6 Minuten Lesezeit 9 Januar 2024
Moderne ökologische Stadt

Ein überzeugendes ESG-Narrativ wird zwingend für den sicheren Kapitalzugang

Autoren
Norman Wahl

Partner Strategy and Transactions, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Berät Kunden in Fragen der allgemeinen, anlassbezogenen und nachhaltigen Finanzierung; steht für innovative und zielorientierte Lösungen; lebt mit Frau und zwei Töchtern in Frankfurt.

Jens Gerke

Director Capital & Debt Advisory, Sustainable Finance, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Experte für Finanzierungsstrukturierung und -umsetzung sowie für Rating Advisory; verantwortet im CDA-Team den Bereich Nord/Ost; findet Entspannung bei Familie, Yoga und Kochen.

6 Minuten Lesezeit 9 Januar 2024

Unternehmen mit einer transparenten ESG-Strategie könnten zukünftig bessere Finanzierungskonditionen bekommen.

Überblick
  • Nachhaltigkeit ist in Finanzabteilungen omnipräsent. Getrieben von regulatorischem Druck etwa durch CSRD, CSDDD und SFDR verstärkt sich der Fokus auf ESG-Kriterien.
  • Unternehmen befinden sich in unterschiedlichen ESG-Phasen. Gerade Mittelständler stehen erst am Anfang und müssen sich auf die CSRD vorbereiten.
  • ESG-Strategien sind nicht nur ein Tool für mehr Transparenz, sondern könnten zukünftig den Kapitalzugang beeinflussen.

Trotz globaler Krisen und wirtschaftlicher Herausforderungen rückt die Frage nach Nachhaltigkeit immer stärker in den Fokus der Finanzabteilungen. Wir sprechen mit Norman Wahl, Partner Capital & Debt Advisory, und Jens Gerke, Director Capital & Debt Advisory, beide Experten für Sustainable Finance bei EY Deutschland, über die wachsende Bedeutung von ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) und die zunehmenden Herausforderungen für Unternehmen in dieser Hinsicht. Wie gestaltet sich das aktuelle Umfeld für Finanzchefs und welche Auswirkungen hat die aufkommende ESG-Regulatorik? Norman Wahl und Jens Gerke geben Einblicke in die Entwicklungen und Themenstellungen, denen sich Unternehmen gegenübersehen, und erläutern, warum ein glaubhaftes ESG-Narrativ nicht nur entscheidend für die Nachhaltigkeit, sondern auch für den Zugang zu Finanzierungen am Kredit- und Kapitalmarkt sein kann.

EY: Krieg in der Ukraine und in Gaza, massiv gestiegene Energiepreise, eine anhaltende Rezession in Deutschland – welche Rolle spielt Nachhaltigkeit vor diesem Hintergrund in deutschen Finanzabteilungen momentan überhaupt?

Norman Wahl: Nachhaltigkeit ist in jedem Gespräch, das wir mit CFOs, Banken und weiteren Finanzmarktteilnehmern wie Debt Funds führen, ein Thema. Angesichts der wirtschaftlichen, politischen und internationalen Entwicklungen und der damit verbundenen Unsicherheit gibt es sicher Unternehmen, die gerade andere Prioritäten setzen und eine klassische Finanzierung einem Kredit mit „grünem Schleifchen“ vorziehen. Doch die meisten Konzerne haben die Zeichen der Zeit erkannt, setzen sich mit dem Thema Nachhaltigkeit intensiv auseinander – und verstehen die Chancen für die Zukunft, die in dem Thema liegen.

Woher kommt der Druck für CFOs, sich mit ESG-Kriterien auseinanderzusetzen?

Norman Wahl: Dafür sorgt die neue ESG-Regulatorik, zum Beispiel die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) oder die europäische Lieferkettenrichtlinie (CSDDD), die es abhängig von Unternehmensgröße, Umsatz oder Mitarbeiterzahl verpflichtend einzuhalten gilt. Diese regulatorischen Anforderungen rollen wie eine riesige Welle auf Unternehmen zu. Provokativ gesagt: Wer nicht handelt, wird überrollt! Doch der Druck ist nicht einseitig: Einerseits verpflichten CSRD und CSDDD Unternehmen zu verstärkter Transparenz, andererseits wirkt die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) auf Banken in vergleichbarer Weise. Und das sind nur drei Beispiele für den Dschungel an Regulierungen, Standards, Anforderungen und Prozessen, mit denen sich Unternehmen wie auch der Finanzsektor beschäftigen müssen. Das Resultat: mehr Druck in Sachen Transparenz rund um die Nachhaltigkeit auf beiden Seiten, sowohl inhaltlich als auch zeitlich. 

Wo stehen Unternehmen denn bei der Auseinandersetzung mit der ESG-Regulatorik? 

Jens Gerke: Das ist unterschiedlich. Bestimmte Unternehmen von öffentlichem Interesse in der EU – das heißt große, kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten – unterliegen bereits seit 2014 der Richtlinie über die Angabe nichtfinanzieller Informationen (Non-Financial Reporting Directive, NFRD). Für sie werden die Berichtspflichten ausgeweitet und vereinheitlicht, das Thema an sich ist für sie aber nicht wirklich neu. Im Gegensatz dazu stehen viele Mittelständler noch ganz am Anfang. Sie werden in den kommenden Monaten damit beschäftigt sein, sich auf die regulatorischen Mindestanforderungen im Rahmen der CSRD vorzubereiten, die ab dem Geschäftsjahr 2024 – je nach Größenordnung und Kapitalmarktzugang – gelten. 

Norman Wahl: Fakt ist, dass es um viel mehr geht als nur um das Abhaken umfassender Reportingpflichten. Nachhaltigkeit verändert grundlegend den Blick auf Finanzierungen, sowohl aus Unternehmens- als auch aus Bankensicht, und wird in Zukunft eine Grundvoraussetzung für einen sicheren Kapitalzugang zu adäquaten beziehungsweise wettbewerbsfähigen Konditionen sein. Denn Kapitalgeber fokussieren sich immer stärker auf Nachhaltigkeitsrisiken und damit einhergehende Nachhaltigkeitsziele, zum Beispiel in der Herleitung interner Risikobewertungen oder in Bezug auf Net-Zero-Sektorenziele. Somit steigen der Transparenzbedarf und der potenzielle Einfluss auf die Risikobewertung insbesondere bei Finanzierungsfragen.

Gibt es bereits heute Fälle, in denen Banken die Finanzierung aufgrund einer schlechten ESG-Performance verweigern?

Jens Gerke: Die Diskussionen mit Banken werden spürbar länger, wenn deutlich wird, dass es Probleme insbesondere mit dem E- oder dem S-Bereich geben kann. Das betrifft alle Branchen mit einem starken CO2-Fußabdruck, beispielsweise die Zement- oder Automobilindustrie, aber auch Unternehmen mit globaler Lieferkette, die die Einhaltung sozialer Standards nachweisen müssen. Doch ich sehe diese Diskussion gar nicht grundsätzlich negativ: Insgesamt wird die neue ESG-Regulatorik in Bezug auf die Nachhaltigkeitsperformance von Unternehmen für eine ähnliche Transparenz und Vergleichbarkeit sorgen, wie sie heute schon bei den klassischen „Financials“ herrscht. In der langfristigen Betrachtung nach vorn darf auch nicht vergessen werden, dass eine nicht gegebene beziehungsweise eine nicht gelebte Nachhaltigkeitsstrategie auch in der üblichen Risikobewertung im Rahmen des Kreditratings schlagend sein wird – sei es durch sich verschlechternde Finanzkennzahlen, zum Beispiel durch Absatzrückgänge, oder durch schlechtere qualitative Einschätzungen, zum Beispiel von transitorischen Risiken, im Vergleich zu Wettbewerbern mit erfolgreich umgesetzter Nachhaltigkeitsstrategie.

Norman, du sprachst eingangs davon, dass in dieser Transparenz auch eine Chance liegen kann. Wie sieht die aus?

Norman Wahl: Absolut! Am Kapitalmarkt wird die ESG-Performance mittlerweile ähnlich berücksichtigt wie die finanzielle Performance, und wir sehen, dass sich erfolgreich gelebte Nachhaltigkeit auszahlen kann. Bereits heute wird von zwei Unternehmen mit vergleichbaren Finanzkennzahlen das mit der besseren Nachhaltigkeitsperformance bessere Kreditkonditionen erhalten, was sich perspektivisch auch auf den Unternehmenswert auswirkt. Positiv gesprochen: Nachhaltige Unternehmen haben einen Finanzierungsvorteil. Umgekehrt bedeutet das: Eine verfehlte Nachhaltigkeitsstrategie kann im Worst Case den Zugang zu Kapital gefährden und/oder erheblich verteuern. Ein glaubhaftes ESG-Narrativ, ergänzt beispielsweise durch ein gutes ESG-Rating oder aussagekräftigen KPIs/SPTs (Sustainable Performance Targets), wird in Zukunft zwingend notwendig für den sicheren Kapitalzugang sein.

Wie sieht ein gutes ESG-Narrativ aus?

Jens Gerke: Ein gutes ESG-Narrativ ist stringent aus der Geschäftsstrategie abgeleitet und ergänzt sie. Es enthält materielle, messbare und ambitionierte Ziele, die sich extern anhand von ausgewählten Kennzahlen validieren lassen, beispielsweise das SBTI-Approval für einen Dekarbonisierungspfad. Konkrete KPIs sind wichtig, denn eine Nachhaltigkeitsstrategie im Unternehmen zu implementieren ist kein Selbstzweck. Ansonsten ist man schnell im Bereich des Greenwashing, und damit ist niemandem geholfen, weder dem Unternehmen noch der Umwelt im weiteren Sinne. Im Idealfall spiegelt sich die Nachhaltigkeitsstrategie dann auch in der Finanzierungsstrategie, zum Beispiel über die stringente Berücksichtigung im Rahmen eines Sustainable Finance Framework für alle Finanzierungen des Unternehmens. 

Wie unterstützt EY Unternehmen bei der Entwicklung eines solchen Narrativs?

Norman Wahl: Die Entwicklung eines wirkungsvollen ESG-Narrativs erfordert eine gründliche Vorbereitung. Das beinhaltet eine sorgfältige Berücksichtigung von Aspekten wie der Wesentlichkeitsanalyse, dem Reporting, dem Portfolio-Review, der Dekarbonisierung und der regulatorischen Anforderungen. Es ist wichtig, klare Strategien festzulegen, KPIs und nachhaltige Leistungsziele zu definieren oder ein ESG-Rating einzuholen. Zugleich ist es entscheidend, die zentralen Treiber der Stakeholder frühzeitig zu antizipieren. All diese Aspekte führen zu spezifischen Anforderungen an das ESG-Narrativ, das wir transparent kommunizieren möchten. Da hört unsere Beratung aber noch lange nicht auf: Nachhaltigkeit ist multidisziplinär. Sie fängt in der Strategieentwicklung an und zieht sich durch bis zum Einkauf, Verkauf, Engineering, Reporting und zur Investorenkommunikation, sowohl auf Eigen- als auch auf Fremdkapitalseite.

Jens Gerke: Bezüglich der Finanzierung stellen sich Fragen insbesondere hinsichtlich der Ausgestaltung der möglichen Finanzierungsinstrumente: Koppelt man diese beispielsweise an ein Nachhaltigkeitsrating oder an bestimmte Nachhaltigkeits-KPIs? Hier beraten wir Unternehmen, auch in Bezug auf die mit der Ausgestaltung verbundenen Anforderungen im Sinne einer „Best Practice“, der Auswahl einer Nachhaltigkeits-Ratingagentur auch mit Blick auf den anvisierten Finanzierungsanlass beziehungsweise den fokussierten Investorenkreis und der Gestaltung eines Green beziehungsweise Sustainable Framework Agreement. Nicht zu vergessen ist außerdem die faktische Umsetzung der Finanzierung in den Gesprächen und Verhandlungen mit den Finanzierern. 

Fazit

Norman Wahl und Jens Gerke betonen die omnipräsente Bedeutung von Nachhaltigkeit in Finanzabteilungen, angetrieben durch regulatorischen Druck etwa durch die CSRD und die SFDR. Während große Unternehmen schon mit der NFRD vertraut sind, fangen Mittelständler gerade erst an, sich mit ESG-Themen und daraus abgeleiteten notwendigen Maßnahmen auseinanderzusetzen. Erfolgreiche ESG-Strategien könnten den Kapitalzugang beeinflussen und bessere Finanzierungskonditionen bieten, während Unternehmen ohne solide ESG-Strategien möglicherweise erschwerten Zugang zu Kapital und höhere Kosten riskieren.

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Norman Wahl

Partner Strategy and Transactions, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Berät Kunden in Fragen der allgemeinen, anlassbezogenen und nachhaltigen Finanzierung; steht für innovative und zielorientierte Lösungen; lebt mit Frau und zwei Töchtern in Frankfurt.

Jens Gerke

Director Capital & Debt Advisory, Sustainable Finance, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Experte für Finanzierungsstrukturierung und -umsetzung sowie für Rating Advisory; verantwortet im CDA-Team den Bereich Nord/Ost; findet Entspannung bei Familie, Yoga und Kochen.