Lücke bleibt dennoch: Was fehlt, sind professionelle Translationseinrichtungen, die Start-ups von der Gründung bis zu den ersten Meilensteinen mit einer vollfunktionsfähigen Infrastruktur und einem starken Betreuungsnetzwerk umfassend begleiten. Sie sind nicht allein wichtig, um hilfreich Unterstützung zu leisten, sondern auch, um Forschern die Konzentration auf ihre Arbeit zu ermöglichen. So erhöht und beschleunigt sich die Wertschöpfung daraus.

Als Leuchtturm gilt in dieser Hinsicht ist das LabCentral/BioLabs in Boston, Massachusetts, nach dessen Vorbild ein BioLabs in Heidelberg entstehen soll. Bisher gibt es allerdings keinen vergleichbaren Inkubator in Deutschland. 

Ökosystem Translation

Auch in der Politik scheint der Ruf nach mehr professioneller Translation angekommen zu sein, das zeigen neue Initiativen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wie das Programm GO-Bio International. Dahinter steckt ebenfalls das Konzept, Ideen auf ihr Kommerzialisierungspotenzial hin zu prüfen und zu selektieren und dadurch den Zugang zu Förderprogrammen zu erleichtern.

Eine professionelle Translation in der Biotechnologie kann für einen Fluss in den oft beklagten „Valleys of Death“ sorgen, in denen Forschungsprojekte oder Start-ups finanziell austrocknen. Zur Minderung oder Heilung von Erkrankungen sollte jedes mögliche Potenzial ausgeschöpft werden – und dieses Potenzial ist vorhanden. Schließlich haben schon einige große Ideen ihren Weg aus einer Garage in die weite Welt gefunden. 

Fazit

Als Ursache für die geringe Umsetzungsrate von Forschungsideen in marktfähige Produkte gilt mangelndes Risikokapital in der Biotechnologie. Dabei ist das Geld generell vorhanden, die Frage ist nur: Wie lässt es sich an die richtigen Stellen leiten? Risikoreduzierung durch professionelle Translation zeichnet sich hier als wirksamer Weg ab.

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Siegfried Bialojan

Leiter EY Life Sciences Center I Deutschland, Schweiz, Österreich

Ist Molekularbiologe und Mediziner aus Überzeugung. Seine Reise aus der Wissenschaft über die Industrie in die Beratung ist vergleichbar mit seinen Reisen um den Globus: anschauen, lernen, machen.