6 Minuten Lesezeit 5 Juni 2020
Frachtschiff auf stürmischer See

„Vermeiden lassen sich Risiken beim IPO nicht, eindämmen schon“

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EY Deutschland

Wegbereiter des Wandels

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6 Minuten Lesezeit 5 Juni 2020
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Volatile Märkte, verunsicherte Investoren, kaum Planbarkeit: Externe Schocks sind eine Herausforderung für Börsenkandidaten.

Eine gute Stimmung auf dem Börsenparkett ist entscheidend für das Timing und den Erfolg eines Börsengangs: Globale Krisen wie COVID-19 oder Handelskonflikte schicken aber immer neue Schockwellen in Richtung Kapitalmarkt. Vor allem Börsenaspiranten leiden unter den unsicheren und kaum planbaren Märkten. Dr. Martin Steinbach, Partner und Head of IPO and Listing Services bei EY, sieht in den schwankenden Volatilitätsniveaus eine neue Realität – und zeigt im Interview, mit welchen Strategien sich Unternehmen flexibel auf besonders kritische Phasen einstellen können.

EY: Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte, Brexit und nun aktuell die Corona-Pandemie: Wie wirken sich externe Schocks auf den Kapitalmarkt aus, Herr Dr. Steinbach?

Dr. Martin Steinbach: Er wird immer unberechenbarer. Selbst auf Wochenfrist sind Entwicklungen an den Kapitalmärkten kaum mehr vorhersehbar. Die Pandemie ist da ehrlich gesagt „nur“ ein weiterer Faktor in einer ganzen Reihe von Disruptionen. Die grundlegende Veränderung ist, dass der Kapitalmarkt in den vergangen zwei Dekaden durch die Vernetzung von internationalen Liquiditätszentren und durch neue Technologien globaler geworden ist – und dadurch wesentlich anfälliger.

Inwiefern schüren neue Technologien und die Digitalisierung diese Entwicklung?

Das neue digitale Umfeld kennt keine räumlichen oder zeitlichen Grenzen. Wir sehen eine hohe Konnektivität mit rasant zunehmender Geschwindigkeit und einer Informationsverfügbarkeit in Echtzeit, die es so noch nie gab. Im Gegensatz zu früher interessiert es mich heute sehr wohl, ob in China oder in den USA gerade etwas passiert. Die Anfälligkeit für externe Schocks ist gestiegen, unabhängig davon, wo sie ursprünglich auftreten. Seit Jahren erhöht sich dadurch die Volatilität von Aktienkursen, sie hat ein nie dagewesenes Niveau erreicht.

Wie beeinflusst diese gesteigerte Volatilität einen geplanten Börsengang?

Es gibt einen eindeutigen statistischen Zusammenhang zwischen dem Volatilitäts-Level und dem Erfolg eines Börsengangs: Eine hohe Volatilität beeinflusst die IPO-Aktivität negativ. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. In stabilen Märkten erleichtert ein positives Marktsentiment die Preisfindung und den Aufbau des IPO-Orderbuchs. In volatilen Zeiten ist das deutlich schwieriger, da Bewertungskennziffern von Vergleichsunternehmen stark schwanken. Zudem sind Investoren in einem stabilen Umfeld eher bereit, an IPO-Roadshows teilzunehmen und in Börsengänge zu investieren.

Wenn genau in der einen Woche, in der die Platzierungsphase geplant war, etwas Gravierendes auf der Welt passiert, steht plötzlich alles auf der Kippe.
Dr. Martin Steinbach
Leiter Börsengänge und Listing Services | Deutschland, Schweiz, Österreich

Unternehmen planen weiter IPOs. Was sind die neuen Realitäten, auf die sich Börsenaspiranten einstellen müssen?

Ganz vorne steht die geringe Planbarkeit des Kapitalmarktes. Zwar lässt sich ungefähr vorhersagen, wie sich die Märkte auf Basis makroökonomischer Trends langfristig entwickeln – zu erkennen, was in zwei Wochen an den weltweiten Börsen passiert, ist mittlerweile aber unmöglich. Diese hohe Volatilität wird für Börsenaspiranten gerade in der Woche der kritischen Platzierungsphase und der Emissionspreisfindung zur großen – unvorhersehbaren – Herausforderung.

In der Regel bereitet sich ein Unternehmen zwei Jahre darauf vor, IPO-ready zu werden. Es geht um Investments, viel Geld, aber auch um Mitarbeiter, Partner, Lieferanten und den guten Ruf. Wenn genau in der einen Woche, in der die Platzierungsphase geplant war, etwas Gravierendes auf der Welt passiert, steht plötzlich alles auf der Kippe. Während der Champagner bereits im Kühlschrank wartet, kommt auf einmal Selters auf den Tisch.

Wie reagieren Unternehmen in solchen Situationen?

Einige reduzieren das Platzierungsvolumen, um so die Verwässerung geringer zu halten. Andere entscheiden sich in letzter Minute für eine Verschiebung des Börsengangs oder sagen ihn sogar komplett ab. Das waren bisher die Standardwege.

Gibt es Strategien, um sich flexibel auf diese kritische Phase einzustellen?

Absolut. Emissionsprozesse und -konzepte können und müssen sich anpassen, um den neuen Realitäten Rechnung zu tragen und für Börsenkandidaten das Risiko in der Platzierungsphase zu senken. Neben dem klassischen Weg stehen mehrere andere Routen zur Verfügung. Die Wahl der alternativen Strategie hängt von der jeweiligen Situation ab: So kann ein global aufgestelltes Unternehmen mit Bekanntheitsgrad ein Direct Listing anvisieren. Auch wer bereits vor dem Börsengang ein Mindestmaß an Streubesitz, also „Free Float“ einer hohen Investorenschar besitzt, kann diesen Weg einschlagen.

Was, wenn man sich den Ruf bei Investoren erst noch erarbeiten muss?

Dann kann ein Safe IPO die passende Strategie sein. Ziel ist es, vor Börsengang genug „Free Float“ zu generieren, indem die Aktienplatzierung entweder vor dem IPO erfolgt oder nachdem man sich am Kapitalmarkt positioniert hat.

Eine andere Möglichkeit ist der Indirect IPO. Hier wird der Schritt aufs Börsenparkett durch den Zusammenschluss mit einem bereits börsennotierten „Akquisitionszweckunternehmen“, ein sogenanntes SPAC (Special Purpose Acquisition Corporation) sicher vorangetrieben, indem das Unternehmen von der direkten Nutzung des verfügbaren Kapitals und der vorhandenen Börsennotiz profitiert.

Wie sieht es bei Fusionen oder der Abspaltung von Einheiten aus?

Der Kandidat kann im Zuge eines Reverse IPO mit einer börsennotierten Gesellschaft im eigenen oder nahen Sektor fusionieren oder eine Akquisition durchführen. Eigentümer erhalten dabei börsennotierte Aktien am fusionierten Unternehmen ohne das Platzierungsrisiko im IPO-Prozess zu tragen.

Für Tochtergesellschaften oder Unternehmenseinheiten von bereits börsennotierten Konzernen ist der Carve-out-IPO eine Option. Hier kann das Transaktionsrisiko durch eine Spiegelung der Aktionärsstruktur der Muttergesellschaft herausgenommen werden – unabhängig vom Kapitalmarkt.

Und auch IPO Bonds sind eine Möglichkeit. Hier nutzen Börsenkandidaten eine IPO-Wandelschuldverschreibung oder IPO-Optionsanleihe, um zum Zeitpunkt des geplanten Börsengangs neue Aktionäre zu bekommen und Streubesitz zu schaffen. Mit der Handelsaufnahme der geschaffenen Aktien wird der Börsengang dann realisiert.

Aber ist es denn überhaupt sinnvoll im volatilen Umfeld den Schritt an die Börse zu wagen? Oder sollten Unternehmen ruhigere Zeiten abwarten?

Längerfristiges Abwarten ist für viele Unternehmen nicht die beste Lösung. Wachstum muss finanziert werden und für die Realisierung von Innovationen und das Erreichen von Marktanteilen ist Schnelligkeit erfolgskritisch. Volatilität ist die neue Normalität. Sind Unternehmen gut vorbereitet, können sie kurzfristig öffnende IPO-Fenster nutzen

Gibt es einen IPO-Fahrplan für volatile Zeiten?

Vermeiden lassen sich Risiken in der kritischen Platzierungsphase beim IPO nicht, eindämmen schon. Ein Patentrezept gegen Volatilität gibt es nicht. Vielmehr können zum Beispiel ein Plan B und die aufgezeigten Alternativen für den Weg an die Börse individuell bewertet werden. .Deshalb müssen Unternehmen von Anfang an Wege finden, mit den stärkeren Unsicherheiten umzugehen.

Abwarten ist keine langfristige Lösung. Volatilität ist die neue Normalität.
Dr. Martin Steinbach
Leiter Börsengänge und Listing Services | Deutschland, Schweiz, Österreich

Wie legen Unternehmen dafür die beste Grundlage?

Die Ergebnisse eines umfassenden IPO Readiness Assessments sind häufig die beste Grundlage. Am Anfang muss sich jedes Unternehmen fragen: Macht ein Börsengang überhaupt Sinn? Schafft der Kapitalmarkt für mich einen Nutzen? Auf dem Weg zur IPO Readiness und im Transformationsprozess von einem privat geführten zu einem öffentlichen notierten Unternehmen ist- eine rechtzeitige und ganzheitliche Vorbereitung, in der Regel zwölf bis 24 Monate vor dem IPO maßgeblich.

Sechs bis zwölf Monate vor dem geplanten IPO sollten Eigentümer und Geschäftsleitungen Aspekte zu „Right Team, Right Price, Right Story“ klären. Wurden im Rahmen eines strukturierten Auswahlprozesses die richtigen Konsortialführer ausgewählt? Haben wir uns im Kapitalmarkt bekannt gemacht? Bietet die Equity Story weiteres Wertsteigerungspotenzial für neue Investoren nach dem Börsengang? Und: Haben wir einen Plan B? Auf diesem Weg lassen sich bestimmte Risiken frühzeitig ausbremsen.

Es bleibt die Frage: Wie lässt sich das Risiko der hohen Markt-Volatilität während der erfolgskritischen Platzierungsphase senken oder gar herausnehmen?

Indem Unternehmen flexibler werden, gut planen und traditionelle Wege in Frage stellen. Börsenkandidaten können das IPO Ecosystem mit neuen Ansätzen herausfordern.

Dank neuster Technologien erreicht man Investoren auch in Krisenzeiten, selbst virtuelle Road Shows und Realtime-Feedback sind möglich. Raue Zeiten erfordern smarte Ideen und Kreativität.
Dr. Martin Steinbach
Leiter Börsengänge und Listing Services | Deutschland, Schweiz, Österreich

Gerade die Corona-Krise zeigt, wie wichtig eine virtuelle Welt sein kann. Das ist quasi der Schulterschluss zum oben genannten global-vernetzten digitalen Kapitalmarktumfeld ohne räumliche oder zeitliche Grenzen. Dank neuester Technologien erreicht man Investoren auch in Krisenzeiten. Erste Erfahrungen der IPO-Praxis zeigen, selbst virtuelle Roadshows und Realtime-Feedback sind mit Investoren möglich. Wir sehen: Raue Zeiten erfordern smarte Ideen und Kreativität.

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Fazit

Für Börsenaspiranten in der kritischen Platzierungsphase ist die hohe Volatilität an den Märkten eine besondere Herausforderung – gerade in der Woche der Emissionspreisfindung. Um die Risiken zu senken, stehen Unternehmen neben dem klassischen Weg an die Börse mehrere alternative Strategien zur Verfügung. Diese führen zu einer Börsennotiz und sichern gleichzeitig die hohen Investitionen in die Kapitalmarktfähigkeit und in den Wertpapierprospekt.

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